Willi Schultze & der Steuer-Schock: 2.000 Prozent Grundsteuer – na und?
Der Juli ist soeben um, die Ferien sind fast vorbei (leider) – und das Sommerloch ist wieder dicht (zum Glück). Zeit für eine kurze Inventur der Hofheimer Nachrichtenlage der letzten vier Wochen. Das Ergebnis: eher mager. Verpasst haben wir rein gar nichts. Einzig Willi Schultze, Hofheims Bürgermeister, verspürte den Drang, uns an seiner Gedankenwelt teilhaben zu lassen. Das hat selbst in seinen eigenen Reihen bei den „Bürgern für Hofheim“ für erhebliche Irritationen – und nicht wenig Entsetzen – gesorgt. Zeit für einen genauen Blick und eine Einordnung.
Interviews besitzen eine ganz eigene Dynamik. Wenn der Rathauschef der Lokalzeitung binnen weniger Tage gleich zwei große Interviews gewährt, ist das kein Zufall, sondern Kalkül: Dahinter steckt eine Strategie – eine PR-Kampagne mit dem Ziel, den Bürgern eine bitterböse Pille appetitlich portioniert zu verabreichen.
In einem ersten Interview – veröffentlicht am 8. Juli – räumte Schultze eher beiläufig ein, was an dieser Stelle schon lang zu lesen war: Die Grundsteuer B in Hofheim wird schon nächstes Jahr auf mindestens 2.000 Prozent hochschießen. Letztes Jahr noch 648 Prozent, dieses Jahr bereits astronomische 1.545 Prozent – und der fiskalische Wahnsinn geht munter weiter.
Grundsteuer B Richtung 2000 Prozent? Schultze: „Auf jeden Fall.“
Nur wenige Tage später, am 12. Juli, folgte der nächste Akt. Das neue Credo des Bürgermeisters lautet nun schlicht: Das kann der Bürger schon ab. Im zweiten Interview befand Schultze ganz entspannt: „Ich glaube, der Durchschnitt in Hofheim, der kann das schon tragen.“
Wow! Grundsteuer B über 2.000 Prozent – eine Verdreifachung innerhalb von zwei Jahren! Und Hofheims Jungbürgermeister flötet nonchalant: Na und? Der Bürger verkraftet das schon.
Es ist diese politische Leichtfertigkeit, ja Gleichgültigkeit, die für Entsetzen in der Lokalpolitik sorgt. Die ganze Dreistigkeit der aktuellen Aussagen offenbart sich erst beim Blick zurück: Im Dezember letzten Jahres legte Schultze einen Etatentwurf mit einem verheerenden Grundsteuer-Hebesatz von über 2.000 Prozent vor. Damals tönte der Bürgermeister noch voller Mitgefühl, dass es bei dieser extremen Belastung keinesfalls bleiben könne und dürfe. Schultze wörtlich: „Jedem ist bewusst, wie heftig diese Zahl ist. Bei diesem Hebesatz kann und darf es nicht bleiben.“
Wenige Monate später darf und muss es also doch genau so kommen. Grundsteuer B jenseits der 2.000 Prozent: Der sprichwörtliche Durchschnittsbürger, so dekretiert es Hofheims Rathauschef mitten im Sommerloch, packt das schon.
Das Problem dabei: Der statistische Durchschnitt ist eine reine Wohlstandsfiktion. Hofheim glänzt auf dem Papier zwar mit hoher Kaufkraft, doch hinter den städtischen Tabellen stehen reale Schicksale. Da ist die Rentnerin im mühsam abbezahlten Häuschen. Da ist die junge Familie am finanziellen Anschlag. Und da sind die Mieter, die jede Steuererhöhung über die Nebenkostenabrechnung eins zu eins durchgereicht bekommen.
