Die Akte Lokalzeitung: Wenn das eigene Millionengrab verschwiegen wird
Wenn in Hofheim neue Geschäfte eröffnen oder Traditionsunternehmen Insolvenz anmelden müssen, berichtet die Lokalzeitung gerne über die lokale Wirtschaft. Doch bei einem Thema herrscht eisernes Schweigen: bei der eigenen wirtschaftlichen Lage. Während der Verlag bei anderen den Informationsanspruch der Öffentlichkeit hochhält, macht er um die eigenen Bilanzen einen weiten Bogen. Jetzt liegen die neuen Auflagenzahlen auf dem Tisch, und wie üblich steht darüber in den Lokalzeitungen: kein Wort. Man kann es verstehen – die nackten Zahlen sind schlicht verheerend.
Bevor wir zu den harten Fakten kommen, eine kleine (leider etwas trockene, aber wichtige) Erläuterung: Die in Berlin ansässige Organisation „Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V.“ – kurz IVW genannt – ist jener Ort, an dem die Verkaufszahlen zahlreicher Verlage offiziell gesammelt werden. Was für die breite Öffentlichkeit unsichtbar bleibt, ist für die Medienbranche eine unverzichtbare Währung: Die IVW-Zahlen gelten als der zentrale Gradmesser für die wirtschaftliche Stärke von Presseverlagen.
Doch selbst gegenüber der IVW werden die wahren Verkaufszahlen des Kreisblatts nicht offen und nachvollziehbar ausgewiesen. Der Verlag versteckt sie in einem intransparenten und geografisch aufgeblähten Großpaket: Zu den Kreisblatt-Zahlen werden einfach die Verkäufe der Frankfurter Rundschau und der FAZ-Lokalausgabe addiert, und zudem wird das vermeintliche MTK-Verbreitungsgebiet bis in den Westen Frankfurts, in die Landeshauptstädte Mainz und Wiesbaden sowie in den Rheingau-Taunus-Kreis ausgedehnt. Ein statistischer Zahlentrick, der den anhaltenden Niedergang jedoch kaum verschleiern kann:
Innerhalb der letzten drei Monate rutschte die Auflage weiter runter – von 15.227 auf jetzt 14.799 Exemplare. Das ist ein Minus von 2,8 Prozent. Noch drastischer fällt der Dreijahresvergleich der drei Zeitungen aus: Seit Mitte 2023 brach die Auflage sogar um 19,51 Prozent (von einst 18.385 Exemplaren) ein.
Im Einzelverkauf, also an Kiosken, Tankstellen und in Geschäften, sieht es noch düsterer aus. Innerhalb eines Quartals ging der Absatz um 8,5 Prozent auf nur noch 915 Exemplare zurück. Im Dreijahresvergleich steht gar ein Absturz von 31,61 Prozent zu Buche.
Wegen der gebündelten IVW-Ausweisung von drei Zeitungen lässt sich die Zahl der in Hofheim verkauften Kreisblatt-Exemplare nur grob schätzen. Sie dürfte in der rund 40.000 Einwohner zählenden Kreisstadt mittlerweile nur noch im dreistelligen Bereich liegen.
Lokalzeitung: Klamme Stadt reduziert Sponsoring – ein bisschen
Auch die Hofheimer Zeitung verliert kontinuierlich Leser. Die Zahl der Abonnements sank im vergangenen Quartal von 1.090 auf 1.066 Exemplare, ein Rückgang in drei Monaten von 2,2 Prozent. Seit Mitte 2023 beträgt das Minus sogar 11,02 Prozent. Noch gravierender ist der Einbruch im Einzelverkauf: Von 290 Exemplaren im Jahr 2023 blieben zuletzt gerade einmal 214 übrig – ein Rückgang um 26,21 Prozent.
Nahezu reflexartig machen viele Verlage das Internet für ihre Krise verantwortlich. Doch die hausgemachten Ursachen liegen ebenso offen zutage. Der massive quantitative und auch qualitative Abbau der Redaktionen hat die Lokalteile vielerorts ausgedünnt. Wo kaum noch recherchiert und berichtet wird – und das Blatt im Alltag vieler Bürger längst an Relevanz verloren hat –, fragen sich die Leser zwangsläufig, warum sie für immer weniger Inhalt eigentlich noch Geld bezahlen sollen.
Mitten in dieser Abwärtsspirale gerät nun auch die finanzielle Unterstützung aus der Hofheimer Stadtkasse ins Wackeln. Neben den lukrativen Aufträgen für amtliche Bekanntmachungen – die längst auch kostenlos auf der städtischen Website stehen – überwies die Stadt bislang verlässlich Geld für Politiker-Abos: Jedem Mandatsträger wurde auf Steuerzahlerkosten ein Exemplar der Hofheimer Zeitung geschenkt. Mehr als 100 Abos kamen so zusammen. Hier soll künftig gespart werden, zumindest ein bisschen: Das Abo-Geschenk soll es jetzt nur noch auf Antrag geben.
Dass angesichts einer solchen Sparmaßnahme prompt einige Lokalpolitiker das Ende der freien Presse nahen sahen, ist Lokalpolitik von ihrer unfreiwillig komischsten Seite. Jahrelang brauchte es keine Absprachen: Die städtische Alimentierung und eine auffallend wohlwollende Berichterstattung griffen in vorauseilendem Gehorsam ganz von selbst ineinander. Doch Pressefreiheit bedeutet schließlich nicht, dass der Steuerzahler den Absatz eines Verlages absichern muss.
Vielleicht wäre es ohnehin an der Zeit, die wichtigste Geschichte endlich selbst zu schreiben: die über den eigenen wirtschaftlichen Niedergang. Ausgerechnet die Zeitung, die von anderen Transparenz einfordert, behandelt ihr größtes Millionengrab seit Jahren wie ein Tabuthema. Das eigentliche Problem ist deshalb längst nicht mehr die sinkende Auflage – sondern das beharrliche Schweigen darüber.
TR

