Das Ringen um die „Gigahallen“ – Ortsbeirat beklagt sich bitter übers Rathaus
Wer gehofft hatte, dass nach den Desaster-Jahren unter der CDU-Vogt-Ära endlich die große Wende anbricht und mit Bürgermeister Willi Schultze zwar nicht alles, so doch zumindest einiges besser wird, sieht sich inzwischen bitterlich getäuscht. Und das – man muss es in dieser Deutlichkeit sagen – hat zur Abwechslung einmal rein gar nichts mit dem chronischen Finanzloch in der Stadtkasse zu tun. Es ist ein strukturelles und personelles Problem: Investoren werden verprellt, Stadtpolitiker verärgert und elementare Entscheidungen für Hofheims Zukunft immer wieder auf die lange Bank geschoben. Wie tief der Frust sitzt und wie eklatant die Mängel in der Verwaltungsführung sind, wurde jetzt in der Sitzung des Ortsbeirats Diedenbergen deutlich – und von den Mandatsträgern heftig moniert.
Dabei mangelt es Hofheims Stadtspitze eigentlich nicht an Fleiß, wenn es um die eigene Darstellung geht. In dieser Woche zeigte man jedenfalls breite Präsenz: mal mit der Bücherjury in der Stadtbücherei, mal posierend am frisch bepflanzten Blumenbeet vor dem Ambet-Brunnen oder staatstragend bei der Vorstellung des neuen Kita-Abteilungsleiter im Rathaus. Immer schön professionell in die Kamera lächeln, lautet die Devise.
Als es am Donnerstagabend jedoch um ein echtes, handfestes und wegweisendes Zukunftsthema für die Stadt ging, glänzte die Rathaus-Führung durch Abwesenheit. Weder der Bürgermeister noch der Erste Beigeordnete hielten es für nötig, zu erscheinen. Nun ist es gewiss kein reines Vergnügen, bei über 30 Grad Außentemperatur im Saal des evangelischen Gemeindehauses zu Diedenbergen einer stundenlangen Ortsbeiratssitzung beizuwohnen. Doch hier ging es nicht um Petitessen. Es ging um ein Vorhaben, dem parteiübergreifend allergrößte Bedeutung zugeschrieben wird – und das als einer der wenigen konkreten Schritte gilt, um Hofheim langfristig aus seiner finanziellen Misere zu befreien: das geplante Gewerbegebiet „Wallau Ost III“.
Die Fakten sind bekannt: Der Frankfurter Projektentwickler Lang & Cie. plant dort zwei riesige Logistikhallen – im Volksmund bereits ehrfürchtig wie besorgt „die Gigahallen von Wallau“ getauft. In beiden angrenzenden Stadtteilen beobachtet man das Projekt mit Argusaugen. Es geht nicht nur um die Zubetonierung wertvoller landwirtschaftlicher Flächen. Die Hauptsorge ist der Verkehr: Sollte sich dort ein klassischer Großlogistiker ansiedeln, droht ein massiver Kollaps. Da die Autobahnanschlussstelle Wallau schon heute permanent überlastet ist, steht fest: Die Blechlawine der Lastwagen wird sich unweigerlich den Weg über die Anschlussstelle Diedenbergen suchen.
Der Erste Stadtrat Daniel Philipp (Grüne) hatte sich anfangs noch mutig hingestellt und das Vorhaben offensiv gelobt. Doch als seine eigene Partei intern aufmuckte, trat er den geordneten Rückzug an. Seitdem agiert er im absoluten Schneckentempo – bloß nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Denn die vage Hoffnung, dass ein neues Gewerbegebiet dringend benötigtes Geld in die leere Stadtkasse spült, will man dann doch nicht ganz aufgeben. Ob und wie viel Gewerbesteuer am Ende fließt, bleibt freilich völlig ungewiss.

