„Unsäglich!“ „Unverantwortlich!“ – Kritik am Zustand städtischer Gebäude

„Unsäglich!“ „Unverantwortlich!“ – Kritik am Zustand städtischer Gebäude

Die Stimmung in Hofheim wird spürbar gereizter. Jeden Abend treffen sich die Stadtverordneten – zu Sitzungen, zu Fraktionsbesprechungen –, um über den angeschlagenen Haushalt zu beraten. Millionen müssen her, nur: wie? Mit jedem Treffen wird deutlicher, dass die Bürgerinnen und Bürger für Versäumnisse zahlen sollen, die in erster Linie dem Rathaus anzulasten sind – aber auch den Stadtverordneten, die sich haben einlullen lassen oder weggeschaut haben. Jetzt machten sie eine ernüchternde Entdeckung: Der Zustand der städtischen Gebäude ist dramatisch.

Ralf Weber platzte der Kragen. Am Dienstagabend tagte der Bauausschuss in der Stadthalle, und der erfahrene Innenstadtmakler nutzte die Gelegenheit, seinem Ärger Luft zu machen. Der Magistrat habe seine Hausaufgaben nicht ordentlich erledigt, schimpfte er. „Unsäglich!“ „Lächerlich!“ „Unverantwortlich!“ „Fahrlässig!“ lautete Webers Urteil. „Mir fehlen die Worte.“

Was hatte ihn so erzürnt?

Weber hatte die Liste städtischer Immobilien genauer unter die Lupe genommen. Auf ihr waren Objekte markiert, die verkauft werden könnten, um schnell Geld in die Stadtkasse zu bringen. Für jedes Objekt gab es kurze Bewertungen aus dem Rathaus – nüchtern, knapp, aber aufschlussreich.

  • Pfälzer Hof: In der Rathausliste heißt es kurz: „Größere Sanierung (Dach, Feuchtigkeit im Keller) notwendig.“ Weber sagte es deutlicher: Das Gebäude sei so heruntergekommen, dass es „bald zusammenfällt“. Für ihn ein Paradebeispiel „unverantwortlicher Schlamperei“.
  • Hof Ehry: Seit Jahren gibt das Rathaus neue Pläne und Konzepte in Auftrag, viel Geld wurde investiert – vergeblich. Die Liste vermeldet: „Muss grundsaniert werden. Derzeit bestehen keine Pachtverhältnisse.“ Webers Urteil: „Jede Mark, die da noch reingesteckt wird, ist rausgeschmissenes Geld.“ Alle weitere Ausgaben für Hof Ehry müssten „sofort gestoppt werden“. Es müsse ein Investor her, man müsse das Objekt verkaufen – „wir können nicht weiter Geld in ein Fass ohne Boden werfen.“
  • Altes Rathaus Café: Laut Liste: „Vor Neuverpachtung – Sanierungsmaßnahmen notwendig, allgemeiner hoher Instandhaltungsrückstau.“ Weber kommentiert lakonisch: „Eine heruntergekommene Hütte, um die sich seit Jahren kein Mensch gekümmert hat.“ Und weiter: „Das ist eine Katastrophe!“

Und so zieht sich das Muster durch fast alle städtischen Immobilien:

  • Güterschuppen Hattersheimer Straße: „Grundsanierung notwendig“
  • Waldrestaurant Meisterturm: Leerstand, Pachtverhältnis beendet, kein Plan, wie es weitergehen soll. Weber: Er verstehe nicht, dass da noch weitere Investitionen eingeplant seien. „Wir müssen ganz schnell zu dem Beschluss kommen: Hier ist Schluss. Hier wird kein weiterer Euro mehr ausgegeben.“
Recepturhof e1769001182895
Recepturhof in Wallau.
Gueterschuppen
Der Güterschuppen.
Sanierung
Der Pfälzer Hof.

