Digitaler Offenbarungseid im Rathaus: Flagge zeigen, Verantwortung löschen

Digitaler Offenbarungseid im Rathaus: Flagge zeigen, Verantwortung löschen

Hofheims Stadtverwaltung liebt das Netz. Zumindest solange dort brav applaudiert wird. Kaum ein Tag vergeht, an dem die Rathaus-Presseabteilung nicht mit Videos, Storys, Hochglanzfotos und Dauer-Selbstvermarktung durch die Timelines der Bürger rauscht. Man inszeniert die Verwaltung gern als modern, digital und nahbar. Umso bemerkenswerter ist das Kommunikationsdesaster, das sich das Rathaus nun selbst eingebrockt hat. Eine Geschichte über digitale Symbolpolitik, dünnhäutige Öffentlichkeitsarbeit — und erstaunliche Angst vor Gegenwind.

Passiert ist Folgendes: Zum internationalen Aktionstag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (Idahobit) hisste die Stadt letzte Woche vor dem Rathaus die Regenbogenflagge. Angetreten war der Bürgermeister samt Entourage. Das dazugehörige Foto landete erwartungsgemäß sofort auf den offiziellen Social-Media-Kanälen der „Kreisstadt Hofheim am Taunus“. Offenbar gedacht als wohlfeiles Signal von Offenheit und Haltung.

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Screenshot vom Post der Stadtverwaltung: Vor dem Rathaus hisste Bürgermeister Willi Schultze im Beisein von Mitarbeitenden die Regenbogenfahne.

Doch statt digitalem Schulterklopfen explodierte unter dem Beitrag binnen Stunden die Kommentarspalte. Dort sammeln sich inzwischen hunderte Beiträge — von homophober Hetze („Einfach nur krank.“) über ideologische Tiraden bis hin zu primitiven Fäkalbeleidigungen, die jeder halbwegs verantwortliche Seitenbetreiber normalerweise umgehend entfernt hätte.

Genau das geschah aber nicht. Die Kommentare blieben stehen. Tagelang. Sichtbar auf den offiziellen Kanälen der Stadt. Bis heute kamen mehr als 650 Reaktionen zusammen.

Moderation? Praktisch keine. Gegenrede? Fehlanzeige.

Das Hofheimer Rathaus lässt den Hass einfach laufen. Seit Tagen schon.

Obendrüber steht unübersehbar das Label: „Kreisstadt Hofheim am Taunuss Beitrag“.

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Zwei eher harmlose Beispiele aus den Kommentaren – alle unter dem Label „Kreisstadt Hofheim am Taunus“

Besonders absurd wirkt das vor dem Hintergrund anderer Prioritäten im Rathaus. Während unter dem Regenbogen-Beitrag die Kommentarspalte entgleiste, reagierte der Bürgermeister an anderer Stelle äußerst empfindlich auf Kritik: Nach kritischen Beiträgen zum neuen digitalen Mängelmelder ging er umgehend zum Gegenangriff über — inklusive öffentlicher Empörung über einen angeblich „wütenden Mob“ von Falschparker-Freunden.

Die Botschaft, die er damit sendete, ist fatal: Geht es um Kritik an eigenen Projekten, wird im Rathaus sofort scharf geschossen. Wenn dagegen queere Menschen auf den offiziellen Kanälen massiv verhöhnt und beleidigt werden, herrscht plötzlich vornehme Zurückhaltung.

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„Krank“, „Mist“, „Quatsch“ – die hier zitierten Kommentare gehören noch zu den harmloseren Formulierungen unter dem Beitrag der Stadt.“

Erst nach einer Presseanfrage von Hofheim-News folgte überhaupt eine Reaktion. Die Stellungnahme von Rathaussprecher Jonathan Vorrath geriet dabei unfreiwillig komisch. Das tagelange Wegsehen wurde im Nachhinein kurzerhand zur pädagogischen Strategie erklärt:

Eine „ausführliche öffentliche Auseinandersetzung“ sei für die Verwaltung unumgänglich, „ein einfaches Moderieren bzw. leises Löschen oder Verbergen der Kommentare wird diesem Ausmaß der Verunglimpfungen nicht gerecht“. Erst „im Nachgang der Einordnung“ werde man die Kommentare löschen. Man habe sich zu dieser „besonderen Maßnahme“ entschieden, weil sich solcher Hass unter Posts zu diesem Thema immer wieder häufe.

Die skurrile Konsequenz der Rathaus-Logik: Erst soll der Hass als Anschauungsmaterial im Netz stehenbleiben, nach vollzogener „Einordnung“ will man die über 650 Kommentare dann aber doch löschen.

Mit anderen Worten: Das Problem wurde nicht übersehen – man hat die Hetze ganz bewusst als digitalen Pranger stehen lassen.

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Die Aufforderung an die Stadt, die Kommentarspalte endlich zu moderieren, blieb bislang folgenlos. Stattdessen läuft die Hetze weiter.

Das ist eine bemerkenswerte Argumentation. Wer soziale Netzwerke aktiv für politische Symbolbilder und Imagepflege nutzt, trägt auch die Verantwortung für das, was darunter passiert. Die Regenbogenflagge war schnell gehisst. Verantwortung für den digitalen Raum darunter wollte im Rathaus offenbar niemand übernehmen.

Wer aber Haltung plakatieren will, darf sich nicht wegducken, sobald es ungemütlich wird. Aus dem eigenen Fehler im Nachhinein ein pädagogisch aufgeladenes Konzept zu basteln, ist nicht strategisch. Es ist der untaugliche Versuch, eklatantes Kommunikationsversagen schönzureden.

Denn am Ende bleibt der bittere Eindruck: Für ein schnelles Foto im bunten Schein der Regenbogenflagge reicht der Mut im Rathaus allemal. Um sich schützend vor die Menschen zu stellen, für die diese Flagge steht, reicht er offenbar nicht.

HN/TR

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