Naturwald oder Wirtschaftswald? Wie Hofheim von der „KlimaWildnis“ profitieren könnte
Über 100 Interessierte kamen ins Gemeindezentrum St. Peter und Paul, um über die Zukunft des Hofheimer Stadtwaldes zu diskutieren. Im Fokus standen die Frage nach mehr Wildnis, das millionenschwere Förderprogramm „KlimaWildnis“ und die Interessen der kommunalen Bewirtschaftung.
Eingeladen zu dem gut besuchten Abend hatten der Verein Waldwärts! Zukunftswald Hofheim und die BUND-Ortsgruppe Hofheim. Auf dem Podium debattierten Mark Harthun (NABU Hessen), Georg Messerer (KlimaWildnisZentrale Berlin) und der Erste Stadtrat Daniel Philipp. Moderiert wurde die Veranstaltung von Julia Kizhukandayil, die direkt zu Beginn die These aufstellte: Der Wald existiere seit 300 Millionen Jahren und brauche den Menschen nicht – wohl aber müsse der Mensch im Klimawandel Antworten auf den Umgang mit dem Ökosystem finden.
Mark Harthun machte deutlich, welchen Unterschied das Alter eines Waldes für seine biologische Vielfalt bedeutet. Im Wirtschaftswald würden Bäume häufig nach 120 bis 140 Jahren gefällt. Eine Buche könne dagegen naturbelassen 250 bis 300 Jahre alt werden. Gerade alte Bäume entwickelten Höhlen, Risse und Spalten, die zahlreichen Tierarten Lebensraum bieten. Nach Harthuns Darstellung können bis zu 1.000 verschiedene Organismen an und in einem alten Baum vorkommen.
Spechte und Eulen nutzen Baumhöhlen, Fledermäuse benötigen Spalten und andere Verstecke. Käfer und zahlreiche weitere Kleintiere leben im alten Holz und dienen wiederum Vögeln als Nahrung. Viele dieser Arten seien auf sehr spezielle Lebensräume angewiesen. Mit der Fällung eines alten Baumes verschwinde deshalb häufig weit mehr als nur ein einzelnes gewichtiges Stück Natur.
Auch liegendes und stehendes Totholz sei kein nutzloser Rest, sondern ökologisch wertvoll. Es speichere Wasser, biete Lebensraum für viele Lebewesen und gebe beim Zerfall Nährstoffe an den Boden zurück. Für einen stabilen Naturwald seien deshalb alle Baumgenerationen wichtig. Einzelne alte Bäume reichten dabei nicht aus. Manche Fledermausarten wechselten beispielsweise alle zwei bis drei Tage ihr Quartier und seien auf mehrere geeignete Bäume in räumlicher Nähe angewiesen.
Harthun verwies außerdem auf den höheren Holzvorrat alter Wälder und damit auf ihre Bedeutung als stabiler Kohlenstoffspeicher. Zugleich warb er dafür, Naturwald nicht allein nach messbaren ökologischen Leistungen zu beurteilen. Auch für den Menschen habe er einen besonderen Wert, der nicht ökonomisch erfasst werden kann: „Naturwälder sind Seelenschutzgebiete.“
Verzicht auf Forstwirtschaft könnte Hofheim Millionen einbringen
Georg Messerer stellte anschließend das Förderprogramm KlimaWildnis des Bundes vor. Hintergrund ist das Ziel der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt, auf mindestens zwei Prozent der deutschen Landfläche eine eigendynamische Entwicklung der Natur zu ermöglichen. Dieses Ziel ist bis heute bei Weitem nicht erreicht.
Das Programm KlimaWildnis unterstützt unter anderem Kommunen, die zusammenhängende Waldflächen dauerhaft aus der forstwirtschaftlichen Nutzung nehmen. Bei Waldflächen liegt die reguläre Mindestgröße bei 50 Hektar. Der finanzielle Ausgleich orientiert sich am Verkehrswert, der durch ein Gutachten zu ermitteln ist. Anträge können nach der derzeitigen Förderrichtlinie bis Ende 2027 gestellt werden.
