Das Hofheimer Hütchenspiel: Wie der Bürgermeister sein Machtzentrum ausbaut

Das Hofheimer Hütchenspiel: Wie der Bürgermeister sein Machtzentrum ausbaut

Es ist ein Dokument der stillen Posten-Verschiebung: Das neue, offizielle Organigramm der Hofheimer Stadtverwaltung liegt Hofheim-News vor. Und es zeigt: Während die Stadt finanziell auf dem sprichwörtlichen Zahnfleisch geht, baut Bürgermeister Willi Schultze hinter den Kulissen ein neues, ganz auf ihn zugeschnittenes Machtzentrum aus. Obwohl die Politik angesichts explodierender Personalkosten gebetsmühlenartig Einsparungen fordert, scheinen die Naturgesetze der Haushaltskonsolidierung im Vorzimmer des Rathauschefs schlicht außer Kraft gesetzt.

Schon Schultzes Start im Rathaus verlief maximal unglücklich. Erinnern wir uns: Seine erste große Amtshandlung war der Luxus-Import einer Persönlichen Referentin aus seiner alten Wirkungsstätte Hattersheim. Ein kostspieliges Unterfangen, das die ohnehin klamme Stadtkasse mit über 7.500 Euro im Monat belastete. Die Liaison hielt bekanntlich nicht lange, einen Tag vor Ablauf der Probezeit folgte die Trennung. Hinterher hieß es lediglich, die gegenseitigen Erwartungen an die Zusammenarbeit hätten sich langfristig nicht erfüllt.

Hofheims Bürgermeister stand plötzlich ohne persönliche Assistenz da – doch still und leise wurde nun eine typisch Hofheimer Lösung gecastet

Der Blitzaufstieg des Imagepflegers

Auftritt Jonathan Vorrath. Nach einem klassischen Zeitungsvolontariat startete er bei der Hofheimer Stadtverwaltung und firmierte zuletzt unter dem stattlichen Titel „Leiter Stabsstelle Presse, Öffentlichkeitsarbeit und Tourismus“. Das ist ein Posten, bei dem tiefschürfendes Verwaltungsfachwissen traditionell nicht zwingend im Fokus steht.

Rathaus
Zum Vergrößern anklicken: Das neue Rathaus-Organigramm, das uns Rathaus-Mitarbeitende zuschicken.

Jetzt, pünktlich zum 15. Juni, avancierte Vorrath per Mail-Signatur zum „Leiter Fachbereich Büro des Bürgermeisters“. Wie auch das neue Organigramm zeigt, hat Schultze seinen Sprecher kurzerhand zum persönlichen Büroleiter befördert.

Die Premiere des frischgebackenen Chefstrategen geriet allerdings direkt zu einem kommunikativen Totalschaden. Vorraths erste Amtshandlung war der Versand einer Pressemitteilung zu einem Grundstückstausch im neuen Diedenbergener Gewerbegebiet „In der Lach“. Der Text glich einem Loblied auf das Verhandlungsgeschick der Verwaltung, da eine Einnahme von einer Million Euro erzielt worden war. Auf Nachfrage von Hofheim-News, was die Stadt denn im Gegenzug für dieses vermeintliche Finanzwunder eingebracht habe, versicherte Vorrath schriftlich, es habe sich um einen sauberen Eins-zu-Eins-Tausch gehandelt.

Das wäre ein exzellentes Geschäft gewesen – hätte es denn den Fakten standgehalten. Recherchen von Hofheim-News zeigen jedoch ein gänzlich anderes Bild. Von wegen Eins-zu-Eins-Tausch – die Stadt hat bei dem Geschäft rund 8.000 Quadratmeter abgegeben und im Gegenzug gerade einmal 2.000 Quadratmeter erhalten. Unter dem Strich hat Hofheim für den Deal also satte 6.000 Quadratmeter abgetreten. Umgerechnet ergibt das einen Quadratmeterpreis von gerade einmal 170 Euro. Zum Vergleich: Im benachbarten Gewerbegebiet Wallau Ost III zahlt ein Investor für den Quadratmeter Summen von über 250 Euro.

Der Versuch des neuen Büroleiters, die Bilanz seines Dienstherrn öffentlichkeitswirksam aufzuhübschen, endete krachend mit einer handfesten Fehlinformation.

Champions-League sitzt in Hofheim auf der Reservebank

Es verfestigt sich der Eindruck, dass unter Schultze persönliche Loyalität im Zweifel schwerer wiegt als fachliche Erfahrung. Das zeigt besonders drastisch die Personalie Marc Schlüter. Als Magistratsdirektor besetzt der Mann die absolute Champions-League der kommunalen Gehaltstabellen. Schlüter galt einst als engster Vertrauter von Ex-Rathauschef Christian Vogt, der ihn sogar zum Schatten-Bürgermeister machte. Das Bekanntwerden dieser brisanten Personalentscheidung leitete Vogts politischen Niedergang ein und machte Schultzes Aufstieg zum Bürgermeister überhaupt erst möglich.

