Betonierte Doppelmoral: Wenn der Kreis den Schulhof grillt
Da steht sie nun, die neu sanierte Main-Taunus-Schule. Ein strahlendes Juwel moderner Bildungsinfrastruktur, ein zweistelliger Millionen-Leuchtstern am Hofheimer Kommunalhimmel. Bravo, Chapeau, großes Lob! Doch kaum wagt man den Schritt vor die Tür, weicht das Staunen dem Hitzeschock: Die Außenanlagen präsentieren sich als frisch gepflasterte, makellose Steinwüste. Parkplätze, Fahrbahnen, Pausenhof – Pflaster an Pflaster, Quadratmeter um Quadratmeter. Bäume? Ja, doch, vereinzelt hat man ein paar Alibi-Gewächse ins Pflaster gepflanzt. Ansonsten gilt: Freie Bahn für die Sommersonne!
Nur einen sprichwörtlichen Katzensprung entfernt berät der Hofheimer Magistrat fieberhaft darüber, wie man den Chinonplatz für eine schlappe halbe Million Euro aus seinem Asphaltschlaf weckt. „Entsiegelung!“ tönt es aus dem Rathaus, „Klimaresilienz!“ und „Zukunftsprojekt!“. Man klopft sich für kleine grüne Oasen in der Innenstadt gerne selbst auf die Schultern. Und direkt nebenan? Da wird im selben Atemzug munter die nächste betonierte Hitzehölle hochgezogen.
Dass sich grauer Pflasterstein im Sommer auf 50 bis 60 Grad aufheizt, das Mikroklima ruiniert, das Bodenleben erstickt und den Starkregen ungebremst in die Kanalisation jagt, gehört heute zum Grundwissen eines jeden Schülers. In der modernen Stadtplanung gilt ein komplett versiegelter Schulhof schlichtweg als Offenbarungseid.
Im Magazin Garten+Landschaft ist nachzulesen:
„An vielen Tagen im Jahr wird der Aufenthalt im Freien zur Belastungsprobe: Oberflächentemperaturen von über fünfzig Grad Celsius auf Asphalt, gleißende Sonne ohne nennenswerten Schatten, stickige Luft und kaum Möglichkeiten zur Abkühlung. […] Die gesundheitlichen Konsequenzen sind längst belegt. Kinder sind besonders empfindlich gegenüber Hitzebelastung, da ihre Thermoregulation noch nicht ausgereift ist. Symptome wie Konzentrationsprobleme, Kopfschmerzen, Kreislaufbeschwerden und eingeschränkte Bewegungsfreude nehmen zu.“
Örtliche Lokalpolitiker zeigen sich ob der grauen Wüste mitten in Hofheim naturgemäß „entsetzt“. Aus dem Rathaus weht jedoch umgehend die klassische Amtsstuben-Antwort: Nix zu machen, nicht unsere Baustelle! Das sei schließlich Sache des Main-Taunus-Kreises, und in dessen Planung mische man sich in Hofheim prinzipiell nicht ein.
Eine erstaunliche Demut. Zur Wahrheit gehört schließlich auch, dass der Kreis sein Geld nicht im Lotto gewinnt, sondern über die Kreisumlage aus den Kassen ebenjener Kommunen bezieht. Dass sich die Kreisstadt freiwillig einen Maulkorb verpassen lässt, wenn auf ihrem eigenen Territorium Millionen an Steuergeldern in gestrige Betonfantasien verbaut werden, hat schon eine besondere Note.
Hitzehölle Schulhof: Wo bleibt der Protest der Eltern?
Verwunderlich ist das Schweigen der direkt Betroffenen: Wo bleibt der Aufschrei der Lehrerschaft? Und der Eltern? Er blieb bislang völlig aus. Man hört zumindest nichts von Protesten gegen das künftige Mikroklima ihrer Schützlinge.
Dabei mahnt selbst die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung gebetsmühlenartig, dass schattenspendende Bäume, Bepflanzungen und feste Überdachungen auf Schulhöfen keine Luxusgüter sind, sondern zwingender Gesundheitsschutz gegen die massive UV-Belastung der Sommermonate. Jede Wette: Wo bei der MTS am Grün gespart wurde, wird man schon bald nach teuren Sonnensegeln und Schirmen rufen. Auf Kosten der Steuerzahler, versteht sich.
Im Landratsamt gibt man sich ob der Kritik unbeeindruckt. Man habe schließlich einen „Fachplaner“ engagiert und die Versiegelung ganz genau evaluiert, heißt es auf Nachfrage. Man habe die Zahl der Bäume sogar verdoppelt, zwei Tiny-Wälder gepflanzt, Versickerungssteine verlegt, und überhaupt müsse die Feuerwehr ja irgendwo fahren können.
Das klingt auf dem Papier nach einem ökologischen Musterprojekt. Schaut man sich vor Ort um, bleibt von der PR-Prosa allerdings nur eines übrig: Stein, Beton und flimmernde Hitze.
Wenn das nach den Maßstäben des Kreises bereits als vorbildliche Entsiegelung durchgeht, kann sich die Stadt Hofheim die halbe Million für den Chinonplatz eigentlich sparen. Dann lassen wir den Platz einfach so, wie er ist – und nennen ihn ab heute offiziell „Klima-Oase“.
TR



