Magistrat der Arithmetik – Hofheims neues Machtgefüge unter der Lupe
Der Magistrat in Hofheim steht seit Mittwochabend – und mit ihm ein neues Machtgefüge. Diesmal ist einiges anders – genau genommen stechen vier Neuerungen ins Auge: Die Posten der zwei ehrenamtlichen Dezernenten fallen weg. Das Gremium wächst von zwölf auf 13 ehrenamtliche Sitze. Alle politischen Lager sind nach Jahren wieder vertreten. Und ja: Auch die AfD sitzt nun mit am Tisch. Doch was bedeutet das neue Gefüge für die politische Kultur der Stadt? Jenseits der Zahlen stellt sich die Frage nach der Qualität der Besetzung – hier eine kritische Analyse des neuen Hofheimer Machtgefüges.
Kurz zur Einordnung: Der Magistrat ist Hofheims Stadtregierung. Der Bürgermeister und die hauptamtlichen Beigeordneten leiten zwar die Verwaltung, doch erst gemeinsam mit den ehrenamtlichen Mitgliedern entscheiden sie im Magistrat darüber, wie politische Beschlüsse konkret umgesetzt werden. Die Zusammensetzung des Magistrats sollte – theoretisch – die Mehrheitsverhältnisse des Parlaments abbilden. Die Praxis aber zeigt: Mathematik ist in Hofheim oft Auslegungssache.
Ein Blick zurück entlarvt das taktische Spiel: 2019 schrumpfte man den Magistrat unter dem Deckmantel der „Effizienz“ von elf auf zehn Sitze. Das eigentliche Ziel war jedoch kein schlankeres Gremium, sondern das Aus für die Linke – sie war schlicht zu kritisch geworden. Später wurde auf zwölf aufgestockt, die Linke blieb weiter draußen.
Jetzt der nächste Dreh: 13 Sitze. Beantragt von BfH, Grünen und SPD in der konstituierenden Sitzung des Stadtparlaments am Mittwoch mit dem Argument, eine ungerade Zahl verhindere Patt-Situationen. Die Opposition aus CDU, FDP und FWG wetterte gegen unnötige Kosten und sah kaum reale Blockadengefahr. Geholfen hat es nichts. Die neue Mehrheit steht – und sie hat sich ihren Platz am Tisch gesichert.
Das sind jetzt die neuen Magistratsmitglieder:
- CDU: Constanze Hegeler-Thiel, Stefanie Soucek, Wulf Baltruschat
- BfH: Helmut Henrich, Petra Backhaus
- Grüne: Sonja Kehm, Philipp Manderscheid
- SPD: Harald Piazzo, Elvira Neuerpert-Eyrich
- FWG: Mathias Hees
- AfD: Serap Karatas
- Linke: Hanna Völler
- FDP: Thomas Jung
Die Machtverhältnisse sind damit zementiert: BfH, Grüne und SPD stellen sechs der 13 Ehrenamtlichen. Inklusive der Hauptamtlichen ergibt das eine stabile Mehrheit von acht Stimmen.
Hofheimer Magistrat – Personalien mit Beigeschmack
Spannend wird es dort, wo Namen wichtiger werden als Fraktionszugehörigkeit. Einige Besetzungen offenbaren viel über das Selbstverständnis der Parteien:
Für die CDU dabei ist Constanze Hegeler-Thiel (1972) – sie ist neu, bringt aber ein größeres Netzwerk mit: Sie ist die Ehefrau des bisherigen Stadtverordnetenvorstehers und neuen CDU-Fraktionschefs Andreas Hegeler. Rechtlich zulässig, politisch bleibt es ein bemerkenswertes „Familiengeschäft“.
Wulf Baltruschat (1966) verkörpert den wendigen Seitenwechsler: früher SPD, heute CDU. Kritisch beäugt wird weniger sein Parteibuch als sein Umgang mit öffentlichem Raum. Als Vorsitzender eines Vereinsrings betreibt er den Weinstand „Chalet“ auf städtischem Grund – gedacht als Privileg für Vereine, das Baltruschat jedoch regelmäßig an private Anbieter untervermietet. Transparenz über die Einnahmen verweigert er. Hinzu kommt seine auffällige Abwesenheit bei Stadtverordnetensitzungen, obwohl die Teilnahme für Magistratsmitglieder eigentlich Pflicht ist. Bei drei von vier Sitzungen fehlte er in der vergangenen Legislaturperiode. Ein stärkeres Signal für „Gemeinwohl egal“ gibt es wohl kaum.
Die SPD setzt mit Harald Piazzo (1956) und Elvira Neuerpert-Eyrich (1951) auf das Prinzip „Weiter so“. Beide stehen für Erfahrung. Wer allerdings beklagt, wie marode die Haushaltslage der Stadt ist, sollte sich fragen, ob ausgerechnet jene die Lösung sein können, die diesen Zustand über Jahre mitverwaltet haben.
Die Linke wählt das maximale Kontrastprogramm: Hanna Völler (2003) ist die jüngste im Bunde. Sicher ein frischer Impuls. Aber der Magistrat ist kein politisches Schnupperpraktikum, sondern ein hartes Steuerungsgremium. Der Sprung ins kalte Wasser ist tief.
Die AfD zieht erstmals in den Magistrat ein. Serap Karatas (1975) ist im politischen Geschehen bisher ein eher unbeschriebenes Blatt. Spannend bleibt, ob sie sich als konstruktive Kraft einbringt – oder den Magistrat als Bühne nutzt, um die Oppositionsrolle ihrer Partei in die Stadtregierung zu tragen.
Auch die Grünen setzen auf Neulinge: Während Sonja Kehm immerhin Erfahrung aus der Kreispolitik mitbringt, ist das Pflaster der Hofheimer Lokalpolitik für Philipp Manderscheid komplettes Neuland. Dass er seine ersten aktiven Schritte als Mandatsträger direkt im Magistrat macht, ist ein gewagtes Experiment. In einem Gremium, das von langjährigen Taktikern dominiert wird, gleicht dieser Sprung einem Kaltstart von Null auf Hundert.
Für die FDP ist erneut Thomas Jung (1966) dabei. Das ist durchaus pikant, denn er war zuletzt als ehrenamtlicher Dezernent direkt für das Prestigethema Nahmobilität verantwortlich. Die Bilanz seiner Amtszeit: eher ernüchternd. Wegweisende Impulse unter seiner Regie sind nicht bekannt; statt Gestalter einer modernen Mobilität gefiel er sich eher als mahnender Sachwalter des Parkplatz-Bestands. Dass er nun erneut am Tisch sitzt, wirkt weniger wie der Lohn für geleistete Arbeit, sondern eher wie das bloße Besetzen eines vertrauten Postens.
Hofheim hat damit eine Stadtregierung bekommen, in der kein Lager mehr fehlt. Vollständigkeit allein ist aber kein Selbstzweck. Die kommenden Monate werden zeigen, ob diese neue 13er-Rechnung tatsächlich Lösungen für die angespannte Finanzlage entwickelt – oder ob man sich in den gewohnten Grabenkämpfen zwischen den neu sortierten Lagern verliert.
HN/TR

