Stadt kassiert eine Million: Kommt jetzt ein Rechenzentrum nach Diedenbergen?
Vom geplatzten Handwerker-Traum zur Millionen-Blackbox am Autobahnrand in Diedenbergen: Wie die Hofheimer Rathausspitze ein Bodengeschäft im Gewerbegebiet In der Lach feiert, das bei genauerem Hinsehen vor allem kritische Fragen aufwirft.
Es ist eine Nachricht, die für die chronisch klamme Pleite-Stadt Hofheim auf den ersten Blick wie ein warmer Geldregen klingt: Eine runde Million Euro fließt nach einem geschickten Grundstückstausch im Diedenbergener Gewerbegebiet in die Stadtkasse. Doch hinter dem vermeintlichen Verhandlungstriumph von Planungsdezernent Daniel Philipp zieht im Hintergrund längst ein ganz anderes Kaliber auf. Die Spatzen pfeifen es von den Diedenbergener Dächern, es klingt überaus plausibel: Steht der Stadtteil vor dem Einzug eines gigantischen Rechenzentrums?
Um die aktuelle Entwicklung zu verstehen, müssen wir den Blick zurückwerfen – auf eine Genese, die von Anfang an unter keinem guten Stern stand. Es war der damalige Bürgermeister Christian Vogt, der das geplante Gewerbegebiet am Rande von Diedenbergen regelrecht durch die städtischen Gremien peitschte. Das Argument damals wog schwer: Dem Hofheimer Traditionsunternehmen Polar Mohr drohte das wirtschaftliche Aus. Mit der dramatischen Warnung, 300 wertvolle Arbeitsplätze auf einen Schlag zu verlieren, wurden sämtliche Bedenken beiseite gewischt. Ein neues Areal musste her – koste es, was es wolle.
Als Retter und Entwickler trat der Berliner Milliardär Kurt Krieger auf, dem die Möbelkette Höffner gehört und der in Diedenbergen fast 20 Hektar landwirtschaftlicher Flächen zusammengekauft hatte. Kriegers ursprünglicher Plan, dort ein eigenes, monumentales Möbelhaus hochzuziehen, scheiterte am politischen und regionalplanerischen Widerstand. Doch der Bürgermeister hatte angeblich vorgesorgt: Christian Vogt verkündete seinerzeit vollmundig, es gebe jede Menge Interessenten. Das zukunftsträchtige Versprechen, vor allem Flächen für das heimische Hofheimer Handwerk zu schaffen, diente schließlich als moralischer Hebel, um die gesamte Planung im Stadtrat durchzuwinken.
Was folgte, war eine beispiellose Aneinanderreihung von Rückschlägen und Pannen. Polar Mohr sprang trotz des politischen Kraftaktes ab – unternehmerisches Pech. Kurz darauf meldeten sich die Archäologen an, um das Terrain penibel zu untersuchen – ein weiterer Rückschlag, der mit beträchtlicher Verzögerung im Zeitplan einhergeht; bis in den Herbst hinein sollen die Arbeiten noch dauern. Zu allem Überfluss stellte sich heraus, dass eine Versorgungsleitung mitten durch das Areal führt – ihre Verlegung oder Sicherung gilt in Fachkreisen als extrem teuer und planerisch ärgerlich.
Für den erfolgsverwöhnten Investor Krieger läuft es in Diedenbergen – von außen betrachtet – nicht rund. Im Rathaus spricht man hinter den verschlossenen Türen längst von einer „Blackbox“: Niemand weiß mehr so genau, was der Berliner Milliardär auf den blockierten Parzellen eigentlich im Schilde führt.

Und jetzt plötzlich der Paukenschlag aus dem Dezernat des Ersten Stadtrats. Um das Gebiet überhaupt sinnvoll bebauen und auch mit leistungsfähigen Zufahrten zur Autobahn versehen zu können, mussten die Eigentumsflächen neu sortiert werden. Die Stadt benötigte von Krieger rund 2.000 Quadratmeter. Im Gegenzug hielt Hofheim dort Grundstücke von geschätzt 8.000 bis 10.000 Quadratmetern, die für die Kommune allein völlig nutzlos waren.
In einer euphorischen Pressemitteilung feiert sich die Verwaltung nun für ein vermeintlich glänzendes Geschäft. Planungsdezernent Daniel Philipp ließ verkünden, es sei in zähen Verhandlungen gelungen, den gutachterlich ermittelten Wert der städtischen Flächen mal eben zu verdoppeln. Hinter den Kulissen heißt es, der Gutachter habe den Wert ursprünglich auf magere 80 Euro pro Quadratmeter taxiert – Krieger zahlt nun den doppelten Satz. Einen Abzug vom abgeleiteten Bodenrichtwert gibt es laut Stadt nicht; stattdessen verbucht die Kämmerei einen satten, außerordentlichen Ertrag von einer Million Euro.
Philipp zeigt sich sichtlich erleichtert: „Mit Blick auf unsere Haushaltsituation bin ich sehr froh, dass es uns gelungen ist, an dieser Stelle einen außerordentlichen Ertrag zu erzielen.“ Er verbinde damit die Hoffnung, dass nun endlich in absehbarer Zeit Bewegung in das zähe Projekt kommt.
