Fünf Jahre Hof Ehry: Das betreute Immobilientheater von Hofheim
Der jüngste Bericht über das wohl teuerste Klo der Stadt inspirierte uns zum genaueren Hinschauen: Mitten in der Altstadt verfällt geschichtsträchtiges, denkmalgeschütztes Gemäuer – und das seit Jahren. Es befindet sich im Eigentum der Stadt, doch die Politik doktert ergebnislos am Sanierungsstau herum. Flankiert wird dieses Trauerspiel seit nunmehr fünf Jahren von der Lokalzeitung, dem „Kreisblatt“, die dabei ein faszinierendes journalistisches Kunststück vollführt: das betreute Immobilientheater rund um Hof Ehry. Mal glänzt das Gemäuer als künftige Kulturstätte, mal duftet es nach exklusiver Gastronomie, mal sollen Millionen fließen – bis am Ende wieder das große „Alles auf Anfang“ ausgerufen wird.
Kommen Sie mit auf einen chronologischen Streifzug durch ein Fünfjahresprogramm wechselnder Schlagzeilen – und blättern wir im großen Buch der unerfüllten Hofheimer Träume, gedruckt auf bestem Kreisblatt-Papier:
1. Februar 2022

Vor vier Jahren: Aufbruchstimmung im Rathaus! Mit der Eleganz eines Prinzen, der sich im Heckennetz verheddert hat, bläst die Stadt zum Angriff. Dornröschen wird unsanft vor die Tür gesetzt. Kultur in die Scheune, Leben in die Bude – man spürte förmlich, wie Hofheim weltstädtisch erzitterte.
30. November 2022
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Kaum neun Monate später die Ernüchterung: Satz mit X. Der hochgelobte Ideenwettbewerb implodiert geräuschlos. Statt Kultur gibt es erst mal eine Runde kollektives Grübeln im Warmen, während der Zahn der Zeit munter weiter am Gebälk nagt.
20. Januar 2023
![HK 20.01.2023[7] HK 20.01.20237 e1782649209864](https://hofheim-news.de/wp-content/uploads/2030/06/HK-20.01.20237-e1782649209864.webp)
Wenn die große, weite Investorenwelt nicht anbeißt, rettet man sich eben in den lokalen Altruismus. Einstimmig! Ein rührender Moment kommunaler Wärme: Die Vereine dürfen rein. Decken mitbringen nicht vergessen, es zieht ein bisschen.
13. Juni 2023
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Kommando zurück, das mit den Vereinen war wohl doch zu gemütlich. Nur ein halbes Jahr später brennt die Luft wieder: Neuer Anlauf! Bitte ganz schnell Konzepte einreichen, die Zeit drängt (also, so wie sie in Hofheim eben drängt).
12. Juli 2024

Der absolute Gipfel der Euphorie. Zwei Millionen Euro! Das Kreisblatt weiß es angeblich genau: Die Sanierung bis 2026 steht felsenfest. Den Lesern wird sogar schon der künftige Wirt beim Namen serviert: Ein nahegelegenes Tapas-Restaurant soll sich zum Umzug bereitmachen, um Hof Ehry zu übernehmen. Man riecht schon die Gambas in Knoblauchöl über den Ludwig-Meidner-Platz wehen.
21. Juli 2025
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Man muss die Feste feiern, wie sie fallen – oder eben die Sanierungen. Bevor die große Gastronomie einzieht, schafft Hofheim erst einmal verlässliche Fakten am wichtigsten Punkt der Anlage: Das frisch sanierte Örtchen ist fertig! Ein solides Fundament für alles, was da noch kommen mag. Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut, und gut Ding will in Hofheim bekanntlich Weile haben.
20. Januar 2026

Willkommen im Jahr 2026 – dem Jahr der versprochenen Fertigstellung! Und was passiert? Die zwei Millionen sind wohl im Nirgendwo verdampft. Statt der feierlichen Eröffnung heißt es plötzlich: „Alles muss raus!“ Der Hof steht im Schaufenster. Planungsgarantie à la Hofheim.
2. März 2026

Komm, alles zurück! April, April im März. Wir behalten das gute Stück doch. Der Meisterturm stand gleich daneben auf der Verkaufsliste und darf auch erst mal bleiben. Eine politische Achterbahnfahrt, bei der selbst eingefleischten Kirmesfans schwindelig wird.
27. März 2026

Bloß keine Hektik aufkommen lassen. Nachdem man sich im Wochenrhythmus umentschieden hat, verordnet man sich nun staatsmännische Gelassenheit. Der Lokalredakteur schreibt: „Auch der Verkauf des Hofes Ehry findet derzeit keine Mehrheit – weitere Sanierungsmaßnahmen werden aber ausgesetzt, bis es zu einer Entscheidung über die Zukunft des Anwesens kommt.“ Man verwaltet das Zaudern jetzt professionell.
6. Juni 2026

Und pünktlich zum Sommerloch: Huch, ein Steuerloch! Wo kriegen wir bloß Geld her? Ach ja, da war doch noch dieser Hof in der Burgstraße… Das Spiel beginnt wieder von vorn.
Das dicke Ende: Vom Amüsement zur Verdrossenheit
Bei allem Unterhaltungswert – dieses ewige Immobilientheater hinterlässt allerdings auch einen faden Beigeschmack. Wenn Journalismus sich darauf beschränkt, jede flüchtige Wendung und jede tagesaktuelle Stimmungslage aus dem Rathaus unreflektiert als nächste große Wahrheit weiterzureichen, erweist er dem Leser einen Bärendienst. Zwischen den euphorischen Millionen-Versprechungen von gestern und den Verkaufsplänen von heute verliert die Berichterstattung ihren inneren Kompass – und der Bürger schlicht den Überblick. Statt Orientierung zu bieten, fördert sie so nur noch kollektive Politikverdrossenheit.
Man darf gespannt sein, welche exklusive Schlagzeile uns das Lokalblatt in den nächsten Wochen beschert. Wir halten den Schoppen bereit – und lesen weiterhin schmunzelnd, aber zunehmend kopfschüttelnd weiter.
TR

