Hofheim optimiert sich gesund: Das war’s mit dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst
Heute ist Schluss für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst in Hofheim. Ein weiterer Baustein, der in der Kreisstadt den Bach runtergeht – flankiert von chronisch kaputten Finanzen und schrumpfender Infrastruktur. Der Protest? Bleibt aus. Stattdessen übt sich die Lokalpolitik in der Inszenierung eines peinlich späten Antrags. Eine Betrachtung.
Man kann die Notaufnahme im Krankenhaus schließen, man kann die Akutversorgung kappen, man kann dem Bürger erklären, dass Bad Soden ja quasi um die Ecke liegt und man in Frankfurt-Höchst ohnehin viel schneller parkt, wenn man gerade mit dem Herzinfarkt im Straßengraben liegt. All das geht. Aber wenn an diesem Sonntag nun auch noch der Ärztliche Bereitschaftsdienst am Hofheimer Krankenhaus endgültig beerdigt wird, bekommt das Ganze eine unschlagbare Pointe: Der Mann, der die Schließung mitzuverantworten hat, ist selbst als Arzt in Hofheim niedergelassen.
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen hat gesprochen, im Juli war’s: Die Entscheidung sei „final“, da gebe es keinen Verhandlungsspielraum. Schließlich sei die Fallzahl mit rund 3.000 Patienten im Jahr 2025 ja so überschaubar gewesen, dass man den Laden getrost dichtmachen könne.
Man bündelt eben. Man optimiert. Man strukturiert die Notfallversorgung des Landes so lange um, bis selbst der letzte Patient merkt, dass er dem System vor allem dann zur Last fällt, wenn er außerhalb der Praxisöffnungszeiten krank wird. Ändern zum Besseren wird sich nichts.

Dass der stellvertretende KV-Vorstandsvorsitzende Armin Beck seine Praxis nur einen Steinwurf vom nunmehr verstorbenen Bereitschaftsdienst entfernt hat, verleiht dem Verwaltungsakt eine bemerkenswerte lokale Note. Man wohnt Tür an Tür mit dem schwindenden Angebot, während man aus der Chefetage in Frankfurt die große Strukturreform verkündet. Als KV-Vize lässt es sich mit den kurzen Dienstwegen offenbar ganz gut leben – zumal auch von anderer Seite kein Gegenwind droht. Der Aufstand der Massen blieb aus, und auch die Lokalpolitik übt sich in der gewohnten Choreografie aus Betroffenheit und Ohnmacht.
Aus der Chefetage des Rathauses wird der Verlust der ortsnahen Versorgung „sehr bedauert“, man sieht sich aber machtlos.
Thomas Völker von der Linken konstatiert lakonisch, die Schließung des ÄBD sei „eine direkte Folge der geschlossenen Notaufnahme am Krankenhaus“, was wiederum „eine maximale Fehlentscheidung der Verantwortlichen im Kreis“ sei, was wiederum Landrat Cyriax (CDU) „schulterzuckend“ hinnehme.
Cyriax selbst verweist pflichtbewusst darauf, dass man in Bad Soden und Höchst ja glänzend aufgestellt sei.
CDU-Co-Fraktionschef Andreas Hegeler zuckt ebenfalls mit den Schultern: Die Schließung sei „schade, ärgerlich“, das Stadtparlament aber habe bei solchen Themen kaum Möglichkeiten.
Und SPD-Mann Tobias Undeutsch, ein aktiver Rotkreuzler, nennt das Sterben auf Raten „ein Stück weit absehbar“, was man aber „natürlich auf keinen Fall begrüßen kann“. Er fordert staatstragend, was SPD-Politiker in solchen Situationen immer gerne fordern – Lösungen für jene, die nun „hinten runterfallen“.