Für Hofheim kann das besonders interessant sein. Messerer erklärte, dass mehrere Waldflächen im Stadtgebiet grundsätzlich für eine Antragstellung geeignet seien. Nach seinen Berechnungen könne die Entschädigung bei hochwertigem Laubmischwald deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt liegen. Würde etwa ein Drittel des Hofheimer Stadtwaldes einbezogen, könne nach einer überschlägigen Rechnung des Vereins Waldwärts! Zukunftswald Hofheim eine Zahlung in einer Größenordnung von rund zwölf Millionen Euro erreicht werden.
Der Wald bliebe dabei Eigentum der Stadt und weiterhin als Erholungsraum zugänglich. Auch Pilzesammeln und Spaziergänge wären selbstverständlich möglich. Das Jagdmanagement müsse angepasst werden. Gerade in einer frühen Phase könne eine intensivere Bejagung erforderlich sein, um junge Bäume vor übermäßigem Wildverbiss zu schützen.
Wirtschaftswege würden in einem Naturwald nicht mehr benötigt. Die Verkehrssicherungspflicht an bestehenden Wegen und angrenzenden Bereichen bleibt jedoch ein Thema. Die Kosten reduzieren sich in diesem Gebiet, weil weniger Wege notwendig sind. Messerer erklärte Wildnis als Natur, die sich ergebnisoffen entwickeln kann. Die Natur hat die Entscheidung. „Natur Natur sein lassen.“

Der Erste Stadtrat Daniel Philipp beschrieb anschließend die Sicht der Stadt. Für ihn stehen unterschiedliche Nutzungsinteressen nebeneinander: Naturwald ebenso wie forstwirtschaftliche Nutzung und die Erholungsfunktion des Stadtwaldes. Aus seiner Sicht müsse deshalb ein Teil des Waldes weiterhin bewirtschaftet werden, auch um Einnahmen für Aufgaben im Wald zu erzielen. Dazu zählen nach Philipps Darstellung unter anderem die Pflege der Wege, die Verkehrssicherung und die finanzielle Unterstützung des Wildgeheges.
Eine weitere Einnahmequelle sieht Philipp in Ökopunkten. Dabei werden ökologische Aufwertungen von Flächen als Kompensation für Eingriffe in Natur und Landschaft angerechnet. Nach seinen Angaben erhielt Hofheim in diesem Jahr im Zusammenhang mit Maßnahmen von Amprion bereits rund 600.000 Euro.
Perspektivisch strebe die Stadt Einnahmen in Höhe von jährlich 1,5 Millionen Euro an. Gleichzeitig zeigte sich Philipp offen für KlimaWildnis. Eine Fläche von 50 Hektar könne er sich vorstellen. Wenn man alles zusammen nimmt, sei es denkbar, ein Drittel des knapp 1.500 Hektar großen kommunalen Waldes aus der Bewirtschaftung zu nehmen.
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass KlimaWildnis und Ökopunkte unterschiedlichen Prinzipien folgen.
Mark Harthun erläuterte, dass Ökopunkte vor allem dem Ausgleich von Eingriffen an anderer Stelle dienen. Wird beispielsweise durch ein Bauvorhaben Natur beeinträchtigt oder Fläche versiegelt, kann dies durch ökologische Aufwertung an anderer Stelle kompensiert werden. Der Preis der Ökopunkte richte sich nach Angebot und Nachfrage. Da derzeit zahlreiche Kommunen solche Punkte anbieten, könne deren Wert auch sinken.
KlimaWildnis verfolge einen anderen Ansatz. Hier gehe es um größere zusammenhängende Räume, in denen natürliche Prozesse dauerhaft möglichst ungestört ablaufen können. Gerade diese räumliche Geschlossenheit sei für ein funktionierendes Waldökosystem von besonderer Bedeutung.
