Feierabendmarkt in Hofheim: Feiern auf Kosten der Steuerzahler

Feierabendmarkt in Hofheim: Feiern auf Kosten der Steuerzahler
Der Feierabendmarkt auf dem Ludwig-Meidner-Platz. Die Stadt investierte über Jahre hinweg kräftig Steuergeld – die Händler konnten davon profitieren. (Foto: Stadt Hofheim)

Hofheim feiert auf Pump: Während Feierabendmarkt und Food-Trucks für Dauerbetrieb in der Altstadt sorgen, versinkt die Stadt im Schuldensumpf. Die erste Rechnung für diese „subventionierte Fröhlichkeit“ liegt inzwischen auf dem Tisch – in Form drastisch erhöhter Grundsteuern. Was als Lebensqualität verkauft wird, ist bei näherem Hinsehen vor allem teuer erkaufte Stimmung. Doch der Spaß wird zum Politikum: Trotz klammer Kassen verzichtet die Stadt weiterhin bewusst auf Einnahmen – am Ende finanzieren die Bürger ein Unterhaltungsprogramm, das sich Hofheim eigentlich nicht leisten kann.

Nehmen wir den Feierabendmarkt: Er startet in dieser Woche und findet dann jeden Donnerstag statt. Direkt im Anschluss, an diesem Wochenende, folgt ein dreitägiges Food-Truck-Festival, gefolgt vom Altstadtfest und Europafest [hier]. Schon bald lockt dann eine „Genussmeile Hofheim“.

Es ist ein Dauerprogramm zwischen Weinstand und Wurstbude. „Brot und Spiele“ in der modernen Neuauflage. Man könnte fast meinen, gute Laune gehöre in Hofheim inzwischen zur gesetzlichen Daseinsvorsorge Marke Rathaus. Es wird aufgefahren, was geht.

Bleibt nur die Frage: Verdient die Stadt wenigstens daran?

Am Beispiel des Feierabendmarktes zeigt sich: eher nicht.

Der Markt gilt als Prestigeprojekt aus früheren Tagen. Ex-Bürgermeister Christian Vogt inszenierte ihn als Beweis moderner Stadtentwicklung: jede Woche eine kleine Bühne, ausgesuchte Händler, volle Plätze, ein wohliges Gefühl. Ein politisches Schaufenster im Wochenrhythmus.

Erst nach Vogts Abgang wurde das finanzielle Ausmaß deutlich: Jeder Feierabendmarkt war ein Zuschussgeschäft. Allein im letzten Jahr betrug das Defizit knapp 15.000 Euro. Die Stadt hatte die Gebühren für die Händler extra niedrig angesetzt – der Steuerzahler subventionierte die Party.

Neuer Bürgermeister, alter Markt. Auch Willi Schultze möchte sich offensichtlich im Beifall des Publikums und im Wohlwollen der Händler sonnen. An diesem Donnerstag, 23. April, geht es wieder los – erneut wöchentlich und mit denselben Händlern, die schon sein Vorgänger handverlesen hatte.

Unter Schultze wurden die Gebühren zwar angehoben – aber nur ganz leicht. Der große Wurf blieb aus. Man bewegt sich weiterhin auf „Flohmarkt-Niveau“, was angeblich gerade so ausreicht, um die Kosten zu decken. Ein Plus für die Stadtkasse? Fehlanzeige.

Das ist nicht unproblematisch. Denn vor allem die lokale Gastronomie, ohnehin durch die Pandemie-Folgen geschwächt, ächzt unter der städtisch subventionierten Konkurrenz. Selbst das sonst eher rathausfreundliche „Kreisblatt“ mäkelte: „Feierabendmarkt macht Gastronomen schwer zu schaffen.“

Betroffene berichten in der Zeitung von massiven Umsatzrückgängen. Ein Wirt brachte es auf den Punkt: „Donnerstags bin ich locker mit 1.000 Euro im Minus.“ Ein anderer ergänzte resigniert: „Der Feierabendmarkt ist im wahrsten Sinne des Wortes zum Feierabend für uns geworden.“

Die Umsätze landen direkt bei den Ständen: Einzelne Händler fahren an einem Abend durchaus vierstellige Einnahmen ein. Wohl keine Überraschung: Das Vergabesystem für die Standplätze lässt jegliche Transparenz vermissen.