Fast schon ein Treppenwitz der Kommunalpolitik: Alle Fraktionen des Stadtparlaments – nur die AfD und FWG blieben außen vor – haben einen gemeinsamen Antrag eingereicht. Der Magistrat möge doch bitte einen Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, im Idealfall eben jenen stellvertretenden Vorsitzenden Herrn Beck, einladen, damit der vor Stadtverordneten über die Schließung spreche. Der Antrag datiert von Anfang August; in der Sitzung des Stadtparlaments am 19. August wurde er allerdings zunächst vertagt. Jetzt steht er erneut auf der Tagesordnung – für die Sitzung des Stadtparlaments am kommenden Mittwoch, 30. September. Eine späte und recht sinnfreie Debatte – zu diesem Zeitpunkt ist die Messe längst gelesen.
Im Gegensatz zu diesem zahnlosen parlamentarischen Nachspiel spricht wenigstens der Seniorenbeirat Klartext. Vorsitzende Ingrid Schulz nannte die Streichung eine „Katastrophe“. Hier gehe es nicht um Paragrafen oder Bundestarife, sondern um die Realität von älteren Menschen und in ihrer Mobilität eingeschränkten Patienten, die künftig Taxis, Angehörige oder den Krankentransport bemühen dürfen, nur weil ein paar Bürokraten auf dem Papier „integrierte Notfallzentren“ errichten wollen. Der Seniorenbeirat weiß zudem zu berichten, dass es sehr wohl praktikable Lösungen gegeben hätte – Räume waren da, Ärzte, die Bereitschaft signalisierten, ebenfalls. Aber gegen den Verwaltungsgeist der KV Hessen hilft eben kein guter Willen der Mediziner vor Ort.
Das Hofheimer Krankenhaus hat unterdessen längst neue Schwerpunkte gesetzt: Der Standort hat sich auf Altersmedizin und Psychiatrie ausgerichtet. Da stört eine akute Notfallversorgung wohl nur. Man baut sie folgerichtig ab und überlässt die alternde Bevölkerung stattdessen der Geriatrie. Ein geschlossener Kreislauf, logistisch perfekt durchdacht.
Hofheim verliert damit keinen medizinischen Notfallstandort im klassischen Sinne mehr – das hat sich ja bereits erledigt. Aber die wohnortnahe Gesundheitsinfrastruktur schrumpft deutlich unter Normalnull. Und die Bürger dürfen sich derweil merken: Wenn das System optimiert wird, ist der Arzt selten weit weg – aber meistens eben doch ganz woanders.
TR


Leider trifft es zu, dass die Themen Notaufnahme (ZNA) und Ärztlicher Bereitschaftsdienst in Hofheim nur beim Seniorenbeirat und den Linken die nötige Aufmerksamkeit fanden. In der Stadtverordnetenversammlung wurden die Anträge der Linken dazu immer wieder vertagt und schließlich mit großer Mehrheit abgelehnt. Siehe hierzu: Antrag der LINKE-Fraktion – STV2024/098 und Prot. vom 10.07.24:
Stadtv. Henninger stellt folgenden Antrag: „Wir bitten, den Antrag in den Haupt-, Finanz- und Beteiligungsausschuss zu überweisen, ggfs. in eine Sondersitzung, zu der eine Vertretung der Kassenärztlichen Vereinigung geladen wird, um das für Hofheim wichtige Thema „Ärztlicher Bereitschaftsdienst“ zu beraten.“
An der Diskussion beteiligen sich die Stadtv. Nickel, Schwarz, Dr. Grassel und die Vorsitzende des Seniorenbeirats Schulz.
Beschluss: Die Angelegenheit wird in den Haupt-, Finanz- und Beteiligungsausschuss überwiesen. Eine Vertretung der Kassenärztlichen Vereinigung soll hierzu eingeladen werden.
Darauf erfolgte „schon“ am 07.05.25 die Beratung in der Stadtverordnetenversammlung mit folgendem Ergebnis:
TOP 15. Notaufnahmen im Main-Taunus-Kreis erhalten – Ärztlichen Bereitschaftsdienst ausbauen – Gemeinsamen Tresen umsetzen
Vorlage: STV2024/098 vgl. Beschluss Nr. 11 vom 29.01.2025
Stadtv. Thaler erläutert das Ergebnis der Beratungen im Haupt-, Finanz- und Beteiligungsausschuss.
