Das große Krabbeln im Stadtwald: Eine Sensation – oder schiere Einbildung?
Von wegen „vom Aussterben bedroht“: Warum der seltene Heldbock plötzlich an jeder Ecke auftaucht, eine ehemalige Kreisbeigeordnete den Untergang der Realität wittert – und die Natur schlichtweg ferngesteuert Hochzeit feiert.
Manchmal genügt ein einziges Posting in den sozialen Medien, um aus einem spektakulären Käferfund eine weltanschauliche Grundsatzdebatte zu machen, bei der mancher Kommentator bereits den Untergang der Realität wittert. So geschehen nach unserem Bericht über den Heldbock im Hofheimer Stadtwald.
Dort rief die digitale Gerüchteküche prompt eine Expertin auf den Plan: Ingrid Hasse meldete sich zu Wort. Einst saß die Dame als ehrenamtliche Kreisbeigeordnete im Kreisausschuss, kennt sich also bestens aus mit großen Debatten und kleinen lokalen Kämpfen. Als sie über Facebook auf unseren Bericht über die Wiederentdeckung des extrem seltenen Heldbock-Käfers stieß, zeigte sich alles andere als beeindruckt. „So sensationell ist der Fund nicht“, befand die Fachfrau trocken per digitaler Ferndiagnose. Ihr bündiges Urteil: Die Krabbler träten momentan überall auf, ergo scheine sich die Population ja wohl prächtig erholt zu haben.
Frau Hasse stand mit ihrer Beobachtung keineswegs allein auf weiter Flur. Den lebenden Fotobeweis lieferte sie prompt aus Groß-Gerau, wo ihr ebenfalls ein Prachtexemplar vor die Linse gelaufen war.
Und auch der Rest der Region scheint im kollektiven Heldbock-Fieber: Moritz Koch entdeckte das Wesen mit den endlos langen Fühlern im beschaulichen Kriftel. Elina Fuchs sichtete ihn in Hattersheim. Und aus Hofheim schickte Georg Betzel einen unumstößlichen Fotobeweis ein: Seinen persönlichen Heldbock hatte er auf dem Birkenhof aufgestöbert – standesgemäß „unter der großen Eiche“.
Gleich vier dieser super-seltenen Käfer werden in der Facebook-Gruppe Wir in Hofheim gezeigt. Da fragt man sich unwillkürlich: Alles nur heiße Luft? War der amtliche Bericht der Hofheimer Stadtverwaltung etwa maßlos übertrieben? Dort hatte man immerhin staatstragend verkündet: „Für den BUND Hofheim und die Stadtverwaltung kommt die Entdeckung einer biologischen Sensation gleich – verbunden mit der Verantwortung, den seltenen Käfer und seinen Lebensraum dauerhaft zu schützen.“
Schauen wir nüchtern auf die Fakten. Das Bundesamt für Naturschutz und jede erreichbare Fachquelle schreiben unmissverständlich: „Die Art ist in Deutschland vom Aussterben bedroht und europaweit streng geschützt.“ Früher war der Riese unter den Bockkäfern weit verbreitet, heute existieren meist nur noch winzige, isolierte Restvorkommen. Frau Hasses saloppes Diktum, die Tierchen „treten überall auf“, ist also – biologisch betrachtet – ein klein wenig über das Ziel hinausgeschossen.
Doch wie passt das mit den massenhaften Sichtungen unseres Publikums zusammen?
Die bekannte BUND-Aktivistin Tanja Lindenthal liefert die charmante wie logische Erklärung: Die Käfer tauchen zyklisch auf. Da die Larven drei bis fünf Jahre lang tief im Verborgenen des Totholzes leben und fressen, bekommt man von ihrer Existenz jahrelang schlichtweg nichts mit. Und dieses Jahr? Ist eben alles anders.
Es ist Paarungszeit. Befeuert durch die enorme Hitze der letzten Wochen kam es zu einem faszinierenden Naturphänomen: dem sogenannten „Synchronschlupf“ (oder simultanen Schlüpfen). Wie ferngesteuert kriechen die geschlechtsreifen Käfer innerhalb kürzester Zeit gleichzeitig aus den Stämmen. Der Sinn dahinter: Je mehr Käfer gleichzeitig unterwegs sind, desto größer sind die Chancen, einen Partner zu finden. Man könnte auch sagen: Ein kollektiver, biologischer Wecker der Evolution, der für eine plötzliche Bevölkerungsexplosion sorgt.
Zusätzlich meint es die Topographie gut mit ihnen: Im Hofheimer Stadtwald stehen an Wegesrändern genau jene alten, sonnenbeschienenen Eichen, die der Heldbock zum Überleben braucht. Optimale Bedingungen trafen also auf ein Jahr, in dem ungewöhnlich viele Larven gleichzeitig erwachsen wurden. Gepaart mit ihrer stattlichen Größe fallen die Tiere natürlich sofort ins Auge. Und da die Presseberichte den Fokus geschärft haben, schaut derzeit mancher Spaziergänger einfach genauer hin.
Die Sensation bleibt also eine Sensation – sie zeigt sich nur gerade von ihrer unübersehbarsten Seite.
Unser Bild oben zeigt einen Screenshot aus der Facebook-Gruppe Wir in Hofheim – Ingrid Hasse präsentiert ihren Heldbock und schreibt dazu: „Der ist aus Groß-Gerau.“
TR