So schleppt sich das Thema seit Monaten dahin. Erst musste der Investor quälend lange vor der verschlossenen Rathaustür kratzen, bis ihm überhaupt Gehör geschenkt wurde. Dann hieß es salbungsvoll aus der Verwaltung, die Ortsbeiräte müssten vor einer finalen Entscheidung zwingend angehört werden. Doch als es so weit war, verweigerten die beiden betroffenen CDU-Ortsvorsteher plötzlich die Zustimmung. Hinter den Kulissen tuschelte man heftig über parteitaktische Spielchen – schließlich gelten die beiden Christdemokraten sonst als glühende Befürworter der Gigahallen.
Jetzt der nächste Akt in Diedenbergen. Das lang ersehnte Verkehrskonzept inklusive aktuelle Verkehrszählung sollte vorgestellt werden, der Investor reiste eigens an. Und wer fehlte? Die Hofheimer Stadtspitze. Dieses demonstrative Desinteresse stieß den Lokalpolitikern ganz übel auf. Zumal an diesem Abend ein Detail ans Licht kam: Es existierten mal Überlegungen, das Gewerbegebiet über eine Entlastungs-Stichstraße mit dem bereits genehmigten Baugebiet „In der Lach“ zu verbinden. Damit wäre ein direkter, siedlungsferner Anschluss an die Autobahn Diedenbergen gewährleistet gewesen. Der Investor hatte signalisiert: „Kein Problem, das kalkulieren wir ein.“ Die Diedenbergener nickten erleichtert.
Doch im nun vorgestellten Verkehrsplan war diese Stichstraße plötzlich gestrichen. Warum? Niemand aus dem Rathaus war da, um darauf eine Antwort zu geben.
„Die Stadtspitze hat extra gekniffen“
Die Reaktion im Saal war einhellig und von seltener Schärfe. Von „fehlendem Respekt“ war interfraktionell die Rede. Ortsvorsteher Michael Müller (CDU) monierte eine „mangelnde Wertschätzung“ gegenüber den ehrenamtlichen Gremien, während der Stadtverordnete André Seubert (FWG) von einer regelrechten „Missachtung der Ortsbeiräte“ sprach. Andreas Hegeler (CDU) brachte den kollektiven Unmut auf den Punkt: „Was mich massiv irritiert: Das hier ist eines der ganz großen, strategisch wichtigen Themen unserer Stadt – und da hat der Magistrat einfach nicht den Mut, zu erscheinen und Rede und Antwort zu stehen.“
Der Investor, vertreten durch Peter Kunz, nutzte das entstandene Vakuum im Saal für einen Vorstoß, den man vor Monaten wohl noch ins Reich des Absurden verbannt hätte: Er warf die Option in den Raum, statt Logistik ein modernes Rechenzentrum zu errichten. Die Vorteile lägen auf der Hand: praktisch null zusätzlicher Lkw-Verkehr, potenzielle Abwärme für ein Fernwärmenetz und – bei kluger Ausgestaltung – ein wahrer Segen an Gewerbesteuer für die Stadt. Die Ortsbeiräte vernahmen es. Und schwiegen erst einmal. Noch wollte sich niemand spontan festlegen.

Seubert schimpfte derweil unverdrossen weiter, dass der Magistrat die Interessen der Diedenbergener Bürger schlichtweg übergehe. Ortsvorsteher Müller sprach laut aus, was viele im Raum dachten: Die Stadtspitze habe bei den tropischen Temperaturen ganz bewusst gekniffen, „weil hier heute Fragen auftauchen, die man im Rathaus schlichtweg nicht beantworten will oder kann“.
In diesem tiefen Zwiespalt – man will das Gewerbegebiet wegen des Geldes, aber bitteschön nicht zu diesen Bedingungen – beschloss der Ortsbeirat am Ende das, was ohnehin als Minimalkonsens feststand: Das Gewerbegebiet wird grundsätzlich begrüßt, aber der Verkehr darf Diedenbergen unter keinen Umständen belasten. Die Verwaltung wird per Beschluss aufgefordert, sich noch einmal mit Nachdruck für die direkte Verbindungsstraße starkzumachen.
Ob dieser Appell im fernen Rathaus überhaupt gehört wird, bleibt abzuwarten. Lange weglaufen kann die Stadtspitze vor ihren Bürgern jedenfalls nicht mehr, denn der Zeitplan ist eng getaktet:
Schon am nächsten Mittwoch (ab 19 Uhr im ehemaligen Rathaus) kommt der Ortsbeirat in Wallau zu einer Sondersitzung zusammen – dort steht ausschließlich das Reizthema Gigahallen auf der Tagesordnung. Es wird die letzte Chance für die Bürger sein, Dampf abzulassen, bevor im Rathaus die Sommerruhe einkehrt. Die Uhr tickt gnadenlos: Nach den Ferien, am 19. August, soll das Stadtparlament die endgültige Entscheidung fällen.
Bis dahin hat die Rathaus-Führung Zeit, sich endlich Antworten auf die brennenden Fragen zu überlegen. Aussitzen gilt nicht mehr – dafür steht für Hofheims Zukunft einfach zu viel auf dem Spiel.
TR


Mit Interesse verfolge ich die Beschreibungen der politisch/fiskulären Situation in Hofheim. In der Stadt, in der ich 20 Jahre lang gerne als Messeveranstalter tätig. Ich nehme zur Kenntnis, dass in diesem Blog der ehemalige Bürgermeister Christian Vogt immer wieder mal und wiederkehrend als Sündenbock für die schlimme finanzielle Situation Hofheims genannt wird. Wer über den Telllerrand Hofheims hinausblickt kommt nicht umhin zur Kenntnis zu nehmen, dass die große der Kommunen in der Republik finanziell „am Limit“ sind. In diesem Blog wurde der Nachfolger von Christian Vogt mit Vorschusslorbeeren geradezu gefeiert. Ich fühlte mich damals an die Evangelien mit der Geschichte von Jesus‘ Einzug in Jerusalem – auf einem Esel – erinnert.
Inzwischen scheint die Erkenntnis um sich zu greifen, dass Herr Schultze dieser Mammut-Aufgabe womöglich doch nicht so ganz gewachsen zu scheint. Das Fernbleiben bei der Sitzung in Diedenbergen wird – sollten keine gesundheitsliche Gründe für die Abwesenheit der Stadtspitze vorliegen – den Bürgern Hofheims nicht zu vermitteln sein. In solchen prekären Situation braucht es vor allem eins: Einen Schulterschluss über alle Parteigrenzen hinaus im Magistrat und in der Stadtverordnetenversammlung. Glück auf für Hofheim !
Lieber ein Rechenzentrum als die Hallen mit viel Verkehr…