10,15 Euro „Begrüßungsgeld“ pro Fahrgast: Die teure Wahrheit über den Colibri
Sie rollen leise durch die Stadt, sie sind bequem, sie kommen fast bis vor die Haustür: Die kleinen Elektrobusse des On-Demand-Dienstes „Colibri“ gehören mittlerweile fest zum Hofheimer Straßenbild. Wer sie nutzt, schwärmt. Doch jetzt gibt es amtlich, was dieser exklusive Komfort die Bürgerinnen und Bürger wirklich kostet. Die Zahl ist wirklich irre: Die Stadt zahlt bei jedem! einzelnen! Fahrgast! mehr als 10 Euro aus der Stadtkasse drauf.
Im Rathaus wollte man die Finanzdaten zum Colibri lange Zeit am liebsten unter dem Teppich halten. Zwar hatte der Magistrat Ende 2024 versprochen, den Stadtverordneten frische Zahlen vorzulegen – doch passiert ist nichts. Damals führte noch CDU-Bürgermeister Christian Vogt die Stadtgeschäfte, bevor ihm vor einem Jahr Wilhelm Schultze (BfH) nachfolgte. Als die Fraktion der Linken noch einmal nachhakte und eine offizielle Anfrage stellte, wurden die Karten endlich auf den Tisch gelegt.
Die Zahlen bergen Zündstoff für die anstehenden Etatberatungen in der ohnehin finanziell arg gebeutelten Stadt. Denn die Politik, die seit Monaten beteuert, sie wolle eisern sparen und den Bürgern nicht noch höhere Belastungen zumuten, gerät nun unter Erklärungsnot.
Betrachten wir die Fakten:
- 60.980 Fahrgäste ließen sich im vergangenen Jahr vom Colibri chauffieren.
- 49.088 Fahrten absolvierten die Kleinbusse.
- 330.700 Kilometer legten sie dabei zurück.
Das klingt auf den ersten Blick nach einer echten Erfolgsgeschichte. Doch der Blick ins städtische Portemonnaie offenbart den astronomischen Preis dieses Projekts.
Satte 618.657,30 Euro musste Hofheim im letzten Jahr zuschießen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Das ist das reine Netto-Defizit, das am Ende ungedeckt bei der Stadt Hofheim hängenbleibt. Der RMV legte noch einmal einen Pauschalbetrag von rund 145.000 Euro obendrauf. An Fahrgeldern wurden rund 105.000 Euro eingenommen, so dass das Unternehmen Colibri im letzten Jahr insgesamt knapp 660.000 Euro kostete.
Wir nehmen jetzt mal nur den städtischen Zuschuss von 618.657,30 Euro – er zeigt uns ein erstaunliches Bild: Auf die 49.088 Fahrten verteilt, schlägt jede einzelne Tour mit 12,60 Euro aus der Stadtkasse zu Buche. Und dabei handelt es sich nur um Kurzstrecken: „Die durchschnittliche Besetzt-Fahrt mit Colibri hatte eine Länge von 6,32 km“, hat der Magistrat ausgerechnet.
Heruntergebrochen auf jeden einzelnen beförderten Passagier (60.980) sind das rund 10,15 Euro „Begrüßungsgeld“, das die Stadt jedem Fahrgast in die Hand drückt, der seinen Fuß in einen Colibri setzt.
Der Grund für den horrenden Zuschuss liegt im System selbst: Der Betreiber kassiert nach bereitgestellten Stunden – vollkommen egal, ob Kunden mitfahren oder die Busfahrer Däumchen drehend an der Ecke stehen. Ob Flaute oder Rushhour: Die Rechnung für die Stadt bleibt hoch. Immer.
Wie viele Kilometer die Fahrzeuge dabei komplett ohne Fahrgast durch die Gegend rollen, verschweigt die Magistratsvorlage übrigens. Rechnet man jedoch die Gesamtkilometer gegen die besetzten Fahrten auf, wird klar, dass ein beachtlicher Teil der Strecken als teure Leerfahrten absolviert wird.
Und dann sitzen im Schnitt gerade einmal 1,24 Personen in einem Colibri. Auch wenn die Verwaltung diesen Wert im Vergleich mit ähnlichen RMV-Angeboten als hervorragend angibt: Von einem „Sammelbus“, der mehrere Passagiere gebündelt ans Ziel bringt, kann wohl kaum die Rede sein.
In der Praxis leistet sich Hofheim ein hochsubventioniertes Einzeltaxi.