Auch außerhalb der Kernstadt sieht es nicht besser aus:

  • Altes Rathaus Diedenbergen: Restaurant und Wohnung vermietet, Haustechnik „sehr alt“.
  • Recepturhof Wallau: Haus 1 „hohe Investitionskosten“ – Milchhäuschen/Pizzeria „sehr hoher Invest notwendig (eingebrochene Kellerdecke, Abgang des Anbaus)“.
  • Wildsachsen – Alt Wildsachsen / Am Born: Wohnungen, Garagen, Scheune – „sehr hoher Instandhaltungsrückstau“ bzw. „dringende Notsicherungen notwendig“.

Und schließlich das Rathaus am Chinonplatz: „Kernsanierung notwendig.“

Die Stadtkasse? Leer. Gleichzeitig müssen Millionen eingespart oder eingenommen werden. Weber machte der Verwaltung unverhohlen Vorwürfe: Hätte das Gebäudemanagement besser funktioniert, „hätten wir heute weniger Probleme“. Die Stadtverordneten seien nicht informiert worden; die aktuell eingeplanten Gelder seien „lächerlich angesichts der Notwendigkeiten“. Sein Appell: Ein klarer Vorschlag der Verwaltung, „was kann und soll veräußert werden“.

Tatsächlich ist der Umgang der Stadt mit ihren eigenen Gebäuden alles andere als neu – Webers Empörung wirkt deshalb eher wie ein verspäteter Weckruf. Die Pächter der Waldgaststätte Meisterturm und auch der Wallauer Pizzeria hatten jahrelang versucht, die Stadtverwaltung zu bewegen, ihren Verpflichtungen als Vermieterin nachzukommen – erfolglos. Am Ende gaben sie auf. Die Waldgaststätte auf dem Kapellenberg ist inzwischen abbruchreif, die einst beliebte Pizzeria verkommt zum Wallauer Schandfleck. Auch Ortsbeiräte hatten wiederholt gedrängt, dass die Stadt tätig werden soll – ohne Erfolg.

Die Stadtverordneten müssen sich heute vorhalten lassen, nicht nachdrücklich darauf gedrängt zu haben, die städtischen Gebäude im Wert zu erhalten. Jetzt wachen sie auf – und erkennen: Natürlich kann man marode Immobilien mit gewaltigem Sanierungsstau verkaufen. Dann ist man das Problem auch los.

Aber viel Geld ist dafür kaum zu erwarten.

Haushaltsberatungen werden fortgesetzt

Der Sitzungsreigen geht weiter. Am heutigen Mittwoch (21. Januar) trifft sich zunächst der Forstausschuss um 19 Uhr, gefolgt vom Haupt- und Finanzausschuss um 20 Uhr. Die Sitzung dieses Gremiums wird am Donnerstag um 18 Uhr fortgesetzt. Ort: Stadthalle.

In der kommenden Woche stehen die Ortsbeiräte auf dem Programm:

  • Dienstag, 27. Januar, 19:30 Uhr: Ortsbeirat Marxheim, Bürgerhaus Marxheim
  • Mittwoch, 28. Januar, 18 Uhr: Ortsbeirat Kernstadt, Stadthalle
  • Donnerstag, 29. Januar, 19:30 Uhr: Ortsbeirat Diedenbergen, evangelisches Gemeindezentrum

Im Februar setzen die Ortsbeiräte die Beratungen zum Haushaltsplan fort:

  • Lorsbach: 4. Februar
  • Wallau: 5. Februar
  • Wildsachsen: 10. Februar
  • Langenhain: 12. Februar

Im Februar tagen auch alle Ausschüsse noch einmal. Die genauen Termine stehen noch nicht fest – wir informieren rechtzeitig.


Unser Bild oben zeigt das Rathaus am Chinonplatz. Eigentlich sollten in diesem Jahr für eine schrittweise Sanierung 500.000 Euro bereitgestellt werden. Die Verwaltung hat von sich aus vorgeschlagen, den Betrag auf auf 300.000 Euro zu reduzieren.


HN / TR

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