Zwischen Millionen und Hölle – Wallau Ost III spaltet Stadt und Politik

Zwischen Millionen und Hölle – Wallau Ost III spaltet Stadt und Politik

Ein Interview in den Hofheim-News hat die Stadt aufgerüttelt. Gesprächspartner war Peter Kunz, Vorstand bei Lang & Cie. in Frankfurt. Der Projektentwickler plant im Gewerbegebiet Wallau Ost III eine Großinvestition von 125 Millionen Euro. Das Gebiet ist schon lange im Flächennutzungsplan vorgesehen – die Stadt könnte mit Millioneneinnahmen rechnen, wenn sie endlich handeln würde. Kunz kritisierte die städtische Wirtschaftsförderung scharf: Wochenlang habe man auf einen Termin im Rathaus warten müssen – und dann sei nichts passiert. So bleibe Hofheim hinter der Konkurrenz zurück.

Kurz vor den Kommunalwahlen wächst damit der politische Druck. Jungbürgermeister Willi Schultze (BfH) und Erster Beigeordneter Daniel Philipp (Grüne) scheinen bemüht, unangenehme Konflikte zu vermeiden – zumindest bis nach dem 15. März. Zwar klafft ein Millionenloch in der Stadtkasse, und das neue Gewerbegebiet könnte dringend benötigte Einnahmen bringen. Doch eine Entscheidung über Wallau Ost III soll erst nach dem Urnengang fallen.

Das Wohl der Stadt, so scheint es, muss hinter den Wählerstimmen zurückstehen.

Im Bau- und Planungsausschuss am Dienstagabend wurde das Interview angesprochen. Philipp erklärte, er nehme die Zusammenarbeit mit dem Investor anders wahr als Kunz, erst in der vergangenen Woche habe er mit dem Unternehmen telefoniert, das in die Hallen einziehen möchte. Ob es sich dabei um ein erstes Gespräch nach längerer Funkstille handelte und von wem die Initiative ausging, ließ er offen.

Schultze wiederum sagte nichts zur Kritik an der Wirtschaftsförderung – sie gehört im Rathaus zu seinem Aufgabenbereich –, sondern betonte, dass er sich von einem Investor nicht unter Druck setzen lasse. Man habe klargemacht, dass es vor dem Sommer keine Entscheidung geben werde. Der Verwaltungschef wirkte sichtlich gereizt und angespannt, als er sagte: Kunz’ öffentliche Kritik sei „kein guter Stil – so kann man nicht zusammenarbeiten“.

Giga-Hallen nach Brandenburg? Wallau bleibt Plastikhölle?

Das Vorhaben ist politisch umstritten: Lang & Cie. will zwei gewaltige Hallen bauen – zusammen auf 60.000 Quadratmeter. Als potenzieller Mieter wird Arvato genannt: Die Tochtergesellschaft des Gütersloher Medien-Giganten Bertelsmann ist ein international führender Dienstleister für komplexe Geschäftsprozesse. Das Unternehmen will angeblich sogar seine Europa-Zentrale nach Hofheim verlegen.

Mehr Solidität geht nicht – und doch zögert die Politik.

Wallau
Vor den Toren des Dörfchens Wallau: Rechts geht es ab in das bereits bestehende Gewerbegebiet – auf der linken Straßenseite möchte der Investor Lang & Cie. zwei gewaltige Hallen errichten.

Während die Befürworter des Gewerbegebiets auf die leere Stadtkasse und dringend benötigte Einnahmen verweisen, warnen andere vor einer Zerstörung der Landschaft und Versiegelung von Ackerland. In Hofheims größter Facebook-Gruppe „Wir in Hofheim“ (fast 23.000 Mitglieder) wurde das Interview breit diskutiert. Die unterschiedlichen Positionen werden an zwei Beiträgen deutlich:

Anne Tempel schrieb: „Verkehr ist die eine Sache. Versiegelung von richtig gutem Ackerland ist die andere Sache!“ Sie betreibt den Biohof Schlagmühle und kandidiert am 15. März für die Grünen. Neue Gewerbegebiete in Hofheim lehnt sie ab – solche Projekte, meint sie, sollten woanders gebaut werden. Anne Tempel: „Neuversiegelung wie die geplanten Giga-Hallen passt nur auf weniger fruchtbare Böden wie z.B. Nordhessen oder Brandenburg. Das würde auch ländlichere Räume beleben und Entlastung für unseren Ballungsraum bringen.“

Eine gegenteilige Perspektive vertritt Petra Schumann, die beim Internetblog „Wallau Online“ mitmacht. Sie kritisiert auf Facebook die landwirtschaftliche Praxis rund um Wallau scharf und spricht sogar von einer „Hölle“: „Plastik, soweit das Auge reicht. Auf, unter und in den Böden. Als Tunnel, unter den Pflanzen und zum Schluss als Fetzen im gesamten Erdreich. Die Felder rund um Wallau glänzen wie das Wasser in der Augsburger Puppenkiste. Dazu stehen rund um die Erntezeit & Actionzeit (April bis November) PKW zu hunderten täglich auf den fruchtbaren und wertvollen Böden. Von diesen weiß keiner, ob und was die Motoren ins Erdreich tropfen lassen. Von der zusätzlichen Verkehrsbelastung plus wildem Parken in den Wohngebieten möchte ich gar nicht reden. (…) Vor den Tunneln häuft sich der Plastikmüll und verweht über das ganze Land. Das ist Teil der Wahrheit über die Monolandwirtschaft 2026. Hier kann man gar nicht lügen, wer auf die Felder sieht, erkennt die Wahrheit.“

Schumann wirft Tempel vor, sie lasse sich „undifferenziert vor die Traktoren ihrer Kollegen einspannen, die in den letzten zehn Jahren Wallau zu einem plastikverseuchten Ort gemacht haben, der jeden Sommer zur Beeren- und Kürbishölle wird“.

Wallau Ost III: Werden wichtige Informationen zurückgehalten?

In die öffentliche Diskussion mischt sich auch immer wieder der Vorwurf, die Stadtspitze halte – –Informationen zurück und agiere nicht transparent.

Auch im Bau- und Planungsausschuss verwiesen Schultze wie Philipp darauf, dass man zuerst den Ortsbeiräten in Wallau und Diedenbergen das Verkehrsgutachten zu Wallau Ost III vorlegen wolle. Vorher könne keine Entscheidung über das Gewerbegebiet getroffen werden – so die offizielle Linie.

Das wiederum liefert Kritikern neue Argumente. Constanze Hegeler-Thiel – Ehefrau des CDU-Stadtverordnetenvorstehers Andreas Hegeler und deshalb mit einigen Rathaus-Abläufen vertraut – schreibt bei Facebook, das Verkehrsgutachten liege bereits seit Dezember 2025 vor. Dennoch sei der Ortsbeirat Diedenbergen nicht informiert worden, „obwohl man es hätte tun können“. Warum man bis nach der Wahl warten wolle, sei für sie nicht nachvollziehbar. „Verzögerung ist in der momentanen Situation absolut nicht akzeptabel.“

HN/TR

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