Darüber verliert Willi Schultze kein Wort mehr. Wer in jungen Jahren zum Bürgermeister gewählt wird und seither ein kuscheliges B-Besoldungsgehalt bezieht, verliert offenbar im Eiltempo den Blick für die Lebensrealität derer, die jeden Euro dreimal umdrehen müssen.
Schultzes Empathie vom Ende letzten Jahres ist verflogen wie der Sommerwind. Was bleibt, ist das kalkulierte Schöntun einer eiskalten Belastungspolitik.
Die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen: Das darf kein Wohlfühl-Lippenbekenntnis für feierliche Sonntagsreden sein, sondern muss zu echtem Handeln führen. Bürger und Gewerbe stehen längst am Limit. Sie erwarten Weichenstellungen, konkrete Einsparungen und echten Gestaltungswillen.
Aber bestimmt kein überhebliches Schulterzucken aus der Chefetage.
Unser Foto oben zeigt eine Aufnahme von Willi Schultze, das er von sich auf der Rathaus-Webseite veröffentlicht hat.
TR


Welche Verträge die noch zu freiwiiligen Leistungen verpflichten werden zur Zeit nachverhandelt?
Welche Verträge gibt es in dieser Kategorie aktuell noch?
Können solche Verträge im Falle der faktischen Insolvenz der Stadt gfs. auch mit einer Frist oder auch fristlos gekündigt werden?
In der Kommunikation wirkt das Dauer-Lächeln etwas irritierend und führt zu kognitiver Dissonanz bei den Bürgern.
Warum ist das so?
Man sollte in Hofheim endlich anfangen zu sparen. Warum benötigt zum Beispiel die Hofheimer Feuerwehr ein Boot? Selbstverständlich soll die Feuerwehr eine gute Ausrüstung haben. Aber ein Boot?
Auch kann man die Stadthalle billiger gegen Hochwasser schützen, es muss kein teurer Umbau von dem gesamten Vorplatz sein. Wo sind dann die Besucherparkplätze für die Rathaus Besucher?
Auch sollte man alle Ausgaben für den Radschnellweg von Wiesbaden nach Frankfurt einstellen. Zwischen Erbenheim und Krifteler Dreieck kann man jetzt schon Autofrei neben der Autobahn fahren.
Auch sollte man nicht immer noch neues Personal einstellen. Es gibt sicherlich noch einiges, wo gespart werden kann – oder besser: gespart werden muss.
Kritik am Bürgermeister ist nicht nur legitim – angesichts der dramatischen Finanzlage Hofheims ist sie zwingend notwendig. Seine Aussagen zur Belastbarkeit der Bürgerinnen und Bürger durch eine wahrscheinlich weiter steigende Grundsteuer müssen hinterfragt werden. Wer politische Verantwortung trägt, muss seine Entscheidungen erklären und dabei insbesondere diejenigen im Blick behalten, die eine solche Mehrbelastung nicht ohne Weiteres verkraften können.
Doch dieser Artikel leistet keine sachliche Einordnung, sondern betreibt eine nahezu durchgängig negative Interpretation. Aus zwei Interviews wird kurzerhand eine kalkulierte PR-Kampagne. Unterschiedliche Aussagen erscheinen als Beleg für politische Unaufrichtigkeit, eine möglicherweise unglückliche Formulierung wird zum „überheblichen Schulterzucken“. Dem Bürgermeister werden Absichten und Strategien zugeschrieben, ohne dass dafür belastbare Belege vorgelegt werden.
Eine solche Berichterstattung mag Aufmerksamkeit erzeugen. Ziel- und zukunftsorientiert ist sie nicht. Hofheim befindet sich in einer finanziellen Ausnahmesituation. Der Bürgermeister und die politischen Gremien tragen die Verantwortung für den Weg aus der Krise, werden dabei aber auf die Mitwirkung von Verwaltung und Bürgerschaft angewiesen sein. Das kann nur gelingen, wenn offen über die Probleme gesprochen wird und alle Beteiligten gemeinsam nach tragfähigen Lösungen suchen. Uns allen muss daran gelegen sein, dass der Bürgermeister erfolgreich für Hofheim und seine Bürgerinnen und Bürger arbeitet.
