Gastbeitrag: Ein Baustellen-Zufall reicht nicht – Wo bleibt der politische Wille?
Hofheim-News hat über den Vorschlag der Grünen berichtet, die Untere Hauptstraße testweise zur Fußgängerzone zu machen [hier]. Das Thema ist seitdem Stadtgespräch, pro und contra werden teils hitzig diskutiert. Nun schaltet sich die Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt mit einer klaren Replik ein. Ihr Urteil: Der Testlauf ist ein begrüßenswerter Lichtblick – doch wer die Altstadt wirklich lebenswert machen will, darf nicht bei einem bloßen Baustellen-Zufallsprodukt stehen bleiben. Lesen Sie hier den vollständigen Gastbeitrag der Bürgervereinigung:
Ein Gastbeitrag der Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt
Wenn nach zweieinhalb Jahren Arbeit im Arbeitskreis Innenstadt nun die Grünen einen Punkt aufgreifen und vorschlagen, die untere Hauptstraße zur Fußgängerzone zu entwickeln – zunächst wenigstens als Pilotprojekt –, ist das durchaus als kleiner Lichtblick zu werten. Zumal sich die Gelegenheit eher zufällig ergibt: Wegen der Sanierung des Innenstadtrings wird die Einfahrt aus der unteren Hauptstraße ohnehin gesperrt werden müssen.
So begrüßenswert der Vorstoß ist, so deutlich muss aber auch gesagt werden: Für eine historische Altstadt, deren enge Gassen nie für den heutigen Autoverkehr gebaut wurden, ist ein zeitlich begrenzter Versuch in der unteren Hauptstraße noch keine überzeugende Verkehrspolitik.
In der Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt beschäftigt sich seit Jahren ein Arbeitskreis mit den Verkehrsproblemen der Altstadt. Im Austausch mit der Interessengemeinschaft Lebenswertes Ostend, der Hofheimer Agenda, dem Einzelhandelsverband IHH, dem ADFC und interessierten Vertreterinnen und Vertretern politischer Parteien wurden konkrete Positionen zur Neuordnung des fließenden und ruhenden Verkehrs entwickelt. Das Ziel ist klar: weniger unnötiger Autoverkehr und mehr Lebens- und Aufenthaltsqualität für Bewohner und Besucher.
Das ist beileibe keine besonders radikale Forderung. Eine historische Altstadt sollte ein Ort sein, an dem Menschen gern zu Fuß unterwegs sind, sich begegnen und verweilen können. Dazu gehören Gassen, in denen man entspannt flanieren kann, und eine Fußgängerzone, die diese Bezeichnung tatsächlich verdient. Kinder sollten sich dort bewegen können, ohne dass immer wieder Autos auftauchen, die dort nichts zu suchen haben.
Die Realität sieht vielerorts anders aus. Autos suchen kostenlose Parkplätze in den engen Gassen, auf dem Tivertonplatz wird wild geparkt, in der oberen Hauptstraße werden Gehwege zugestellt. Durch die Fußgängerzone gibt es Bequemlichkeitsverkehr, in der unteren Hauptstraße wird möglichst direkt vor Eisdiele, Restaurant oder Geschäft gehalten. All das summiert sich zu einer Verkehrssituation, die nicht zu dem Anspruch passt, die historische Altstadt als attraktiven Lebens- und Aufenthaltsraum zu entwickeln.
Deshalb erwarten wir von der Politik mehr Entschlossenheit. Verkehrsreduktion darf nicht immer erst dann möglich werden, wenn eine Baustelle sie ohnehin erzwingt. Sie muss politisch gewollt, geplant und umgesetzt werden.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um eine autofreie Altstadt. Bewohner müssen ihre Häuser erreichen können, Lieferverkehr muss möglich bleiben, ebenso Zufahrten für Menschen, die darauf angewiesen sind. Aber zwischen notwendigem Verkehr und bloßer Bequemlichkeit besteht ein entscheidender Unterschied. Genau diesen Unterschied muss eine zeitgemäße Verkehrspolitik endlich ernst nehmen.
Die Verlängerung der Fußgängerzone in die untere Hauptstraße wäre deshalb ein guter Anfang. Sie sollte aber nicht als isoliertes Experiment betrachtet werden, nach dessen Ende alles wieder zum alten Zustand zurückkehrt. Sie muss Teil eines größeren Konzepts sein, das den Autoverkehr in der historischen Altstadt auf das notwendige Maß reduziert, den ruhenden Verkehr ordnet und Fußgängern wieder den Raum gibt, der ihnen zusteht.
Eine menschengemäße Altstadt entsteht nicht von selbst. Sie braucht politische Entscheidungen – und gelegentlich auch den Mut, Gewohnheiten infrage zu stellen. Wenn nun mit der unteren Hauptstraße tatsächlich begonnen wird: umso besser. Aber nach Jahren der Diskussion sollte aus einem kleinen Lichtblick endlich mehr werden als nur ein Nebenprodukt einer Straßensanierung.
Foto: Raimund Rupp