Schlüter, der heute den Fachbereich Zentrales leitet, besitzt zweifellos das fachliche Rüstzeug, um ein Bürgermeisterbüro fehlerfrei zu führen. Unter Schultze genießt er jedoch offensichtlich den Status eines Ministers im Exil. So leistet sich die klamme Kreisstadt ein ebenso teures wie absurdes Luxusproblem: Während erfahrene Spitzenkräfte auf die Reservebank verbannt werden, wird die Führung des Bürgermeisterbüros zum Experimentierfeld für handverlesene Quereinsteiger.

Rathaus-Karriere: Vom Empfangstresen in die Chefetage

Zur stellvertretenden Büroleiterin machte Schultze Tanja Klein. Deren ungewöhnliche Blitzkarriere liefert auf den Rathausfluren schon seit dem letzten Herbst zuverlässig Stoff für fassungsloses Tuscheln. Vor gut fünf Jahren saß sie noch hinterm Empfangstresen des Innovationszentrums in der Feldstraße, wo die Stadt ein paar Büros an Therapeuten und Kleinunternehmer vermietet. Vogt holte sie in sein Vorzimmer, wenig später wechselte sie als Mitarbeiterin in die Pressestelle.

Unter dem CDU-Bürgermeister konnte sie dank fantasievoller Stellenbeschreibungen eine steile Karriere machen. Aus der ehemaligen Empfangskraft wurde eine angebliche Expertin für die „strategische Beratung des Verwaltungsvorstands in der Krisen- und Projektkommunikation“, die zudem „an der öffentlichen Außendarstellung und Positionierung der Stadt Hofheim“ mitwirkt. Der damit verbundene Gehaltssprung, den Vogt ihr kurz vor seinem Abgang zusprach, barg jedoch ein logistisches Problem: Sie hätte finanziell über ihrem eigenen Vorgesetzten Vorrath gelegen. Die pragmatische Lösung im Rathaus: Auch für den Chef gab es mehr Geld.

Das Hütchenspiel mit dem Organigramm

Auf unsere Fragen zu den Hintergründen des aktuellen Stellenumbaus hieß es aus dem Rathaus zunächst kühn, es handele sich um einen Beitrag zur Haushaltskonsolidierung. Diese Argumentation ist abenteuerlich, Konsolidierung bedeutet schließlich Ausgabenreduzierung. Ein Umstrukturierungsprozess an der Verwaltungsspitze zieht im öffentlichen Dienst erfahrungsgemäß jedoch eher Beförderungen und damit Mehrkosten nach sich.

Unbestritten suggeriert das neue Organigramm auf den ersten Blick optische Sparsamkeit, da das „Team Sekretariat Bürgermeisterbüro“ plötzlich wie von Zauberhand verschwunden ist – zumindest auf dem Papier. Doch Willi Schultze verzichtet natürlich keineswegs auf sein gewohntes Vorzimmer. Die neue Optik im Organigramm ist schlicht bürokratische Kosmetik.

Auf Nachfrage räumt das Rathaus denn auch ein, dass die Aufgaben weiterhin unverändert wahrgenommen werden – nun eben, wie es im besten Behördendeutsch heißt, „organisatorisch wieder unmittelbar dem Bürgermeister zugeordnet“. Im Klartext: Die Kosten für den Steuerzahler bleiben exakt dieselben, man hat lediglich das Schild an der Bürotür umetikettiert.

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Ausschnitt aus dem Organigramm vom November 2025: Bürgermeister Willi Schultze hatte sich eine Persönliche Referentin geholt, die zugleich das Büro des Bürgermeisters leitete. Die Pressestelle war als eigene Stabsstelle direkt neben ihm angesiedelt.
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Das neue Organigramm: Der Leiter der Pressestelle übernimmt das Büro des Bürgermeisters und zieht mit seinen Mitarbeitern dorthin um. Das Sekretariat entfällt auf dem Papier, das Team Strategische Digitalisierung wurde gelöscht. Die Stelle „Persönliche Referentin“ gibt’s weiterhin.

Im Zuge dieses grafischen Hütchenspiels verabschiedete sich Schultze auch klammheimlich von einem seiner zentralen Wahlkampfversprechen. Damals tönte er noch großspurig, die Digitalisierung zur Chefsache zu machen, und gönnte sich prompt ein eigenes „Team Strategische Digitalisierung“, angesiedelt direkt in seinem Vorzimmer. Das wurde sang- und klanglos aus dem neuen Organigramm wegradiert.

Auf mehrmaliges Nachhaken von Hofheim-News musste die Verwaltung dann auch noch einräumen: Es gab dieses vermeintliche Kompetenzteam zwar stolz auf dem Papier – aber völlig ohne echte Mitarbeiter. Im O-Ton klingt das so: „Dem früheren Aufgabenbereich waren keine Beschäftigten ausschließlich als eigenes Team zugeordnet; deshalb gab es insoweit auch keine personelle Umsetzung eines eigenen Teams.“ Das große Chefthema Digitalisierung entpuppt sich somit als reine, politisch inszenierte Luftnummer – die operative Kärrnerarbeit wird künftig beim altbekannten „Team E-Government“ im Fachbereich Zentrales abgeladen.

Ach ja, fast vergessen: Die vakante Stelle der „Persönlichen Referentin“ existiert auch im neuen, offiziellen Stellenplan munter weiter. Sie wartet diskret auf die nächste, kostspielige Besetzung. Auch das gehört offenbar zur Hofheimer Haushaltskonsolidierung.

TR

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