Hofheimer Finanz-Drama: Jetzt gerät auch der Landrat ins Visier

Hofheimer Finanz-Drama: Jetzt gerät auch der Landrat ins Visier

Das Hofheimer Finanzelend erreicht die nächste Eskalationsstufe. Jetzt soll auch Landrat Michael Cyriax (CDU) für das Desaster geradestehen. Das fordert jedenfalls Bernd Hausmann. Der streitbare Ex-Stadtverordnete der Linken tut das, wofür er im Hofheimer Rathaus seit Jahren gefürchtet ist: Akten wälzen, Paragrafen sezieren – und unbequeme Fragen stellen. Diesmal hat er seine Erkenntnisse in eine formelle Dienstaufsichtsbeschwerde gegossen und ans Regierungspräsidium Darmstadt geschickt. Sein Kernvorwurf: Die Misere ist nicht nur das Werk des Ex-Bürgermeisters Christian Vogt. Sie ist auch das Ergebnis eines Totalversagens der Kreis-Kommunalaufsicht.

Die ohnehin kurze Amtszeit von CDU-Bürgermeister Vogt endete im finanziellen Fiasko – so weit, so bekannt. Die Quittung dafür zahlen jetzt die Hofheimer Bürger. Doch die Affäre zieht längst tiefere Kreise und frisst sich mittlerweile bis in die Aufsichtsbehörden hinein. Seiner Hauptaufgabe, der Prävention, so rechnet Hausmann vor, sei der Main-Taunus-Kreis im Fall Hofheim schlicht „zu spät und ungenügend nachgekommen“.

Bereits im April hatte eine Mehrheit der Stadtverordneten auf Antrag der Linken beschlossen, dass der Magistrat die Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen Vogt beantragen soll. Die Basis dafür ist Sprengstoff: der Revisionsbericht des Main-Taunus-Kreises nach einer plötzlichen Kassenprüfung. Das Papier liest sich in Teilen wie ein Sündenregister. Vogt soll Warnungen ignoriert, die Politik getäuscht und Vorschriften gebeugt haben. Ob aus dem Beschluss des Stadtparlaments ein handfestes Verfahren wird, prüfen derzeit die Juristen.

Doch das ist nur die halbe Geschichte. Jetzt zieht Hausmann die zweite Ebene ein. Der Altmeister der kommunalen Detailarbeit schießt scharf gegen das MTK-Landratsamt. Dort sitzt die Kommunalaufsicht – und die hat laut Hausmann weggeschaut. Jahrelang.

Schon kurz nach Vogts Amtsantritt 2019, als dieser von Vorgängerin Gisela Stang (SPD) noch pralle „Rücklagen in Höhe von 9,3 Mio. Euro“ erbte, seien die Weichen falsch gestellt worden. Im Rekordtempo brauchte der neue Rathauschef das Erbe auf. Bereits der Doppelhaushalt 2021/22 sei nach dem kühnen Motto gestrickt gewesen: „Wenn die Ausgaben höher sind als die Einnahmen, dann setze man einfach – auf dem geduldigen Papier des Haushaltsplans – die Einnahmen so hoch an, dass sie gleich hoch sind wie die Ausgaben.“

Um genehmigungspflichtige, langfristige Darlehen durch den Landrat zu umgehen, finanzierte Vogt die Stadt über Kassenkredite. Das ist der Dispo der Stadt. Extrem teuer, aber unauffällig. Der Vorteil für Vogt: Er konnte stolz verkünden, Schulden abgebaut zu haben. Ein reiner PR-Gag auf Pump.

Und was machte der Kreis? Nichts. Er nahm diese Haushaltsführung „offensichtlich kommentarlos hin“. Kein Warnschuss, nicht mal ein Hinweis an die ahnungslosen Stadtverordneten.