Klimaschutz, Finanzen und die Frage nach kommenden Generationen
Diskutiert wurde auch die Dauer der Bindung von Flächen durch Ökopunkte. Harthun widersprach der Vorstellung, diese seien nach 30 Jahren automatisch wieder frei verfügbar. Die häufig genannten 30 Jahre beträfen in vielen Fällen lediglich den rechnerischen Bewertungszeitraum. Die Verpflichtung zum Ausgleich bestehe grundsätzlich so lange, wie der Eingriff fortwirke. Ein Beispiel: Wenn für den Bau einer Straße Wald gerodet wird und dadurch Boden, Wasserhaushalt und Lebensräume dauerhaft verändert werden, bleibt die Pflicht zum Ausgleich so lange bestehen, wie diese Straße existiert – also nicht nur 30 Jahre, sondern dauerhaft.
Viele Fragen aus dem Publikum richteten sich auf ganz praktische Folgen eines Naturwaldes. So wurde nach einer möglichen höheren Waldbrandgefahr durch liegen gebliebenes Totholz gefragt. Die Referenten verwiesen darauf, dass insbesondere trockene Nadelwälder brandgefährdet seien. Laubwälder seien in der Regel feuchter. Totholz könne zudem erhebliche Mengen Wasser aufnehmen, zusätzlich schützt ein geschlossenes Kronendach vor Austrocknung und Aufheizung des Waldbodens.
Auch die Frage nach den Baumarten der Zukunft wurde diskutiert. Im Klimawandel werde sich die Zusammensetzung des Waldes vermutlich verändern. Harthun verwies dabei auf Anpassungsmechanismen bei der natürlichen Verjüngung. Über epigenetische Prozesse können Samen Eigenschaften entwickeln, die den Schößlingen eine größere Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress ermöglichen.
Selbst die häufig ungeliebte Brombeere bekam an diesem Abend Unterstützung. Messerer zitierte die als Försterin des Jahres 2025 ausgezeichnete Monika Runkel, die Brombeeren als „Pflaster des Waldes“ bezeichnet hat. Sie schützen junge Bäume vor Wildverbiss und können den Boden vor Erosion bewahren.
Zur Frage der CO₂-Bindung stellte Harthun klar, dass junge und alte Bäume nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Junge Bäume wachsen schnell und nehmen dabei viel Kohlendioxid auf. Alte Wälder verfügen dagegen über große Kohlenstoffvorräte in den Bäumen und im über Jahrzehnte oder Jahrhunderte entwickelten Waldboden.
Auch die Nutzung von Holz wurde angesprochen. Georg Messerer verwies darauf, das über 70 % des in Deutschland eingeschlagenen Laubholzes energetisch genutzt werde. Bei der Verbrennung gelange der darin gespeicherte Kohlenstoff wieder in die Atmosphäre.
Der Abend zeigte, wie groß das Interesse an der Zukunft des Hofheimer Waldes ist. Auch skeptische Stimmen kamen zu Wort, und gerade die zahlreichen Nachfragen machen deutlich, dass die Bürger sich mit allen Aspekten gründlich befassen.
Deutlich wurde zugleich, dass der Hofheimer Stadtwald ein erhebliches Potenzial für größere Naturwaldflächen besitzt, was insbesondere im hochbelasteten Rhein-Main- Gebiet ein wichtiger Beitrag für Klimaschutz und Klimaanpassung wäre. Auch das touristische Potenzial eines großen Naturwaldes muss in die Diskussion miteinfließen. Das Förderprogramm KlimaWildnis eröffnet neben der ökologischen hochwertigen Entwicklung des Waldes zusätzlich die Möglichkeit, über die finanzielle Entschädigung die angespannte Haushaltslage der Stadt zu entlasten.
Viele Besucherinnen und Besucher unterstützen die Idee, einen größeren Teil des Hofheimer Waldes dauerhaft seiner natürlichen Entwicklung zu überlassen. Dabei stand nicht nur der heutige Nutzen im Mittelpunkt. Immer wieder ging es auch um die Frage, welchen Wald kommende Generationen vorfinden sollen, wenn sich die Folgen des Klimawandels weiter verschärfen.
Für Waldwärts! Zukunftswald Hofheim und den BUND ist die Diskussion deshalb mit diesem Abend nicht beendet. Vielmehr hat sie gerade erst an Fahrt aufgenommen.
Quelle: Waldwärts e.V.

