Neustart mit Rezept: Wie Dr. Jan Kipp die SNH wieder auf Kurs bringt
Nach turbulenten Wochen und dem Rücktritt des alten Vorstands hat Dr. Jan Kipp den Vorsitz der Seniorennachbarschaftshilfe (SNH) Hofheim übernommen. Hofheim-News hat den Mediziner im Ruhestand getroffen und erfahren, wie er mit kühlem Kopf und klaren Strukturen den Riesen-Verein zurück auf Erfolgskurs bringen will.
Hofheim ohne die Seniorennachbarschaftshilfe (SNH)? Völlig undenkbar. Mit stolzen 1.300 Mitgliedern ist der Verein der größte Zusammenschluss älterer Menschen in der Kreisstadt. Und für viele von ihnen ist die SNH weit mehr als nur ein netter Zeitvertreib – sie ist echter Lebensinhalt. Ob unterhaltsame Ausflüge, gesellige Runden, handfeste Haushaltsdienste untereinander, Einkaufsfahrten oder das unverzichtbare „Essen auf Rädern“: Über hundert Frauen und Männer wirbeln hier tagtäglich ehrenamtlich im Hintergrund.
Kurz gesagt: Die SNH ist das soziale Herzstück Hofheims.
Doch selbst das größte Herz kann mal aus dem Rhythmus kommen. Innerhalb weniger Wochen hat sich der alte Vorstand praktisch selbst aufgelöst. Die Gründe? Vielschichtig. Unterschiedliche Visionen, eine gehörige Portion Überforderung und am Ende leider auch persönliche Differenzen. Das Gezänk an der Spitze ging den Mitgliedern verständlicherweise gehörig auf die Nerven – was sich prompt bei der letzten Versammlung zeigte, als dem alten Vorstand die Entlastung verweigert wurde. Der Mega-Verein drohte vorübergehend zu kollabieren.
Doch genau in diesem Moment des Wackels zeigte sich die Richtung für die Zukunft. Und die ist personifiziert: Dr. med. Jan Peter Kipp (Bild oben).
Der 67-jährige Mikrobiologe im Ruhestand stellte sich in einer Mitgliederversammlung als neuer Vorsitzender zur Wahl und erhielt prompt einen überwältigenden Vertrauensvorschuss: Sensationelle 96 Prozent der Anwesenden stimmten für ihn. Mehr Rückhalt geht nicht! Dass an diesem Nachmittag noch keine weiteren Vorstandsmitglieder wie Stellvertreter, Kassenwart oder Schriftführer gefunden wurden, bringt Kipp nicht aus der Ruhe. „Das ist jetzt meine Aufgabe“, sagt er gelassen. Demnächst soll bei einer weiteren Mitgliederversammlung das Team komplettiert werden.
Dr. Kipp und die SNH: Mit klarem Plan in die Zukunft
Wer ist der Mann, der die SNH nun steuert? Dr. Jan Kipp ist Mediziner, arbeitete lange in Hamburg, hängte die Arztkittel-Karriere aber 2009 an den Nagel, um seiner echten Leidenschaft zu folgen: der Programmierung. Er wechselte in die Wirtschaft, war jahrelang in führender Position in einem Großunternehmen für medizinische Labordiagnostik tätig und machte sich schließlich als Berater selbstständig. Laborsysteme und -prozesse, auch Krisenmanagement – Struktur, Analyse und der kühle Kopf in stürmischen Zeiten sind also genau sein Ding.
Privat zog es ihn und seine Familie – seine Frau ist Ärztin und Therapeutin in Frankfurt – schon Anfang der 90er Jahre nach Marxheim an den Rosenberg. Die drei Kinder sind längst flügge. Dafür sorgt seit kurzem „Dagny“ für Leben in der Bude, ein Hovawartmädchen. „Unser dritter Hovawart“, schmunzelt Kipp. „Eigentlich wollten wir keinen neuen, aber wenn man mal einen hatte, geht es einfach nicht mehr ohne.“
Nachdem ihn eine schwere Krankheit vorübergehend ausgebremst hatte, rappelte er sich wieder auf. Da der aktive Vollzeitjob wegfiel, reifte der Entschluss, sich sinnvoll vor Ort einzubringen. Eine Bekannte brachte ihn schließlich zur SNH – ein Verein, den Kipp ohnehin schon länger interessiert beobachtet hatte. Als „digitaler Lotse“ half er älteren Menschen beim Umgang mit Smartphone und PC.
Die Diagnose und das Rezept für die Zukunft
Als dann die Frage aufkam, ob er sich den Chefposten zutraue, tat Kipp das, was ein Analyst eben tut: Er nahm die SNH genauestens unter die Lupe. Sein Befund: „Der Verein ist extrem schnell gewachsen. Die internen Strukturen konnten mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten.“ Ohne funktionierende Prozesse flögen den Beteiligten die Aufgaben um die Ohren, Überlastung und persönliche Konflikte seien die logische Folge.
Wie akut dieser Handlungsbedarf ist, zeigt sich im Maschinenraum des Vereins: Die SNH hat mit Dietrich Brockmann einen engagierten operativen Leiter, der sich tagtäglich nach Kräften abrackert. Doch selbst der unermüdlichste Einsatz stößt an Grenzen, wenn das organisatorische Korsett im Hintergrund fehlt und die Last auf zu wenigen Schultern ruht.
Ob er das wieder hinbekommt? Kipp lächelt selbstbewusst. In der Großindustrie habe er wahrlich ähnliche Situationen erlebt. Bei der SNH sieht er jedoch einen riesigen Startvorteil: „Der Verein hat kein organisatorisches Problem. Er hat unheimlich viele engagierte Leute und ein tolles Zielbild.“ Jetzt gehe es darum, gemeinsam eine neue, saubere Konflikt- und Arbeitskultur zu entwickeln.
Sein Plan steht: Alles genau ansehen, die Probleme Punkt für Punkt konstruktiv anpacken, das Vorstandsteam formen und dann kräftig netzwerken. Dass dieses Rezept ankommt, zeigte sich bereits beim Seniorenbeirat, wo sich Kipp an diesem Donnerstag frisch vorstellte. Die Vorsitzende Ingrid Schulz lauschte sichtlich zufrieden, und die Beiratsmitglieder klopften anerkennend auf den Tisch. Die Signale stehen eindeutig auf Aufbruch.
Es war holprig, es war stürmisch, aber das Fundament steht. Für Hofheims Seniorennachbarschaftshilfe kann es jetzt nur noch eine Richtung geben – aufwärts!
HN/TR


