Gesund mit Felix (12): Hilfe, mein Rücken! ISG, Ischias oder Piriformis – was steckt dahinter?

Die Gesundheitskolumne von Osteopath Felix Kammerlander (Folge 12)

Schmerzen im unteren Rücken, im Gesäß oder entlang des Beins gehören zu den häufigsten Beschwerden im Alltag. Viele Betroffene fragen sich: „Ist das mein Ischias?“ oder „Kommt das vom Rücken?“ oder „Liegt es vielleicht am Piriformis?“ Tatsächlich können diese drei Bereiche – ISG, Ischiasnerv und Piriformis-Muskel – sehr ähnliche Symptome verursachen, obwohl sie ganz unterschiedliche Strukturen sind. In der osteopathischen Praxis zeigt sich oft: Wer die Zusammenhänge versteht, kann Beschwerden besser einordnen und gelassener damit umgehen. Wenn man sich hierzu Hilfe sucht, sei es durch Übungstipps oder Therapeuten, ist die korrekte Bezeichnung zudem hilfreich, um schneller die richtigen Ansätze zu finden.

Ischias

Was ist das ISG – und warum verursacht es so häufig Probleme?

Das Iliosakralgelenk (ISG) verbindet das Kreuzbein mit den beiden Beckenschaufeln. Es ist kein klassisches Bewegungs-Gelenk wie Knie oder Schulter, sondern ein sehr stabiles, fest gefügtes Gelenk, das vor allem Kraftübertragung zwischen Oberkörper und Beinen ermöglicht.

Typische Merkmale von ISG-Beschwerden:

  • Schmerzpunkt seitlich der Wirbelsäule, leicht über dem Gesäß

  • Ausstrahlung ins Gesäß oder zur Oberschenkelrückseite

  • Schmerzen beim Aufstehen aus dem Sitzen

  • Stechendes Gefühl beim Bücken, Drehen oder langen Stehen

  • Gefühl von „Blockade“ oder „Schiefstand“.

Das ISG reagiert empfindlich auf:

  • langes Sitzen

  • plötzliche Drehbewegungen

  • einseitige Belastung (z. B. Kind auf einer Seite tragen)

  • muskuläre Dysbalancen im Beckenbereich

Oft besteht keine strukturelle Verletzung, sondern eher ein funktionelles Spannungsproblem, bei dem Muskeln und Bänder das Gelenk ungünstig ansteuern.

Was bedeutet „Ischias“ wirklich?

Viele sagen „Ich habe Ischias“, wenn Schmerzen ins Bein ziehen. Medizinisch beschreibt „Ischialgie“ eine Reizung oder Irritation des Ischiasnervs, der längste und dickste Nerv des Körpers.

Typische Merkmale von Ischias-Reizungen:

  • ziehender Schmerz vom Gesäß bis ins Bein

  • Kribbeln oder Taubheitsgefühle

  • anstrengendes oder elektrisierendes Schmerzgefühl

  • Verstärkung beim Husten, Niesen oder Pressen

  • manchmal Sensibilitätsveränderungen im Unterschenkel oder Fuß

Ischiasbeschwerden entstehen meist durch:

  • gereizte Nervenwurzeln in der Lendenwirbelsäule

  • funktionelle Spannungsmuster (z. B. muskuläre Schutzspannung)

  • Raumveränderungen im Gewebe entlang des Nervenverlaufs

Wichtig: Ein gereizter Ischiasnerv zeigt sich nicht immer im MRT. Gerade funktionelle oder muskuläre Einflüsse sind dort häufig nicht sichtbar.

Das Piriformissyndrom – der „fiese Muskel“ tief im Gesäß

Der Piriformis ist ein kleiner, tief liegender Muskel, der das Bein nach außen rotiert und das Becken stabilisiert. Er liegt genau dort, wo der Ischiasnerv vorbeizieht. Manchmal läuft der Nerv sogar direkt durch den Muskel hindurch – eine anatomische Variante, die bei manchen Menschen Beschwerden begünstigt.

Typische Merkmale des Piriformissyndroms:

  • tiefer Gesäßschmerz, oft punktgenau
  • Schmerz beim Sitzen, besonders auf harter Unterlage
  • Ausstrahlung ins Bein (ähnlich Ischias, aber meist weniger weit)
  • Empfindlichkeit beim Drücken auf die Gesäßmuskulatur
  • Beschwerden beim Anheben des Beins oder Drehen der Hüfte.

