Hofheimer Stadtpolizei: Viel Personal, kaum Wirkung – und jetzt noch mehr Stellen?

Hofheimer Stadtpolizei: Viel Personal, kaum Wirkung – und jetzt noch mehr Stellen?

Auf dem Papier stark – in der Praxis schwach: Ein Dutzend Beamte zählt Hofheim offiziell, tatsächlich im Einsatz ist oft nur die Hälfte. Seit Jahren beklagen Bürgerinnen, Bürger und Geschäftsleute die kaum wahrnehmbare Präsenz der Ordnungskräfte – mit spürbaren Folgen im Straßenverkehr. Bürgermeister Willi Schultze setzt nun auf ein altbekanntes Rezept: noch mehr Personal. Ein Polizei-Experte allerdings sieht das Problem nicht auf der Straße, sondern direkt im Rathaus – bei Planung und Organisation.

Vor wenigen Jahren hatte die Stadtpolizei in Hofheim gerade mal eine Handvoll Mitarbeiter. Während der Corona-Zeit standen nur drei Stadtpolizisten im Einsatz – jeder mit durchschnittlich 150 Überstunden. Vor anderthalb Jahren teilte die Stadtverwaltung dann mit, dass acht neue Stellen geschaffen worden seien.

Heute: zwölf Planstellen! Doch im Einsatz sieht es düster aus: Krank, im Urlaub, beim Abbau von Überstunden oder schlicht nicht mehr an Bord – die Ausfallquote liegt laut Fachbereichsleiterin Annika Allendorf bei sagenhaften 50 Prozent, in Spitzenzeiten angeblich sogar bei 60. Zum Vergleich: In Unternehmen rechnet man für solche Ausfälle normalerweise mit zehn bis zwanzig Prozent.

Jetzt sollen zwei neue Stadtpolizisten eingestellt werden. Zwar hatte der Landrat gemahnt – sogar schriftlich! –, dass die Stadt zu viel Personal habe. Doch das interessiert im Rathaus offenbar niemanden. Jungbürgermeister Willi Schultze hat die Finanzierung der beiden neuen Planstellen bereits in den Haushaltsplan 2026 geschrieben. Kosten? Über 110.000 Euro. Das scheint trotz leerer Stadtkasse kein Problem zu sein – dann muss man eben die Grundsteuer nur noch ein bisschen anheben…

Und hier tritt Andreas Nickel ins Rampenlicht: Der FWG-Fraktionsvorsitzende sollte sich bei diesem Thema auskennen – der Kriminalbeamte ist Hochschuldozent für Kriminalwissenschaften. Im Stadtparlament gab er sich in den letzten Jahren als folgsamer Koalitionspartner der CDU, inzwischen legt er sich – in vier Wochen sind Wahlen! – deutlich mehr ins Zeug.

Kürzlich, in einer Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses, kritisierte er nachdrücklich den Zustand der Stadtpolizei und legte dem Rathaus einen Fragenkatalog vor. Unter anderem wollte er wissen: „Wie entwickelten sich die Kontrolltätigkeiten der Stadtpolizei in den Jahren 2023 bis heute?“

Wir zitieren hier auszugsweise aus der Antwort des Magistrats, sie ist ein Lehrstück in krudem Verwaltungsdeutsch: „Die Aufgabenwahrnehmung erfolgt weiterhin im Rahmen der bestehenden gesetzlichen Zuständigkeiten … Gleichzeitig wurden innerhalb der Organisation neue und klarere Führungs-, Steuerungs- und Kontrollstrukturen geschaffen … Einführung sogenannter Dienstgruppenleitungen … Wiederbesetzung der Fachdienstleiterstelle … stärkere Einbindung in strukturierte Controlling- und Steuerungsprozesse …“

Viel Worte, wenig Klarheit. Man muss kein Experte sein, um zu erkennen: Wenn die Hälfte der Belegschaft ohnehin fehlt, nützen strukturierte Controlling- und Steuerungsprozesse wenig.

Frage des Praktikers: Was macht die Führung der Stadtpolizei?

Allendorf versuchte, das Thema abzumildern: Zwei Mitarbeiter würden gehen und natürlich ersetzt, dazu wolle man zwei weitere Planstellen schaffen, um endlich die Kontrolle des ruhenden Verkehrs in der Innenstadt umzusetzen. Nickel ließ sich davon nicht beeindrucken: Wenn man ohnehin Mitarbeiter freisetzt, warum besetzt man die Stellen nicht zuerst mit einsatzfreudigeren Kräften? Dann könnte man sich neue Einstellungen und damit viel Geld sparen.

Und überhaupt, moniert Nickel: Ein Personalausfall von bis zu 60 Prozent sei wohl kein Zufall mehr. Ursachenforschung und vielleicht eine Organisationsprüfung seien dringend nötig. „Die Führung dieses Bereichs muss das in den Griff bekommen“, fordert er – mit der Autorität eines Praktikers, der sowohl die Polizeiarbeit kennt als auch Organisationsprozesse lehrt.

Bürgermeister Schultze reagierte auf diesen Hinweis auffällig gereizt: „Es gehört sich nicht, dass Sie hier unterschwellig Führungskompetenz untergraben“, sagte er. Und dann auch dieser mannhafte Satz: „Ich weise das entschieden zurück.“ So richtig überzeugend wirkte sein Auftritt allerdings nicht: Der 30-Jährige ist ganz frisch im Amt, verfügt nur über wenig Verwaltungserfahrung und tut sich mit kritischen Fachfragen offensichtlich schwer. Nickel dagegen bringt die doppelte Perspektive mit: operative Erfahrung aus dem Polizeidienst und theoretisches Wissen aus der Fachhochschule.

Die Realität bleibt: Die Aufstockung der Stadtpolizei sollte öffentliche Präsenz zeigen und das Sicherheitsgefühl der Bürger stärken – so hieß es bisher immer, wenn neue Stadtpolizisten öffentlich vorgestellt wurden. Hofheim kann Planstellen schaffen und Zahlen auf dem Papier aufblähen – doch solange die Führung versagt, bleibt die Stadtpolizei unsichtbar und die Sicherheit der Bürger ein frommer Wunsch.

In den Haushaltsberatungen müssen jetzt die Stadtverordneten dem Bürgermeister die Richtung vorgeben – schließlich entscheiden sie über Geldausgaben und den Stellenplan und könnten damit den Kurs der Stadtpolizei entscheidend beeinflussen.

HN/TR

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