Stadtv. Dr. Grassel ändert die Absätze 2 und 4 des Antrags redaktionell wie folgt ab:
2. Die Stadtverordnetenversammlung fordert deshalb die Mitglieder des Kreisausschusses, die zugleich Aufsichtsratsmitglieder der Kliniken Frankfurt-Main-Taunus GmbH sind, dazu auf, sich im Rahmen ihrer Aufsichtsratstätigkeit dafür einzusetzen, dass die ZNA auch nach Hofheim zurück kommt.
4. Um eine effizientere Patientensteuerung zu erzielen, sollen auch in Hofheim gemeinsame Tresen von ZNA und ÄBD eingerichtet werden, wie es in Höchst seit Jahren und in Bad Soden umgesetzt ist. Die anstehenden Veränderungen bieten die Chance, hierzu Räumlichkeiten entsprechend bereitzustellen und eine bessere und zielgerichtete Versorgung zu etablieren.
Stadtv. Thaler gibt eine Erklärung ab. Stadtv. Kowacs beantragt getrennte Abstimmung zu den einzelnen Punkten.
Abstimmung über den so geänderten Antrag:
Zu Punkt 1:
– 2 dafür –
– 24 dagegen –
– 15 Enthaltungen –
Damit ist dieser Punkt abgelehnt.
Zu Punkt 2:
– 6 dafür –
– 19 dagegen –
– 17 Enthaltungen –
Damit ist dieser Punkt abgelehnt.
… und wir vom DRK Hofheim haben diesen Notdienst zusammen mit der KV in den 1980ern aufgebaut um die Versorgung der Patienten am Wochenende zu gewährleisten. Soviel zum Thema: Früher war alles besser.
Hatte man denn nicht früher die Möglichkeit einen Notarzt anzurufen am Wochenende, wenn man Glück hatte, dann bekam man sogar seinen eigenen Hausarzt. Der machte eine Notversorgung bzw. entschied, ob man ins Krankenhaus musste. Frage, gibt es diese sinnvolle Einrichtungen nicht mehr. Das war in gleicher Weise auch für Fachärzte gedacht: Also Augenarzt. Ohrenarzt etc. Heißt das, heute muss man direkt zur Notaufnahme nach Bad Soden oder nach Höchst. Ich erinnere mich noch gut an diese Zeiten, auch mit den Kindern, man kam meistens schnell dran. Die Ärzte halfen und im wirklichen Notfall ging es ins Krankenhaus. Das alles gibt es nicht mehr?
Außer in Hofheim plant die KV Hessen ihren Ärztlichen Bereitschaftsdienst Ende Oktober in Bruchköbel und in absehbarer Zeit in Bad Schwalbach zu schließen. Die möglichen Folgen wurden bereits beschrieben. Die meisten KV Bereitschaftspraxen (18) wurden bislang n Baden-Württemberg geschlossen. Die dortige KV hat auch die meisten Verluste (50 Millionen Euro ) durch Investments in risikoreiche Immobilienfonds zu verzeichnen. Bei der KV Hessen sind es angeblich 30 Millionen, die iauf diese Weise in den Sand gesetzt wurden. Ich frage mich, ob die Kassenärztliche Vereinigung ihrem gesetzlichen Sicherstellungsauftrag (§75 Abs. 1 des Fünftes Sozialgesetzbuch) noch gerecht wird. Diese Frage sollte man vor allem der zuständigen Aufsichtsbehörde, das Hessische Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege (HMFG), stellen.
Nachtrag:
Nach Angaben der KV Hessen soll der Ärztliche Bereitschaftsdienst in Dietzenbach zum 30.Juni 2027 ebenfalls geschlossen werden.