Der Piriformis reagiert besonders auf:

  • langes Sitzen
  • einseitige Belastung
  • langes Autofahren
  • Laufen mit viel Hüftrotation
  • Stress (er gehört zu den „Schutzmuskeln“, die sich schnell verspannen)

Warum diese drei Bereiche so leicht verwechselt werden

Das ISG, der Ischiasnerv und der Piriformis liegen anatomisch sehr nahe beieinander und beeinflussen sich gegenseitig über Muskeln, Faszien und Nerven. Beispiele:

  • Ein ISG-Problem kann den Piriformis in erhöhte Spannung bringen.
  • Ein verspannter Piriformis kann Druck auf den Ischiasnerv ausüben.
  • Ein irritierter Ischias kann reflektorisch das gesamte Becken verspannen.

Deshalb spüren viele Betroffene ähnliche Symptome – oft sogar gleichzeitig.

Wie du die drei Beschwerdebilder grob voneinander unterscheiden kannst

Natürlich ersetzt das keine Untersuchung, aber folgende Orientierung hilft beim Einordnen:

1. Eher ISG, wenn …

  • der Schmerz seitlich am unteren Rücken sitzt
  • Drehen, Aufstehen oder Bücken schwierig ist
  • das Gefühl einer Blockade besteht
  • der Schmerz eher ins Gesäß als weit ins Bein zieht

2. Eher Ischias, wenn …

  • der Schmerz elektrisierend ins Bein zieht
  • Taubheits- oder Kribbelgefühle auftreten
  • Husten/Niesen den Schmerz verstärkt
  • der Schmerz bis in den Fuß hinunterreichen kann

3. Eher Piriformis, wenn …

  • ein tiefer Punkt im Gesäß extrem druckempfindlich ist
  • Sitzen Beschwerden provoziert
  • Dehnung der Außenrotatoren schmerzhaft ist
  • das Bein schwer oder „blockiert“ wirkt

Diese Einteilung hilft dabei, die Beschwerden besser einzuordnen – ersetzt aber natürlich keine fachliche Diagnose.

Die Rolle der Osteopathie

In der osteopathischen Praxis zeigt sich sehr häufig: Die Ursache liegt selten dort, wo der Schmerz sitzt. Das bedeutet:

  • Ein scheinbares „Ischiasproblem“ kann vom ISG kommen.
  • Ein piriformisähnlicher Schmerz kann durch das Nervensystem verstärkt werden.
  • Ein vermeintlicher „Blockade-Schmerz“ kann durch muskuläre Schutzspannung entstehen.

Osteopathie betrachtet genau diese Zusammenhänge und sucht nach funktionellen Mustern:

  • Wie arbeitet das Becken insgesamt?
  • Wie verteilt das Nervensystem Spannung?
  • Gibt es alte Schutzmuster (Stürze, Fehlhaltungen, Stress)?
  • Welche Muskelschlingen kompensieren für andere?
  • Wo ist Bewegung eingeschränkt?

Es geht nicht darum, Diagnosen wie „ISG blockiert“ oder „Piriformis verkürzt“ oberflächlich zu vergeben, sondern zu verstehen, warum das System so reagiert, wie es reagiert.

Fazit

ISG-Probleme, Ischiasreizungen und das Piriformissyndrom haben große Überschneidungen, aber unterschiedliche Ursachen. Wer versteht, wie diese drei Bereiche miteinander zusammenhängen, kann Beschwerden besser einschätzen und gezielt entlasten.

Das Zusammenspiel aus Muskulatur, Gelenken und Nervensystem macht deutlich: Der Körper arbeitet als Einheit – und genau diese Perspektive hilft, wieder mehr Leichtigkeit in Bewegung zu bringen.

© Felix Kammerlander / Praxis Angewandte Osteopathie

Der Autor

Felix Kammerlander

Felix Kammerlander hat Osteopathie studiert und betreibt seit acht Jahren die Praxis Angewandte Osteopathie in Marxheim. Ab sofort erscheint hier regelmäßig seine Kolumne „Gesund mit Felix” mit Gesundheitsinformationen und präventiven Tipps - eine verlässliche Anlaufstelle für Ratschläge zur Vorbeugung, Schmerzbewältigung und für einen ausbalancierten Körper. Viel Freude beim Lesen und Ausprobieren neuer Wege zu mehr Wohlbefinden!

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