Sparkurs am Bahnhofstunnel: Wenn die Stadt selbst zum Sprayer wird
Ein Mann in der düsteren Bahnhofsunterführung, er beschmiert die Wände – und dann kommen plötzlich zwei Polizisten hinzu. Was nach Straftat klingt, ist in Hofheim Dienstanweisung. Die finanzielle Ebbe in der Stadtkasse führt inzwischen zu arg abstrusen Situationen:
Letztens beobachtete ein Hofheimer einen Mann im Tunnel des Bahnhofs, der die Wände besprühte. Ein Vandale bei der Arbeit? Ein illegaler Sprayer? Der Zeuge, bewaffnet mit dem ehrlichen Eifer des besorgten Steuerzahlers, wollte gerade einschreiten, da tauchte – scharf bewacht von zwei Stadtpolizisten – die blanke finanzielle Realität der Kreisstadt auf: Hier sprayt nicht der Feind! Hier schmiert die eigene Obrigkeit höchstpersönlich.
„Ich kann’s noch immer nicht glauben“, erzählt der Zeuge. Der Mann, der die Wände beschmierte, wies sich als ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung aus. Und das ist die Geschichte dazu: Weil der Stadt das Geld für das fachgerechte Beseitigen selbst der übelsten Parolen fehle – so berichtet der Zeuge, das habe man ihm vor Ort gesagt –, greife die Verwaltung jetzt eigenhändig zur Spraydose, um das Elend mit noch mehr Farbe zu übertünchen. Und das Ganze auch noch unter staatsnahem Begleitschutz.
Auf Nachfrage bestätigt Rathaussprecher Jonathan Vorrath die städtische Groteske: Ja, an jenem Tag im September sei nach einem Hinweis im Internet-Mängelmelder exakt so verfahren worden. „Um Reinigungskosten zu sparen und die Graffitis möglichst schnell unkenntlich zu machen, wurde eine Streife der Stadtpolizei mit einem weiteren Mitarbeiter der Ordnungsbehörde in Zivil entsandt, und vor Ort wurden die rechtsextremen Schriften unkenntlich gemacht.“
Rechtsextreme Schriften, wohlgemerkt – nicht bloß Kritzeleien gelangweilter Jugendlicher. Genau das gibt der Posse eine zweite, ungleich unbequemere Dimension: Eine Behörde entscheidet aus Geldmangel, extremistische Parolen selbst zu übermalen, statt sie fachgerecht dokumentieren und entfernen zu lassen. Die Pointe bleibt komisch. Der Anlass ist es nicht.
Das sei „gängige Praxis“, schreibt Vorrath. Schmiereien würden „immer flächig aufgetragen unkenntlich gemacht“. Da es sich um eine städtische Maßnahme gehandelt habe, sei die Stadtpolizei „zur Absicherung“ mitgeschickt worden – man wollte offenbar kein Risiko eingehen, während der eigene Mitarbeiter zur Spraydose griff. Die professionelle Reinigung folge dann irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Kasse womöglich wieder klingelt.
Dass eine Behörde die unschöne Hinterlassenschaft von Vandalen kurzerhand mit eigener Farbe kaschiert, mag im Rathaus als pragmatische Sparmaßnahme durchgehen – verlangt der Stadtgesellschaft jedoch einiges an Humor ab. Der Kosten-Nutzen-Effekt bleibt zudem eine Milchmädchenrechnung: Wer billig sprayt, zahlt drauf, wie der Volksmund sagen würde. Wer den öffentlichen Raum mit Behörden-Graffitis überpinselt, darf sich über die schleichend sinkende Hemmschwelle nicht wundern.
Wenn der Staat den Pinsel schwingt, ist das kein urbanes Kunstprojekt. Es ist eine ästhetische Bankrotterklärung auf Raten. Denn wer den Dreck nur bunter macht, lädt die illegalen Sprayer erst recht zum nächsten Farbevent ein.
TR




Seit fast 40 Jahren agiere ich mit meinem Atelier professionell international mit der Farbsprühdose und anderen Werkzeugen auf allen Untergründen, gebe Street Art Workshops und habe das Berufsfeld der buchbaren Graffitikunst etabliert. Seit 2004 bin ich in Hofheim verortet und was ich hier erlebte und noch erlebe, lässt selbst die Schildbürger blaß aussehen … unfassbar. Als geborener Hofheimer drücke ich meiner Heimatstadt die Daumen, daß sie aus ihrer Agonie aufwacht.