Insolvenzbeschluss liegt vor – Bei Polar-Mohr geht es jetzt um die nackte Existenz

Insolvenzbeschluss liegt vor – Bei Polar-Mohr geht es jetzt um die nackte Existenz

Für das Hofheimer Traditionsunternehmen Polar-Mohr – heute PCT Maschinenbau GmbH – geht es ab sofort um das nackte Überleben. Am Mittwoch um Punkt 9:30 Uhr eröffnete das Amtsgericht Frankfurt das Hauptinsolvenzverfahren wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Was als geordneter Rettungsweg geplant war, wurde jedoch prompt von der Realität überholt: Der Hauptkunde Heidelberger Druckmaschinen nutzte die Stunde Null für einen radikalen Befreiungsschlag im Hintergrund, der dem angeschlagenen Werk den Boden unter den Füßen wegzieht. Gestern fand dazu eine emotionale Betriebsversammlung statt. Gibt es überhaupt noch eine Rettung für den Standort? Das erscheint nach den jüngsten Ereignissen eher unwahrscheinlich.

Am 1. Juli um Punkt 9:30 Uhr eröffnete das Amtsgericht Frankfurt das Hauptinsolvenzverfahren (Aktenzeichen 810 IN 613/26 P-12). Als Vertreter der PCT Maschinenbau GmbH wurden notiert: Geschäftsführer Yorck Richter aus Lugano in der Schweiz und als Generalbevollmächtigter der Stuttgarter Rechtsanwalt Martin Mucha, Partner in der international agierenden und auf Insolvenzrecht spezialisierten Kanzlei Grub Brugger. Ein Hauch von weiter Welt im Frankfurter Gerichtssaal – doch für die Belegschaft in Hofheim geht es ums Überleben.

Was rechtlich als offizielle Eröffnung des Sanierungswegs gilt, ist für den Betrieb ein Ritt auf der Rasierklinge. Zwar hat das Gericht die sogenannte Eigenverwaltung angeordnet – das bedeutet, die Geschäftsführung um Yorck Richter bleibt handlungsbevollmächtigt und führt die Geschäfte selbst weiter –, doch das schützt nicht vor radikalen Einschnitten. Die Schonfrist ist vorbei: Zuletzt wurden die Löhne der rund 203 verbliebenen Beschäftigten für drei Monate über das Insolvenzgeld gesichert. Ab jetzt muss der Betrieb das Geld wieder selbst erwirtschaften. Es geht nun um die nackte Existenz eines Unternehmens, das über Jahrzehnte weltweit das Aushängeschild für Präzision „Made in Hofheim“ war.

Dass PCT in diesem Frühjahr endgültig die Puste ausging, liegt an einer harten strategischen Entscheidung des Hauptkunden: Heidelberg baut einen Billig-Standort in Mazedonien auf. Dorthin wandert die Produktion ab – auch zwei Modellreihen, die bislang im chinesischen Polar-Standort in Shanghai gebaut wurden. Das Werk in Shanghai wird deshalb nach 25 Jahren zum 31. August komplett dichtgemacht.

Weil künftig auch die Hofheimer Produkte in Mazedonien vom Band laufen sollen, brachen PCT im Inland die Umsätze weg. Die Geschäftsführung stand mit dem Rücken zur Wand und nannte das jetzige Insolvenzverfahren „unabwendbar“.

Und jetzt folgte der nächste, womöglich finale Wirkungstreffer durch den Hauptkunden: Noch am Tag der Insolvenzeröffnung, am gestrigen 1. Juli, verkündete Heidelberg laut dem Finanz-Informationsdienst „finanz-trends“ die „vollständige Übernahme von Polar“. Bei genauerem Hinsehen erweist sich das als strategisches Filetieren:

Heidelberg kauft nicht etwa die angeschlagene PCT GmbH, sondern gliedert lediglich die komplette Produktion und Entwicklung der Polar-Maschinen in den eigenen Konzern ein [hier]. Für die Hofheimer Gesellschaft ist das ein Desaster: Das ursprüngliche Ziel, mithilfe des Insolvenzrechts unrentable Altlasten abzustreifen, um überhaupt wieder auf Augenhöhe mit Heidelberg verhandeln zu können, ist damit faktisch hinfällig. Heidelberg hat vollendete Tatsachen geschaffen.

Insolvenzverfahren: Der schleichende Abstieg des Weltmarktführers

Der Niedergang des einstigen Branchenprimus wurde im August 2022 bekannt, als ein erstes Schutzschirmverfahren begann. Lieferengpässe und explodierende Materialkosten, aber auch Versäumnisse des Managements hatten das Unternehmen ins Trudeln gebracht. Die darauffolgenden Rettungsversuche glichen einem Ausverkauf auf Raten:

Das fast 50.000 Quadratmeter große, geschichtsträchtige Firmengelände an der Hattersheimer Straße wurde an den Kelkheimer Projektentwickler Horn verkauft: Hier soll schon bald mit dem Bau eines komplett neuen Stadtteils von rund 500 Wohnungen angefangen werden.

Anfang 2023 übernahm der Wiener Investor SOL Capital Management das Unternehmen selbst unter dem Namen Polar Cutting Technologies (PCT).