Es kam noch dicker. In Vogts sechsjähriger Amtszeit stiegen die Planstellen der Stadt um 23 Prozent und die Personalkosten um 58 Prozent. Die Kommunalaufsicht des Kreises? Sagte nichts dazu. Auch als Vogt später Millionen hin- und herschob, um das Loch in der Kasse zu kaschieren, blieb das Landratsamt stumm.

Hausmann wird deutlich: „Somit war der Aufsichtsbehörde schon spätestens Anfang 2024 bekannt, dass die Stadt Hofheim zahlungsunfähig war.“ Doch die Aufsicht schwieg, und die Hofheimer Parlamentarier tappten weiter im Dunkeln.

Selbst als im Sommer 2025 der Dispo-Rahmen der Stadt per Nachtrag von 15 auf 25 Millionen Euro hochgeschraubt wurde, ohne die rechtlich erforderliche Fortschreibung des Haushalts anzugehen, schaute das Landratsamt zwar zu, unternahm aber nichts, „um die Gemeinde zu gesetzeskonformem Handeln zu bewegen“.

Das Ende vom Lied: Ende 2025 stand eine Kreditlinie von schwindelerregenden 40 Millionen Euro – und im ersten Quartal 2026 musste die Stadt die Begleichung fälliger Forderungen bereits „priorisieren“, sprich: Gläubiger schlicht auf ihr Geld warten lassen. Wenn der Landrat dann pikiert an den Magistrat schrieb, es sei „weiterhin nicht nachvollziehbar“, wie es dazu kommen konnte, kontert Hausmann trocken: Genau diese Aufklärung wäre der Job des Kreises gewesen. Hofheim hätte längst ein „Verdachtsfall“ sein müssen.

Landrat
Ein CDU-Plakat zur Kreistagswahl im März: Christian Vogt (vorn rechts) kandidierte – direkt hinter ihm stellte sich Landrat Michael Cyriax auf. Hofheim-News schrieb dazu: „Die Aufsichtsbehörde, vertreten durch den Landrat, soll mögliche Pflichtverstöße unter Ex-Bürgermeister Vogt untersuchen – und zeigt sich gleichzeitig demonstrativ Schulter an Schulter mit ihm im Wahlkampf. Selbst wenn juristisch alles korrekt abläuft, bleibt der Eindruck politischer Rücksichtnahme.“

Besonders pikant ist die altbekannte Kumpelei zwischen den Protagonisten. Landrat Cyriax und Ex-Bürgermeister Vogt – zwei Parteifreunde im Gleichschritt. Cyriax stellte sich im Wahlkampf – das war im März dieses Jahres – auf Plakaten demonstrativ hinter seinen Schützling.

Wenn aber Kontrolle und Wahlkampfgetöse so offensichtlich verschmelzen, bleibt ein fader Beigeschmack. Wie neutral kann eine Aufsicht sein, wenn Prüfer und Geprüfte denselben Mitgliedsausweis in der Tasche haben?

Hausmann will das alles nicht einfach durchgehen lassen. Die Kommunalaufsicht beim Kreis sei ihrer Aufgabe, die Gemeinden zu schützen, krachend misslungen. Er fordert das Regierungspräsidium Darmstadt nun offiziell auf, das „Nicht- bzw. Zu-spät-Handeln“ der Kreisbehörde zu rügen und den Landrat zu weisen, bei Rechtsverstößen künftig rechtzeitig dazwischenzugrätschen.

Und einen giftigen Seitenhieb hebt sich Hausmann für den Schluss auf: Die obere Behörde möge Michael Cyriax gefälligst dazu ermahnen, „auch in Wahlkämpfen auf seine Neutralitätspflicht als staatliche Kommunalaufsicht zu achten“. Damit in der Öffentlichkeit nicht noch länger der fatale Eindruck entsteht, im Landratsamt regiere das Parteibuch statt das Gesetz.


Das Foto oben zeigt Landrat Michael Cyriax. (Foto: MTK)


HN/TR

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