Sparen predigen, Abos behalten: Streit um Gratis-Zeitung für Stadtverordnete
Eigentlich ist die Lage klar: Die Stadtkasse ist leer, das Tafelsilber glänzt schon lange nicht mehr, und über allem schwebt das Damoklesschwert einer weiteren Grundsteuererhöhung. Wer vor der Wahl den Wählern versprochen hat, jeden Cent zweimal umzudrehen, hätte in der konstituierenden Sitzung des Stadtparlaments eigentlich glänzen können. Doch als es ans „Eingemachte“ – oder besser: ans Gedruckte – ging, entpuppte sich der Sparwille einiger Bürgervertreter als bloße Sonntagsrede.
Im Zentrum einer ausgedehnten Debatte: Die Stadt Hofheim spendiert jedem Stadtverordneten und jedem Mitglied der Ortsbeiräte ein kostenloses Abonnement der Hofheimer Zeitung. Insgesamt finanziert die Stadt über 150 Abos.
Es ist ein Relikt aus alten Zeiten: Die Zeitung ist zwar noch immer „Amtliches Mitteilungsblatt“, doch rechtlich ist das längst hinfällig. Amtliche Bekanntmachungen erfolgen heute im Internet. Gleichwohl schaltet die Stadt in der Printausgabe Hinweise, dass genau diese Informationen online abrufbar sind. Kostenpunkt allein für diese Anzeigen im vergangenen Jahr: knapp 10.000 Euro. Damit die Mandatsträger diese Hinweise auch zuverlässig finden, finanziert die Stadt ihnen die Zeitungsabos gleich mit.
Tanja Lindenthal (BfH) brachte den Vorschlag ein, das pauschale Gratis-Abo zu streichen. Wer die Zeitung weiterhin gratis beziehen wolle, könne dies künftig selbst im Rathaus anmelden – ein schlichtes „Opt-in“ statt des bisherigen Automatismus auf Steuerzahlerkosten.
Zahlenspiele bei der Hofheimer Zeitung
Wer wissen will, wie es um die Hofheimer Zeitung steht, muss zuerst eine kleine Schulung in Statistik absolvieren. Denn die Auflage ist dort kein fixer Wert – sie ist eher eine Frage der Perspektive. Glaubt man den Mediadaten, erlebt das Blatt gerade einen beachtlichen Zuwachs. Schaut man jedoch hinter die Kulissen, zeigt sich: Der Verlag trickst massiv bei seinen Angaben.
In den Mediadaten 2025 gab der Verlag noch eine verbreitete Auflage von 1.413 Exemplaren an. Diese setzte sich aus 1.153 Abonnements, 229 Exemplaren im Einzelverkauf und 31 Freiexemplaren zusammen.
In den Mediadaten 2026 wird die Auflage nun plötzlich mit 1.759 beziffert – was auf den ersten Blick wie ein massiver Erfolg aussieht. Doch der Schein trügt: Der Verlag gibt hier neuerdings die Zahl der gedruckten Zeitungen an, die naturgemäß deutlich über den verkauften Zahlen liegt. Tatsächlich verkauft wurden nämlich nur noch 1.294 Exemplare (1.090 Abos und 204 im Einzelverkauf). Von den Abonnements wurden zudem 134 Stück mit einem Preisnachlass von bis zu 50 Prozent abgegeben.
Ein Blick in die Vergangenheit verdeutlicht den Abwärtstrend: In den Mediadaten 2022 bezifferte die Hofheimer Zeitung ihre Auflage auf 2.900 Exemplare – damals noch als „Verlagsangabe“. Damit hätte das Blatt binnen fünf Jahren mehr als die Hälfte seiner Leserschaft verloren.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Statt nüchterner Abwägung entwickelte sich eine zähe Verteidigungsrunde des Status quo. Mit Argumenten, die teils weit vom eigentlichen Thema abschweiften, verteidigten einige „Silberrücken“ ihr Gratis-Abo:
Andreas Hegeler fürchtete einen „riesigen Verwaltungsaufwand“ für das Rathaus, sollte man die Abos sortieren müssen. Wo da die Ersparnis sei, erschloss sich ihm nicht.
Ralf Weber (FDP) sah gar das Ende der Pressefreiheit nahen: Wenn die Stadt 20 Abos abbestelle, müsse der Verlag wohl schließen. Im Eifer der Zuspitzung geriet ihm dabei aus dem Blick, dass seine Partei sonst eher Zurückhaltung bei staatlichen Subventionen predigt.
Andreas Nickel (FWG) bemühte die „Barrierefreiheit“ und das „Ritual“ des Zeitungslesens für über 70-Jährige – eine interessante Definition von Inklusion, wenn es um das Privileg gewählter Volksvertreter geht.
Armin Thaler plädierte dafür, die Zeitung als Subventionsvehikel für die Vereinsarbeit zu erhalten, während AfD-Mann Karl-Heinz Hellenkamp sich gegen die bloße Unterstellung verwahrte, ein Abo zu nutzen, das er womöglich gar nicht wolle.
Hofheimer Zeitung – ein Produkt auf dem Rückzug
Dabei sprechen die nackten Zahlen eine deutliche Sprache: Die Hofheimer Zeitung verliert rapide an Relevanz. Die Auflage dümpelt aktuell bei nur noch 1.090 Abos und rund 200 Einzelverkäufen. Ein Minus von über 5 Prozent beim Abo und über 11 Prozent im Einzelverkauf innerhalb der letzten zwölf Monate zeigt: Die Bürger wenden sich ab – nur die Politik hält krampfhaft am gewohnten Papier fest.
Am Ende reichte es trotz der lautstarken Verteidigungsreden fast für die Vernunft: 24 Stimmen (BfH, Grüne, SPD und ein Abweichler der AfD) votierten für den Sparvorschlag. Doch der Rest des Hauses klammert sich weiter an das kostenlose Frühstücksblatt.
Die Zuhörer im Stadtparlament – rund 100 waren zur ersten Sitzung in der neuen Legislaturperiode gekommen – nahmen die Erkenntnis mit: Wer im Kleinen nicht sparen will, wird den Bürgern im nächsten Jahr nur schwer erklären können, warum sie im Großen – bei der Grundsteuer – tiefer in die Tasche greifen müssen. Das „Ritual“ der Gratis-Zeitung ist einigen Hofheimer Abgeordneten offenbar teurer als die Glaubwürdigkeit ihrer Sparversprechen.
HN/TR