Dazu gehört auch eine Presse, die kritisch nachfragt und Widersprüche aufzeigt. Konstruktive Kritik bedeutet keineswegs Schonung, sie unterscheidet jedoch zwischen belegbaren Tatsachen und unterstellten Motiven. Wer nahezu jede Äußerung des Bürgermeisters als Teil eines Kalküls oder einer Kampagne deutet, trägt nicht zur Aufklärung bei. Eine solche Darstellung verfestigt Misstrauen und verschärft die politischen Gegensätze.
Willi Schultze ist gewählt. Er steht am Anfang seiner Amtszeit und trägt nun eine außerordentlich schwere Verantwortung. Deshalb muss man ihn an seinem Verantwortungsbewusstsein und an konkreten Ergebnissen messen. Ebenso entscheidend ist, ob er die Bürgerschaft transparent informiert und soziale Folgen seiner Entscheidungen berücksichtigt. Die Zeit wird zeigen, ob er seine Arbeit tatsächlich zum Wohle aller leistet. Dabei muss gelten: Wort und Tat gehören zusammen. Man muss ihm aber auch die Chance geben, diesen Anspruch unter Beweis zu stellen.
Hofheim braucht keine unkritische Gefolgschaft. Notwendig ist vielmehr eine politische Kultur, in der unterschiedliche Auffassungen offen ausgetragen werden, ohne jedes Handeln von vornherein als Täuschungsmanöver zu deuten. Eine kritische Presse hat dabei eine wichtige Aufgabe. Sie sollte jedoch nicht den Eindruck erwecken, das politische Scheitern stehe bereits fest.
Die Finanzkrise ist zu ernst für Personalisierung und Dauerpolemik. Jetzt kommt es darauf an, Verantwortung zu übernehmen und tragfähige Lösungen zu entwickeln. Die Bürgerschaft muss dabei ehrlich einbezogen werden.
Ein Kommentar als Plädoyer für konstruktiven Dialog und das Einräumen einer Chance für den neuen Bürgermeister – das klingt zunächst aufrichtig und sympathisch. Doch dabei wird der entscheidende Punkt übersehen: Die Kritik entzündet sich nicht an persönlichen Vorbehalten, sondern an harten, belegbaren Fakten und den eigenen Aussagen des Rathauschefs.
Wenn Willi Schultze im Dezember 2025 öffentlich betont, dass es bei einem Grundsteuer-Hebesatz von über 2.000 Prozent „keinesfalls bleiben kann und darf“, nur um wenige Monate später gelassen zu erklären, der Durchschnittsbürger verkrafte das schon, dann ist das – zumal in einem Interview, das vor der Veröffentlichung sicher von ihm autorisiert wurde – keine „unglückliche Formulierung“. Es ist eine eindeutige Kehrtwende in einer der existenziellsten Fragen für die Hofheimer Bevölkerung. Diese Diskrepanz deutlich zu benennen, hat nichts mit „Dauerpolemik“ zu tun. Wer, wenn nicht ein unabhängiger Blog, sollte hier kritisch nachhaken?
Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, unpopuläre Entscheidungen mit dem Verweis auf die Notwendigkeit durchzudrücken und darauf zu hoffen, dass der Bürger die Kröte schluckt. Verantwortung bedeutet, den Bürgern und Gewerbetreibenden, die unter der Inflation und steigenden Energiekosten ohnehin stark leiden, konkrete Einsparkonzepte und Konsolidierungsschritte vorzulegen – und zwar bevor man an der Steuerschraube dreht. Davon ist vom Bürgermeister bisher wenig bis gar nichts zu hören.
