Gesund mit Felix (9): Warum Kälte und Zugluft zu Verspannungen führen können
Die Gesundheitskolumne von Osteopath Felix Kammerlander (Folge 9)
Viele kennen das Gefühl: Ein Spaziergang bei kaltem Wind, ein leicht geöffnetes Autofenster oder eine kühle Brise im Büro – und später meldet sich der Nacken. Plötzlich zieht es zwischen den Schulterblättern oder der untere Rücken fühlt sich fest an. „Ich hab mir einen Zug geholt“, sagt man im Alltag dazu. Aber was steckt dahinter? Warum reagiert der Körper auf Kälte so sensibel – und wie kommt es, dass Muskeln plötzlich verspannen, obwohl gar nichts Schweres gehoben oder übertrieben belastet wurde?
Unser Körper arbeitet ständig daran, seine Kerntemperatur zu halten. Wird es außen kalt, reagieren Muskeln reflexartig: Sie ziehen sich minimal zusammen, um Wärme zu erzeugen und zu speichern.
Diese Reaktion ist uns allen vertraut – das Zittern. Doch viel häufiger findet dieses Zittern auf einer kaum wahrnehmbaren, sehr feinen Ebene statt. Die Muskulatur erhöht dabei ihren Grundtonus, ohne dass du bewusst zuckst oder schlotterst.
Das bedeutet: Kälte erhöht die Muskelspannung – automatisch, reflexartig und unbewusst.
Für gesunde und entspannte Muskulatur ist das meist kein großes Problem. Aber in Bereichen, die ohnehin empfindlich, verspannt oder überlastet sind, kann diese zusätzliche Spannung genau das Zünglein an der Waage sein, das Beschwerden auslöst.
Warum „Zug“ so unangenehm wirken kann
Zugluft ist eine besondere Form von Kältereiz. Der Körper wird dabei oft nur einseitig gekühlt – etwa im Bereich des Nackens, der Lendenwirbelsäule oder der Schulter.
Diese einseitige Abkühlung führt dazu, dass einzelne Muskelgruppen stärker anspannen als andere. Das Ergebnis ist ein Spannungsungleichgewicht, das sich besonders schnell bemerkbar macht.
Typische Beispiele aus dem Alltag:
- Im Auto ist das Fenster hinten geöffnet – der Nacken zieht sich zu.
- Im Büro steht die Klimaanlage ungünstig – die Schultern werden hart.
- Nach dem Sport zieht ein kühler Wind über den verschwitzten Rücken – kurze Zeit später ist alles fest.
Der Körper möchte die betroffene Region schützen und stabilisieren – und genau das führt zu zusätzlicher Spannung.
Kälte verstärkt bestehende Probleme
Viele Menschen haben ohnehin Bereiche, die im Alltag mehr belastet werden: der Nacken durch langes Sitzen, der untere Rücken durch falsche Hebebewegungen oder die Schultern durch Stress.
Wenn diese Areale bereits empfindlich sind, wirkt zusätzliche Spannung durch Kälte wie ein Verstärker.
Die Formel ist simpel: Vorbelastung + Kältereiz = erhöhte Gesamtspannung
Und wenn der Muskeltonus über einen gewissen Punkt hinaus steigt, fühlt sich das als Steifheit, Schmerz oder Bewegungseinschränkung an.
Das Nervensystem spielt eine große Rolle
Wie bei vielen Verspannungsthemen ist auch hier das Nervensystem der entscheidende Faktor.
Kälte wird vom Körper als potenzieller Stressor bewertet – eine Herausforderung, die eine schnelle Reaktion erfordert. Darum wird der Sympathikus (der „Aktivitätsmodus“) stärker aktiviert.
Dieser Modus sorgt nicht nur für erhöhte Wachheit, sondern auch für mehr Grundspannung in der Muskulatur.
Heißt: Die Beschwerden entstehen nicht nur wegen der Kälte, sondern weil das Nervensystem insgesamt in eine höhere Aktivität geht.
Wenn dann noch bestehende Verspannungen, ungünstige Haltung oder Stress dazukommen, ist es nicht verwunderlich, dass sensible Bereiche reagieren.
Was du dagegen tun kannst
1. Warm halten – vor allem empfindliche Regionen
Klingt simpel, wirkt aber enorm:
- Schal oder Tuch um den Nacken
- Wärmende Kleidung im Lendenbereich
- Schutz für den unteren Rücken beim Sport
Wärme verbessert die Durchblutung und reduziert Muskeltonus – ein direkter Gegenpol zur Wirkung von Kälte.
2. Bewegung einbauen
Wenn du spürst, dass du frierst, versuch dich kurz zu bewegen.
Schon leichte Aktivität wirkt wie ein Reset für die Muskulatur:
- Schulterkreisen
- leichte Dehnungen
- paar Schritte gehen
Der Körper schaltet so schneller vom Schutzreflex zurück in einen entspannten Modus.
3. Nach Kälteeinwirkung bewusst entspannen
Oft liegt man abends auf der Couch und merkt erst dann, wie fest der Nacken geworden ist.
Ein paar Minuten bewusste Atmung oder Wärme (z. B. Wärmflasche, warmes Tuch) können helfen, das Nervensystem herunterzufahren.
4. Auskühlen nach dem Sport vermeiden
Nach körperlicher Aktivität ist die Muskulatur stärker durchblutet und gleichzeitig sensibler für Kälte.
Ein trockener Rücken, eine Jacke oder zumindest ein Handtuch schützen vor einem plötzlichen Spannungsanstieg.
5. Langfristig auf allgemeine Entspannung achten
Je ausgeglichener das Nervensystem, desto weniger reagiert die Muskulatur auf äußere Reize.
Entspannung, moderate Bewegung, Atemübungen oder Wärme können helfen, die grundsätzliche Spannungsregulation zu verbessern.
Warum das Verständnis wichtig ist
Wenn du weißt, warum Kälte und Zug Verspannungen auslösen können, fühlst du dich nicht ausgeliefert.
Viele Betroffene glauben, dass ein schmerzhafter Nacken nach einer kalten Brise etwas „Ernstes“ sein muss. In Wirklichkeit ist es oft nur ein überlasteter Schutzmechanismus des Körpers.
Dieses Wissen nimmt Druck, schafft Gelassenheit und hilft, Beschwerden besser einzuordnen.
Fazit
Kälte und Zugluft sind nichts Gefährliches, aber sie können die Muskelspannung reflexartig erhöhen. Vor allem in Bereichen, die ohnehin empfindlich sind, kann das zu Beschwerden führen – besonders im Nacken und Rücken.
Mit einfachen Maßnahmen wie Wärme, Bewegung und bewusster Entspannung lässt sich die Wirkung von Kälte gut ausgleichen.
Je besser du die Reaktionen deines Körpers verstehst, desto leichter kannst du ihn im Alltag unterstützen.
© Felix Kammerlander / Praxis Angewandte Osteopathie
Der Autor

Felix Kammerlander hat Osteopathie studiert und betreibt seit acht Jahren die Praxis Angewandte Osteopathie in Marxheim. Ab sofort erscheint hier regelmäßig seine Kolumne „Gesund mit Felix” mit Gesundheitsinformationen und präventiven Tipps - eine verlässliche Anlaufstelle für Ratschläge zur Vorbeugung, Schmerzbewältigung und für einen ausbalancierten Körper. Viel Freude beim Lesen und Ausprobieren neuer Wege zu mehr Wohlbefinden!