Wenn die Politik den Colibri zur Sozialleistung verklärt
Um die Dimensionen einzusortieren: Für das komplette reguläre Stadtbusnetz mit seinen fünf Linien zahlt Hofheim einen Zuschuss von rund 1,22 Millionen Euro. Der Colibri als schickes Zusatzangebot für eine kleine Klientel schlägt mit weiteren knapp 620.000 Euro zu Buche – das ist mehr als die Hälfte der gesamten Zuschusssumme aller fünf Stadtbuslinien zusammen!
Als die AfD-Fraktion unlängst beantragte, die Reißleine zu ziehen und die Kosten drastisch zu senken, schallte ihr ein Aufschrei der Empörung quer durch die etablierten Fraktionen entgegen.
„Der Colibri ist ein toller Erfolg, den sollten wir uns hier nicht kaputt machen lassen!“, trompetete etwa Wolfgang Exner – er war Erster Stadtrat, als das System eingeführt wurde, sitzt heute für die CDU in der Stadtverordnetenversammlung und klopfte sich damit praktisch selbst auf die Schulter.
SPD-Fraktionschef Aaron Kowacs schwelgte in rhetorischer Großnotwendigkeit und sprach von „sozialer Gerechtigkeit“, während Linken-Vertreter Baris Agus den Kleinbus zum „Kernbestandteil der Daseinsvorsorge“ adelte. Selbst Bürgermeister Wilhelm Schultze sprang in die Bresche und bemühte die Solidargemeinschaft: „Da werden Dinge finanziert von Leuten, die sie nicht nutzen, für Leute, die sie sich nicht leisten können.“
Eine durchschaubare Verdrehung der Tatsachen: Dass genau jene Leute, die sich keine Luxusfahrten leisten können, diesen Service am Ende unfreiwillig über steigende Grundsteuern und Gebühren mitfinanzieren müssen – darüber verlor im Saal niemand ein Wort. Der AfD-Antrag wurde folgerichtig abgeschmettert. Die Grünen schlugen versöhnlich vor, die Verwaltung möge doch mal eruieren, ob man die Kosten nicht vielleicht ein klein wenig drücken könne. Na gut, darauf konnte man sich einigen.
Dass praktisch zehn Euro Steuergeld pro Passagier und Fahrt verbrannt werden, wusste bei dieser Diskussion übrigens offiziell noch niemand.

Die Verwaltung bemüht in ihrer Antwort auf Wunsch der Linken noch einen ausführlichen Vergleich mit dem alten Anrufsammeltaxi (AST 404) aus dem Jahr 2021. Allerdings sind die Zahlen wenig aussagekräftig: 2021 war ein verzerrendes Corona-Jahr, das AST fuhr außerdem nur feste Routen mit langen Vorbestellzeiten, und die Fahrgastzahlen wurden teilweise händisch vom Fahrpersonal notiert. „Nur eingeschränkt belastbar“, urteilt die Verwaltung selbst.
Der entscheidende Unterschied liegt woanders: Beim alten AST wurde nur das bezahlt, was auch tatsächlich gefahren wurde. Beim Colibri hingegen läuft die Taxiuhr unaufhörlich weiter – selbst wenn kein einziger Fahrgast an Bord ist.
Keine Frage: Der Colibri ist bequem. Er schließt Lücken, bringt Menschen spontan ans Ziel und bindet Ortsteile an. Aber in Zeiten, in denen Hofheim vor einem finanziellen Scherbenhaufen steht, Konsolidierungskonzepte wälzt und den Bürgern Steuererhöhungen drohen, stellt sich die Gretchenfrage ganz neu:
Darf sich eine überschuldete Stadt einen öffentlichen Nahverkehr leisten, bei dem jede einzelne Spritztour mit über 12 Euro Steuergeld versüßt wird?
Die Debatte hat gerade erst begonnen.
TR


Für mich lautet die entscheidende Frage nicht: Colibri behalten oder abschaffen? Sondern: Wie lässt sich das gesamte Hofheimer Mobilitätsangebot mit weniger Steuergeld und möglichst ohne soziale Härten organisieren? Soziale Verantwortung und wirtschaftliche Vernunft sind keine Gegensätze.
Gerade wenn Bürger höhere Grundsteuern und Gebühren schultern müssen, braucht es nachvollziehbare Prioritäten. Jeder Euro kann eben nur einmal ausgegeben werden.