Ein Bürgermeister muss sich an seinen eigenen Worten messen lassen. Wenn sich politische Aussagen innerhalb weniger Monate ins Gegenteil verkehren, entsteht Misstrauen nicht durch die Berichterstattung darüber, sondern durch die Politik selbst. Ein Blog, der das Verfallsmuster von politischen Zusagen beschreibt und analysiert, leistet genau den Beitrag zu jener politischen Kultur, die Hofheim jetzt braucht: Er schaut hin, wo andere lieber abwarten wollen.
Chance gegeben? Gerne. Aber die Schonfrist endet dort, wo das Portemonnaie der Bürger zur alleinigen Ausgleichsmasse verfehlter Finanzpolitik wird.
Selbstverständlich muss sich ein Bürgermeister an seinen eigenen Aussagen messen lassen. Der Widerspruch zwischen der Aussage, ein Hebesatz von mehr als 2.000 Prozent könne und dürfe nicht bleiben, und der späteren Einschätzung, der Hofheimer Durchschnitt könne eine solche Belastung tragen, darf und muss kritisch hinterfragt werden.
Was in der Erwiderung jedoch weitgehend ausgeblendet wird, ist die finanzielle Ausgangslage, die Willi Schultze bei seinem Amtsantritt übernommen hat. Die Rücklagen waren aufgebraucht, die Haushaltslage war und ist dramatisch angespannt und das strukturelle Defizit ließ und lässt sich nicht innerhalb kurzer Zeit beseitigen. Das gehört zwingend zu einer fairen Bewertung seiner bisherigen Amtsführung.
Die Forderung nach konkreten Einsparungen ist berechtigt. Zugleich muss berücksichtigt werden, dass ein über Jahre entstandenes Haushaltsproblem nicht allein durch kurzfristige Einzelmaßnahmen gelöst werden kann. Die Erhöhung der Grundsteuer B dürfte vor allem dem enormen Zeitdruck geschuldet sein, unter dem ein wie immer gearteter Haushalt stabilisiert werden muss. Sie erschließt vergleichsweise schnell zusätzliche Einnahmen. Das macht sie weder sozial unproblematisch noch dauerhaft hinnehmbar.
Es geht ausdrücklich nicht darum, den Bürgermeister in Schutz zu nehmen. Erwartet werden muss vielmehr, dass er in absehbarer Zeit einen konkreten und nachvollziehbaren Konsolidierungsplan vorlegt. Dieser muss erkennen lassen, wo tatsächlich gespart werden soll und welche strukturellen Veränderungen vorgesehen sind. Ebenso muss deutlich werden, unter welchen Voraussetzungen die außergewöhnlich hohe Belastung durch die Grundsteuer B wieder zurückgeführt werden kann.
Kritikwürdig ist allerdings nicht nur die inhaltliche Bewertung, sondern auch die Sprache des Artikels. Formulierungen wie „bitterböse Pille“, „fiskalischer Wahnsinn“, „flötet nonchalant“, „ganze Dreistigkeit“, „kuscheliges B-Besoldungsgehalt“, „kalkuliertes Schöntun“, „eiskalte Belastungspolitik“, „Wohlfühl-Lippenbekenntnis“ und „überhebliches Schulterzucken“ sind keine nüchterne Einordnung. Sie erzeugen ein bereits fertiges Urteil über Person und Absichten des Bürgermeisters, ohne dass diese Zuschreibungen belegt werden. Der Ton macht auch im Journalismus die Musik. Zuspitzung ist in einem Kommentar zulässig, doch sie darf den sachlichen Diskurs nicht außer Acht lassen oder sogar ersetzen.
Entscheidend bleibt die Unterscheidung zwischen dem übernommenen Erbe und der eigenen politischen Verantwortung. Wort und Tat müssen zusammenpassen. Ob Willi Schultze diesem Anspruch gerecht wird, werden seine nächsten Entscheidungen und der angekündigte Konsolidierungskurs zeigen.