Feierabendmarkt soll Frequenz bringen – einfach mal so

Für die Stadt bleibt am Ende nichts übrig. Sie liefert die komplette Infrastruktur: Strom, Toiletten, Organisation, Sicherheit und Reinigung, kassiert aber im Gegenzug lediglich Gebühren im Kleinstformat. Auf Nachfrage erklärt das Rathaus: „Die Standgebühren belaufen sich für Gastronomiestände auf 15 Euro pro laufenden Frontmeter und für Handwerksbetriebe auf 10 Euro.“

Wir haben nachgehakt: Warum nutzt die Stadt ihre Einnahmemöglichkeiten nicht konsequenter, um den ohnehin angespannten Haushalt zu entlasten? Warum werden von den Händlern nicht höhere Beiträge verlangt, wenn offenbar ordentliche Gewinne erzielt werden – zumal die Stadtkasse jeden Euro gut gebrauchen könnte?

Die Antwort von Rathaussprecher Jonathan Vorrath entpuppt sich als eine juristische Nebelkerze. Das Hessische Kommunalabgabengesetz, teilt er mit, verbiete es der Stadt, mit Gebühren Gewinne zu erzielen. Man sei froh, nun immerhin die Kostendeckung erreicht zu haben.

Ein interessantes Argument – wenn es denn stimmen würde. Denn beim klassischen Wochenmarkt macht die Stadt sehr wohl Gewinn: Über 25.000 Euro Überschuss im letzten Jahr. Wie kann das sein, wenn das Gesetz städtische Gewinne angeblich verbietet? Werden die Händler beim Wochenmarkt etwa mit illegal überteuerten Gebühren zur Kasse gebeten?

Der Stadtsprecher reagiert zunächst ausweichend: „Ihre Kalkulationen können wir nicht bestätigen.“ Die Kehrtwende folgt erst, als wir ihn mit Unterlagen des Magistrats konfrontierten: Ja, es stimmt, die Stadt dürfe mit Märkten Geld verdienen, räumt Vorrath ein. Man verzichte jedoch beim Feierabendmarkt ganz bewusst darauf. Er sei schließlich ein „Frequenzbringer“.

Ein schönes Wort: Frequenzbringer.

Nur: Belegt ist dieser Effekt nicht. Den Feierabendmarkt gibt es seit 2023. Ob er tatsächlich nachhaltig Menschen in die Innenstadt zieht oder die allgemeine Kaufkraft stärkt, weiß bis heute niemand. Man leistet sich in Hofheim einen teuren Luxus auf Basis einer bloßen Vermutung. Messungen? Fehlanzeige. Besucherzählungen? Nicht vorhanden. Umsatzwirkungen? Unbekannt.

Statt Fakten liefert das Rathaus das Prinzip Hoffnung und verweist auf eine Studie aus Österreich. Deren Kernaussage ist allerdings weniger ein Beleg für den Erfolg als vielmehr eine Mahnung: Wer wissen will, ob eine Maßnahme wirkt, müsse sie messen. Ein Satz, den man im Hofheimer Rathaus wohl geflissentlich überlesen hat.

So bleibt hinter der schönen Fassade die Erkenntnis: Städte dürfen Geld für Atmosphäre ausgeben. Aber man sollte das Kind beim Namen nennen: Zumindest der Feierabendmarkt ist keine nachhaltige Wirtschaftsförderung. Er ist subventionierte gute Laune für einen erlesenen Kreis von Anbietern – finanziert durch die Steuerzahler, während die ansässigen Wirte das Nachsehen haben.

Das Ergebnis dieser Politik: Die Bürger bekommen Brot und Spiele serviert – und finden die Rechnung dafür kurz darauf in ihrem eigenen Briefkasten. Adressiert vom städtischen Steueramt.


Das Foto oben entstand bei einem Feierabendmarkt auf dem Ludwig-Meidner-Platz im vergangenen Jahr. Während die Stadt die Veranstaltung seit Jahren großzügig mit Steuergeldern stützt, bleibt die Rechnung am Ende konsequent bei den Bürgerinnen und Bürgern hängen. (Foto: Stadt Hofheim)


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