Das klingt betriebswirtschaftlich hervorragend, erfährt jedoch bei genauerer Betrachtung der regionalen Immobilienrealität eine empfindliche Relativierung. Nur einen Steinwurf entfernt, im benachbarten Planungsgebiet Wallau Ost III, entwickelt derzeit ein anderer Investor Gewerbeflächen. Dort, so sickert aus Branchenkreisen durch, sollen Preise von deutlich über 250 Euro pro Quadratmeter geflossen sein. Vor diesem Hintergrund relativiert sich der Hofheimer „Verhandlungserfolg“: Hätte die Stadtspitze mit etwas mehr Chuzpe und Marktkenntnis nicht noch deutlich mehr herausholen müssen?
Gerüchteküche Diedenbergen: Vorhang auf für das Rechenzentrum
Genau an diesem Punkt biegt die Geschichte in die harte ökonomische Realität ab. Wenn ein versierter Großinvestor wie Krieger bereitwillig Summen investiert, die weit über den Angaben der Gutachter und den Erwartungen der Stadt liegen, dann tut er das nicht aus reiner Nächstenliebe gegenüber der Hofheimer Haushaltskonsolidierung. Mit der Ansiedlung von kleinteiligen Hallen für Handwerksbetriebe – wie es Christian Vogt einst den Bürgern versprach – lassen sich solche Grundstückspreise und die immensen Entwicklungskosten niemals wieder einspielen. Das lokale Handwerker-Versprechen ist damit wohl endgültig Makulatur.
Und so blüht in Politkreisen ein ganz heißes Gerücht: Krieger, der das Möbelhaus nicht bauen durfte, will nun verständlicherweise Kasse machen. Die logische Konsequenz: Er verkauft seine Flächen an einen Investor aus einer Branche, in der Geld eine völlig untergeordnete Rolle spielt. Betreiber von Rechenzentren stehen unter gewaltigem Expansionsdruck und zahlen für strategisch günstig gelegene Areale – nahe an den zentralen Datenknotenpunkten des Rhein-Main-Gebiets und direkt an der logistischen Schlagader der Autobahn – nahezu jeden Preis. Ihre Devise lautet schlicht: Hauptsache bauen, und das so schnell wie möglich.
Für Hofheim muss das kein Weltuntergang sein. Im Gegenteil: Wenn die Stadt dieses Mal clever verhandelt, könnte sie eines Tages von sprudelnden Gewerbesteuereinnahmen profitieren, die ein paar Handwerkergaragen so niemals abgeworfen hätten. Auch die direkten Anwohner dürften aufatmen – zumindest im Vergleich zu den verkehrsintensiven Sorgen, die die Planungen im benachbarten Wallau Ost III bereiten. Ein Rechenzentrum verursacht nach seiner Fertigstellung so gut wie keinen spürbaren Liefer- oder Pendlerverkehr. Mehr noch: Wenn die Rathausspitze die Verhandlungen nicht völlig verschläft, könnte die massive Abwärme der Server-Riesen für die lokale Wärmeversorgung angezapft werden – ein ökologischer und ökonomischer Pluspunkt, der dem Projekt im Nachhinein eine ganz neue Attraktivität verleihen würde.
Natürlich ist die architektonische Kröte bitter: Es droht ein gewaltiger, fensterloser Klotz direkt an der Autobahnsilhouette, der das Landschaftsbild visuell dominieren wird. Aber die klamme Kreisstadt hat kaum eine Wahl. Wenn Hofheim finanziell überleben und endlich im digitalen Hier und Jetzt ankommen will, wird man sich an solche pragmatischen, wenn auch unschönen Kompromisse gewöhnen müssen.
Unser Bild oben zeigt: Links verläuft die Straße zur Autobahnauffahrt, rechts – auf den heute noch landwirtschaftlich genutzten Flächen – soll das Gewerbegebiet „In der Lach“ entstehen.
TR



Rechenzentren – es gibt ganz umweltverträgliche, aber die meisten sind Stromfresser (das geht ja noch), Hitzequellen (im Winter ganz angenehm bei Wärme-Anschluss). Aber mit großer Wahrscheinlichkeit wird diese Technik für paar Cent das Grundwasser wegziehen. Dann muss es über die Mittelstrecke teurer eingekauft werden – aber der Vogelsberg läuft auch grad leer Richtung Frankfurt. Die Hanglange und der Untergrund machen die Gegend zu einer schnell trainierenden Geschichte – sieht man am Lorsbach.
Also Obacht bei den Ressourcen! Das kann später teuer werden.
Im Wonnegau haben die Gemüsebauern das Salatpflanzen eingestellt wegen Hitze und Wassermangel. Wie sehen das die Hofheimer Landwirte, wenn Wasser im großen Maßstab abgezogen wird?
Und übrigens: Frankfurt-Höchst ist fast die einzige Gegend in Hessen, die sich absenkt – wegen der Industrie-Entnahm. Setzt sich der Boden, dann gehen eigentlich wasserführende Kapillaren zu und später nicht mehr auf. Grundwasser ist dann perdu.
Übrigens ist Wasserdampf nicht so harmlos, sondern zählt zu den Treibhausgasen.
Naja – Hofheim wird das sicher nachhaltig abgewogen.