Gesund mit Felix (11): CMD – die stille Verbindung zwischen Kiefer, Nacken und Schultern
Die Gesundheitskolumne von Osteopath Felix Kammerlander (Folge 11)
Vielleicht kennst du das: Du wachst morgens mit einem verspannten Nacken auf, die Schultern sind hart, oder du hast immer wieder Kopfschmerzen, ohne zu wissen, woher sie kommen. Gleichzeitig knackt dein Kiefer manchmal, du kaust ab und zu auf den Zähnen oder hast das Gefühl, dass der Mund nicht ganz „frei“ aufgeht. Was viele überrascht: Diese Beschwerden können direkt miteinander zusammenhängen – und genau hier kommt die CMD, die Craniomandibuläre Dysfunktion, ins Spiel. Sie beschreibt Funktionsstörungen im Zusammenspiel zwischen Schädel (Cranium), Unterkiefer (Mandibula) und den zugehörigen Muskeln, Faszien und Gelenken.
Der Kiefer gehört zu den am feinsten abgestimmten Bewegungsapparaten des Körpers. Beim Kauen, Sprechen, Schlucken und sogar bei emotionalen Reaktionen arbeitet ein Zusammenspiel aus:
- Kaumuskulatur
- Nackenmuskulatur
- Zungen- und Zungenbeinmuskeln
- Faszien und Bindegewebe des Kopfes
- dem Kiefergelenk selbst
Schon kleine Spannungsveränderungen können daher große Auswirkungen haben – ähnlich wie bei einem fein abgestimmten Instrument.
Warum der Nacken so stark beteiligt ist
Kiefer und Nacken sind über mehrere anatomische und neurologische Wege miteinander verbunden:
1. Gemeinsame Muskelketten
Viele Muskeln des Kiefers setzen direkt oder indirekt am oberen Nacken, Hinterkopf oder Schlüsselbein an.
Wenn die Kiefermuskulatur überlastet ist (z. B. durch Pressen, Knirschen, Stress), wirkt sich das automatisch auf die Spannung im Nacken aus.
2. Gemeinsame Nervenbahnen
Trigeminalnerv (für den Kiefer) und obere Halsnerven (für Nacken und Hinterkopf) arbeiten eng zusammen.
Wenn eines dieser Systeme gereizt ist, reagiert das andere häufig mit.
3. Haltung
Die Kopfhaltung hat enormen Einfluss auf die Kieferposition. Ein nach vorn geschobener Kopf („Schreibtisch-Haltung“) erhöht die Spannung:
- im Kiefer
- im Nacken
- im Schulternackenbereich.
Diese Kombination ist ein Klassiker bei CMD-Beschwerden.
Warum der Schulternackenbereich oft leidet
Die Schultern sind die „Stabilisatoren“ des oberen Systems. Wenn der Kiefer stark presst oder sich der Kopf durch Stress oder Konzentration nach vorne schiebt, müssen die Schultern diese Last ausgleichen.
Das führt zu:
- hartnäckigen Trapeziusverspannungen
- Spannung zwischen Schulterblättern
- Druckgefühl im oberen Rücken
Viele Betroffene denken zunächst an ein reines Haltungsproblem – dabei liegt die Ursache oft viel näher am Schädel.
Typische Symptome einer CMD, die nicht im Kiefer beginnen müssen
CMD ist ein Paradebeispiel dafür, wie komplex der Körper arbeitet. Beschwerden können auftreten in:
- Nacken und Schultern
- Kopf (Kopfschmerzen, Migräneähnliche Beschwerden)
- Ohren (Druckgefühl, Ohrgeräusche)
- Gesicht und Schläfen
- Zähnen
- zwischen den Schulterblättern
- sogar bis in den unteren Rücken
Der Grund ist immer derselbe: Wenn das Nervensystem in einem Bereich hohe Spannung hält, verteilt sich diese Spannung über Muskulatur und Faszien auf verbundene Regionen.
