Neuer Finanzbericht des Magistrats zeigt: Hofheim droht die Zahlungsunfähigkeit

Neuer Finanzbericht des Magistrats zeigt: Hofheim droht die Zahlungsunfähigkeit

Im Rathaus müht man sich um Aufklärung: Wie konnte die Kreisstadt in ein solches Finanzchaos abrutschen – ohne dass es einer gemerkt hat? Jetzt haben die Finanzfachleute in der Stadtverwaltung einen ausführlichen Bericht erstellt, der den Ursachen nachgeht und auch den aktuellen Kassenstand ausleuchtet. Wer in das Papier hineinschaut, blickt in einen echten fiskalischen Abgrund: Die Kasse ist nicht einfach nur leer – das städtische Konto ist schon wieder derart massiv überzogen, dass der Stadt droht, ihre Rechnungen bald nicht mehr bezahlen zu können. Der Ausblick zeigt unbarmherzig: Diese Krise ist kein Betriebsunfall für ein paar Monate. Der permanente Notmodus ist Hofheims neue, schmerzhafte Realität – vermutlich auf Jahre.

Der 30 Seiten starke Bericht, der Hofheim-News vorliegt, beleuchtet die Entwicklung seit 2020 und vertieft vor allem den Zeitraum von 2021 bis 2025. In diesen Jahren explodierten die ordentlichen Aufwendungen um rund 35,3 Millionen Euro, während die Erträge im selben Zeitraum nur um rund 20,0 Millionen Euro wuchsen. Die größte zusammengefasste Mehrbelastung macht dabei mit rund 12,9 Millionen Euro die Kreis-und Schulumlage aus.

Kreisumlage
Eine Grafik aus dem Finanzbericht: Sie macht deutlich, wie stark Kreis- und Schulumlage angestiegen sind.

Im Ergebnis sind die Zahlen, das zeigt der Bericht schonungslos auf, das Resultat einer jahrelangen, toxischen Melange aus explodierenden Mehrausgaben, davongelaufenen Kosten – und nicht zuletzt einem jahrelangen Blindflug des Controllings. Die Ausgaben schossen nach oben, während die behördeninternen Planungen den massiven Kosten- und Inflationsdruck nicht realistisch vorhergesehen oder eingepreist hatten.

Der Bericht redet auf seine ganz eigene Art Tacheles, was man allerdings übersetzen muss, denn im Behördendeutsch klingen Kontrollversagen und Blindflug fast wie eine unglückliche Wetterlage:

„2020 bis 2022 wurden noch positive Jahresergebnisse erzielt; 2023 markiert rückblickend die Ergebniswende“, schreibt der Magistrat. Anfang 2024 sei das spätere Krisenausmaß noch nicht erkennbar gewesen, aber bis Ende Oktober 2024 „verdichteten sich die operativen Warnsignale erheblich“. Im Frühjahr 2025 wurden dann „tatsächliche Zahlungsschwierigkeiten dokumentiert“.

Und schließlich: „Zugleich war die Informations-, Entscheidungs- und Berichtskette nicht durchgehend so ausgestaltet und dokumentiert, dass für jede Verantwortungsebene rechtzeitig ein konsistentes und entscheidungsfähiges Gesamtbild nachgewiesen werden kann.“ Im Klartext: Im Rathaus wusste die linke Hand jahrelang nicht, was die rechte tat. Welche Folgen das hatte, lässt sich an einem Beispiel aus dem Finanzbericht gut aufzeigen: „Besonders deutlich ist 2025 die Abweichung im ordentlichen Ergebnis: Geplant waren +1,13 Mio. Euro, vorläufig erreicht wurden -17,29 Mio. Euro.“ Die Planabweichung nach unten betrug damit sagenhafte 18,41 Millionen Euro!

Finanz
Diese Grafik zeigt, wie sich die Kredite der Stadt entwickelt haben. Der damalige Bürgermeister feierte sich für den Abbau von Investitionskrediten – dass der städtische Dispo (die Liquiditätskredite) nach oben schossen, ließ er unerwähnt.

Das unterjährige Finanzgeschehen – das ständige Nachsteuern und Prüfen, ob die Zahlen aus dem Plan überhaupt noch stimmen – war schlicht aus dem Ruder gelaufen. Im Nebel des Beamtendeutsch läuft das unter der Überschrift „organisatorische bzw. prozessuale Schwächen“. Warnsignale, dass der Stadt das Geld auszugehen drohte, wurden im Apparat verschleppt, verharmlost oder blieben im Klein-Klein hängen, statt rechtzeitig als Brandmelder auf dem Tisch der Chefetage zu landen.

Und weil die Pläne der Verwaltung stets ein positives Ergebnis voraussagten, sahen natürlich auch die Stadtverordneten keinen Grund zur Panik. Man dachte, man sei finanziell auf der sicheren Seite. Im Bericht heißt es dazu: „Die verspätete Berichterstattung hat die Finanzkrise nicht verursacht. Sie hat jedoch die Möglichkeit der Stadtverordnetenversammlung beeinträchtigt, die Entwicklung frühzeitig als zusammenhängendes Problem zu erkennen.“

Am Ende hat die Stadt zwar gegengesteuert – unter anderem ein Konsolidierungspaket in 2025 von rund 1,74 Millionen Euro beschlossen, Ausgaben gebremst und eine Wiederbesetzungssperre verhängt. Doch alle Notbremsen und Sparpakete, die man präsentierte, erweisen sich als Tropfen auf den heißen Stein: Es reicht hinten und vorne nicht. Die strukturellen Probleme fressen die kleinen Sparerfolge sofort wieder auf.