Insolvenz
Bald Geschichte: Die Gebäude des alten Traditionsunternehmens Polar Mohr sollen im nächsten Jahr verschwinden – auf dem Gelände entsteht ein neuer Stadtteil.

Mitte 2025 folgte die Zäsur: Der jahrzehntelange Partner und Branchenriese Heidelberger Druckmaschinen AG kaufte die Technologie, die Markenrechte, Patente und den Vertrieb.

Damit schrumpfte PCT in Hofheim zu einem reinen, extrem erpressbaren Auftragsfertiger. Das Werk hielt zwar das Know-how und die Ersatzteilversorgung für die weltweit rund 100.000 Polar-Schneidemaschinen aufrecht, verlor aber jegliche Kontrolle über den Markt – und lieferte sich Heidelberg komplett aus.

In Betriebsversammlung wurde Belegschaft informiert

Ein zuletzt geplantes, sogenanntes Zukunftskonzept entpuppte sich vor allem als brutaler Schrumpfkurs. Unter dem Namen „PCT 2.0“ wolle man sich nur noch auf margenstarke, computergesteuerte Maschinen und Robotik konzentrieren, hieß es bei PCT im Frühjahr. Für die Belegschaft bedeutet das in jedem Fall einen drastischen Einschnitt: Die Mitarbeiterzahl sollte von gut 200 um fast die Hälfte reduziert werden, weil viele Kompetenzen im neuen, schlanken Modell schlicht nicht mehr gebraucht werden.

Gleichzeitig endete nach rund 120 Jahren das Ende der Ära in der Heimatstadt. Die Suche nach einem neuen Standort war zuvor zu einem politischen Dauerbrenner mit reichlich Zündstoff avanciert. Hofheims damaliger CDU-Bürgermeister Christian Vogt hatte das Stadtparlament regelrecht dazu gedrängt, das neue Gewerbegebiet in Diedenbergen („In der Lach“) im Eilverfahren auszuweisen, um den Traditionsbetrieb um jeden Preis in der Stadt zu halten. Doch weil der Flächeneigentümer – der Berliner Möbel-Höffner-Besitzer Kurt Krieger – nicht baute, existiert das Areal bis heute nur auf dem Papier. Kriegers wahre Pläne gelten inzwischen als Blackbox. Längst wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, dass dort statt der versprochenen Flächen für regionale Unternehmen künftig eher ein riesiges, lukrativeres Rechenzentrum entstehen könnte.

Ausgelöst durch die fehlenden Flächen und die drückenden Kosten zog die PCT-Führung im Frühjahr die Reißleine: Es beschloss, in das steuerlich günstigere Eschborn umzuziehen, ein Vorvertrag für ein Bestandsgebäude wurde unterzeichnet. Ob dieser Umzug mitten im Insolvenzverfahren überhaupt noch finanzierbar ist und umgesetzt wird, ist völlig unklar.

Bei der gestrigen Betriebsversammlung wurde die Belegschaft über den bitteren Ernst der Lage informiert. Während das Insolvenzverfahren läuft, sollen die aktuellen Aufträge abgearbeitet werden, um überhaupt Geld in die Kasse zu bekommen. Doch der finanzielle Spielraum ist minimal. Von Kündigungen war wiederholt die Rede, auch von einem bevorstehenden Aus des Unternehmens.

Das Insolvenzgericht hat dem Unternehmen klare Leitplanken gesetzt und die Frankfurter Rechtsanwältin Julia Kappel-Gnirs zur Sachwalterin bestellt. Ihre Aufgabe ist es, der Geschäftsführung ganz genau auf die Finger zu schauen: Verbindlichkeiten außerhalb des normalen Geschäftsbetriebs darf das Management ab sofort nur noch mit ihrer ausdrücklichen Erlaubnis eingehen. Mehr noch: Kappel-Gnirs kann jederzeit verlangen, dass alle eingehenden Gelder und sämtliche Zahlungen des Betriebs ausschließlich über ihren Tisch laufen.

Die Eigenverwaltung ist die letzte Chance für eine Rettung, bringt das Unternehmen aber an den Rand der Zerreißprobe. Ob am Ende ein stark verkleinertes „PCT 2.0“ in Eschborn überlebt oder ob das Traditionsunternehmen endgültig zerschlagen und liquidiert werden muss, entscheidet sich in den nächsten Wochen.

Durch den jüngsten Coup von Heidelberg hat sich das Blatt dramatisch gewendet: Da der Großkunde die operative Entwicklung und Produktion nun selbst in die Hand nimmt, hat PCT in Hofheim sein wichtigstes Faustpfand verloren. Wenn in den anstehenden Gesprächen keine fundamentale Kehrtwende gelingt, droht dem Traditionsbetrieb statt der Sanierung das endgültige Aus. „Eine Lösung wollen wir für den Geschäftsbetrieb natürlich so schnell wie möglich haben“, hatte Rechtsanwalt Mucha erst kürzlich gesagt.

Doch die Uhr tickt unerbittlich – und Heidelberg hat den Takt vorgegeben.

TR

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