Die Rolle des Nervensystems
Wie in anderen Artikeln beschrieben (z. B. über Verspannungen, Dehnung und alte Stürze), ist das Nervensystem der eigentliche Regisseur. Beim Kiefer gilt das besonders. Wenn du presst oder knirschst, passiert Folgendes:
- Das Nervensystem erhöht die Muskelspannung im Kiefer.
- Diese erhöhte Spannung zieht über die Faszienketten in den Nacken.
- Der Nacken spannt stärker an, um den Kopf zu stabilisieren.
- Die Schultern übernehmen zusätzliche Arbeit.
Viele Menschen knirschen oder pressen nicht einmal bewusst. Es passiert oft nachts, unterbewusst, bei Stress oder emotionaler Belastung. Der Körper interpretiert Druck im Alltag oft als Anlass, die Kaumuskulatur stärker zu aktivieren.
Warum sich CMD-Beschwerden so hartnäckig halten
Die Kiefermuskulatur gehört zu den stärksten Muskeln des Körpers. Wenn sie „überaktiv“ ist, löst sich die Spannung selten von selbst. Auch hier spielt der Schutzreflex eine Rolle:
Wenn das Nervensystem einen Bereich als wichtig oder gefährdet einschätzt, hält es ihn besonders stabil.
Der Kiefer gehört zu diesen Bereichen, weil er funktionell eng mit Atmung, Nahrung und Gleichgewicht zusammenhängt.
Osteopathie und CMD – warum das so gut zusammenpasst
Osteopathie befasst sich konsequent mit Funktionszusammenhängen – nicht nur mit einzelnen Symptomen.
Bei CMD bedeutet das:
- Spannung in Kiefermuskeln lösen
- Beweglichkeit des Kiefergelenks verbessern
- Nacken- und Schultermuskulatur entlasten
das Nervensystem beruhigen - alte kompensierte Muster erkennen
- Atem- und Zungenbeinmechanik beachten
- Haltung und Bewegungsfluss optimieren
Dabei geht es nicht um das Heilen der CMD, sondern um das Verstehen und Einordnen der individuellen Spannungsmuster und das Herstellen von Balance im System.
Was du selbst tun kannst
Auch außerhalb der osteopathischen Arbeit kannst du dein System unterstützen:
- Bewusst den Kiefer loslassen („Zunge an den Gaumen, Zähne bleiben getrennt“)
- Wärme in den Nacken
- sanfte Mobilisation im Halsbereich
- ruhige Atmung, besonders abends
- kleine Pausen bei konzentrierter Arbeit
- stressreduzierende Tätigkeiten
Je ruhiger dein Nervensystem, desto weniger Anlass hat der Kiefer, in Schutzspannung zu gehen.
Fazit
CMD ist kein isoliertes Kieferproblem. Es ist ein Zusammenspiel aus Kiefer, Nacken, Schultern und Nervensystem – ein fein abgestimmtes Netzwerk, das schnell aus dem Gleichgewicht geraten kann.
Wenn du verstehst, wie eng diese Strukturen miteinander arbeiten, kannst du Beschwerden besser einordnen und gezielt unterstützen.
Die osteopathische Perspektive hilft, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen und das System insgesamt in eine ruhigere, harmonischere Spannung zu führen.
© Felix Kammerlander / Praxis Angewandte Osteopathie
Der Autor

Felix Kammerlander hat Osteopathie studiert und betreibt seit acht Jahren die Praxis Angewandte Osteopathie in Marxheim. Ab sofort erscheint hier regelmäßig seine Kolumne „Gesund mit Felix” mit Gesundheitsinformationen und präventiven Tipps - eine verlässliche Anlaufstelle für Ratschläge zur Vorbeugung, Schmerzbewältigung und für einen ausbalancierten Körper. Viel Freude beim Lesen und Ausprobieren neuer Wege zu mehr Wohlbefinden!