Der genehmigte 40-Mio.-Dispo wurde im August gesprengt

Und damit zu den harten Fakten der Jetzt-Zeit, die in dem Bericht erst ganz am Ende auf den Tisch gelegt werden: Im Juni dieses Jahres lagen die Kassenkredite bei rund 35,27 Millionen Euro, im Juli stiegen sie auf 35,34 Millionen Euro. Damit kratzte die Stadt bereits massiv am erlaubten Höchstrahmen. Der offizielle, von der Kommunalaufsicht genehmigte Überziehungsrahmen von 40 Millionen Euro – quasi der städtische Dispo – war schon im Sommer fast vollständig ausgereizt.

Die interne Liquiditätsplanung für August 2026 trieb den errechneten Finanzbedarf (also die Summe, die nötig wäre, um alle anfallenden Rechnungen und Verbindlichkeiten pünktlich zu begleichen) noch einmal deutlich höher – auf wahnwitzige 45,26 Millionen Euro. Offiziell bestätigt sind diese Zahlen zwar nicht, doch sie zeigen, wohin die Reise steuert. Da die Kreditlinie hart bei 40 Millionen Euro gedeckelt ist und nicht überschritten werden darf, bleibt der Verwaltung in diesem Szenario nur ein einziger Ausweg: Schieben, strecken, Rechnungen parken.

Finanz
Diese Grafik zeigt: Die Ausgaben übertrafen zuletzt die Einnahmen massiv. Das hat inzwischen spürbare finanzielle Belastungen für alle Bürger zur Folge.

Im Amtsdeutsch des Finanzberichts liest sich das so: „Bei entsprechendem Verlauf müssten daher erneut fällige Verbindlichkeiten zeitlich verschoben werden.“ In der Übersetzung heißt das: Wer in Hofheim aktuell auf Geld vom Rathaus wartet – ob Dienstleister, Partner oder städtische Eigenbetriebe –, könnte bald die bittere Kunst des behördlichen Hinauszögerns kennenlernen. Der Befund sei eindeutig, so die Analyse: „Der Liquiditätspuffer ist sehr gering.“

Als wäre der überzogene Dispo nicht genug, brechen der Stadt im Jahr 2026 auch noch die Einnahmen weg. Allein bei den Steuern und den damit gekoppelten Umlagen erwartet der Bericht für das laufende Jahr eine neuerliche, schmerzhafte Verschlechterung von rund 7,7 Millionen Euro gegenüber der ursprünglichen Haushaltsplanung. Auf gut deutsch: Das Loch in der Kasse wird immer größer.

Der Ausblick zeichnet ein unbarmherziges Bild: Die Tatsache, dass die Ausgaben über die 40-Millionen-Grenze hinausschießen könnten, zeigt, dass die Stadt nur noch auf Sicht fährt. Ohne harte Eingriffe droht die faktische Handlungsunfähigkeit im täglichen Zahlungsverkehr. Der Finanzbericht macht unmissverständlich klar, dass die Konsolidierung kein vorübergehendes Projekt für ein paar Monate ist:

Hofheim steckt im permanenten Notmodus fest. Die Kreisstadt wird über Jahre hinweg unter massiven, schmerzhaften Ertrags- und Liquiditätsbedingungen arbeiten müssen.

TR

Ein Gedanke zu “Neuer Finanzbericht des Magistrats zeigt: Hofheim droht die Zahlungsunfähigkeit

  1. Von unfähigem oder mindestens unprofessionellem Controlling in einer öffentlichen Verwaltung hat man schon häufiger mal gehört.
    Leider gibt es aber auch nach diesem Bericht keine Klarheit, woher das Millionenloch genau rührt.
    Ein einziger Satz zu den Ursachen („Die größte zusammengefasste Mehrbelastung macht dabei mit 12,9 Mio die Kreis- und Schulumlage aus“) erklärt leider nicht, warum von einem auf das andere Jahr genau diese Mehrbelastung entstanden ist.
    Was bitte steckt dahinter?
    Und erneut die (rhetorische) Frage, warum es zwar sehr vielen anderen Kommunen ebenfalls finanziell immer schlechter geht, aber im MTK keine so pleite scheint, wie die Kreisstadt?
    Auch wenn die Ausgaben offenbar in (großen?) Teilen von anderen diktiert und dann hingenommen worden sind – andere haben sich offensichtlich seit langer Zeit erheblich besser um die Einnahmenseite
    gekümmert.
    Was ist in dieser Hinsicht bspw. in Kriftel in den letzten 10 Jahren passiert, was in Hofheim und welche Schlüsse hat man denn in Hofheim jetzt daraus gezogen?

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