„Willis Wutbrief“: So scharf reagiert Schultze auf das Schreiben des Landrats

„Willis Wutbrief“: So scharf reagiert Schultze auf das Schreiben des Landrats


Showdown im Poker um die Finanzen Hofheims – und damit um die Zukunft der Kreisstadt: Angesichts klammer Kassen und wachsendem Druck von oben liegen im Rathaus offenbar die Nerven blank. Auf das geharnischte Schreiben des Landrats hat Bürgermeister Willi Schultze ohne Umschweife und in ungewöhnlich scharfer Form eine Antwort formuliert. Hofheim-News liegt der Brief vor – er zeigt: Im Streit um die finanzielle Handlungsfähigkeit Hofheims werden die Fronten härter.

Noch am 18. August hatte man sich zu einem Krisengespräch getroffen: Stadt und Kreis erörterten gemeinsam die prekäre finanzielle Situation Hofheims, die sich in den vergangenen Monaten spürbar zugespitzt hat. Aber man fand offenbar keinerlei Konsens über das weitere Vorgehen, denn schon zwei Tage später schickte Landrat Michael Cyriax einen formalen Brief ans Rathaus, der in seinem Duktus einer herben Abstrafung gleichkam:

„Nach den Grundsätzen der geordneten Haushaltsführung … kann vorerst keine Genehmigung der vorliegenden Haushaltssatzung nebst Haushaltsplan erfolgen“, heißt es in dem Schreiben des Landrats, über das Hofheim-News am Freitag ausführlich berichtete. Die Neuverschuldung sei zu reduzieren, außerdem sei festzulegen, welche geplante Investitionen „zeitlich gestreckt, aufgeschoben oder nicht durchgeführt werden sollen“. Gleich mehrfach fordert Cyriax den Hofheimer Bürgermeister nachdrücklich auf, den Haushalt umgehend an die aktuellen Realzahlen anzupassen.

Nun liegt Schultzes Reaktion auf dem Tisch, und sie klingt heftig. Von „Willis Wutbrief“ raunen sie im Rathaus hinter vorgehaltener Hand: Drei eng beschriebene Seiten, verfasst am vergangenen Donnerstag, bilden eine zwar formal sachliche, im Ton aber äußerst scharfe Entgegnung auf die Vorhaltungen des Landrats. Schultzes Antwort markiert zweifellos einen neuen, unversöhnlichen Höhepunkt in der Auseinandersetzung um den künftigen finanzpolitischen Kurs der Stadt.

Warum der Ton zwischen Kreis und Stadt jetzt so eisig ist

Die beiden Protagonisten werden in diesem Leben wohl so schnell keine besten Freunde mehr: Auf der einen Seite steht Willi Schultze von der Wählergemeinschaft „Bürger für Hofheim“ (BfH), der seit nunmehr einem Jahr die Geschicke im Rathaus lenkt – auf der anderen Seite sitzt mit Landrat Michael Cyriax ein prominenter CDU-Mann an den entscheidenden Schalthebeln des Main-Taunus-Kreises.

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Landrat Michael Cyriax (oben rechts) stellte sich im letzten Wahlkampf hinter Christian Vogt auf.

Dabei waren die Beziehungen zwischen der Kreisverwaltung und der Kreisstadt keineswegs immer so frostig, zeitweise schienen sie sogar von einer bemerkenswerten Harmonie geprägt. Als noch Christian Vogt im Bürgermeisterstuhl saß, warb Michael Cyriax im Kommunalwahlkampf demonstrativ auf Plakaten für seinen Parteifreund – und das, obwohl man im Kreishaus längst wusste, dass Hofheims städtische Finanzen mit Vollgas in Richtung Kollaps steuerten. Doch unter Parteifreunden lässt man Fünfe bekanntlich gerne mal gerade sein…

Zwar hatte Cyriax in jener Phase auch den damaligen Bürgermeister schriftlich angemahnt, doch diese Rügen wurden monatelang unter der Decke gehalten. Es war im Juli 2025, als der Landrat schriftlich monierte, dass der CDU-Bürgermeister die offiziell genehmigte Kreditlinie der Stadt massiv überzogen habe. Vogt – damals zwar bereits abgewählt, aber rechtlich noch immer unumschränkter Chef im Rathaus – zeigte sich völlig unbeeindruckt von Cyriax‘ Kritik und verbreitete weiterhin unverdrossen das politische Märchen von der angeblich reichen Kreisstadt, die sich schier alles leisten kann. Und der Landrat? Er ließ ihn gewähren.

Kaum hatte Willi Schultze das Ruder im Rathaus übernommen, zog Cyriax ganz andere Saiten auf: Er verweigerte die Genehmigung für den Haushalt 2026 und deckelte die Kassenkredite strikt auf 40 Millionen Euro. Hofheims massive Finanzprobleme und akute Liquiditätsengpässe seien schlicht nicht länger hinnehmbar, begründete die Behörde den harten Kurs. Der Landrat forderte radikale Sparmaßnahmen sowie eine lückenlose Überprüfung sämtlicher Gebühren, freiwilliger Leistungen und Zukunftsinvestitionen.

Hofheim-News kommentierte die Situation damals: „Die Stadtpolitik ist am Ende. Keine Gestaltungsmöglichkeiten. Keine Spielräume. Keine Chance. Nichts geht mehr. Hofheim ist handlungsunfähig – ein politischer Super-GAU.“

Angesichts der wachsenden finanziellen Dramatik wirkte Schultzes Auftreten in den darauffolgenden Monaten allerdings bisweilen fast trotzig: Er gab weiterhin den nahbaren, freundlichen Kümmerer, verzichtete auf mögliche Einnahmen und lehnte weitere Ausgaben keineswegs konsequent ab. Sein politisches Leitmotiv schien zu sein: Gespart wird woanders – nur bitte nicht da, wo es vor Ort wirklich wehtut.

Mit dieser behäbigen Gemütlichkeit dürfte es nun endgültig vorbei sein. Das jüngste Schreiben des Landrats dokumentiert schwarz auf weiß, dass die Kommunalaufsicht für eine derartige Politik des Aussitzens kein weiteres Verständnis mehr aufbringt.

Willi Schultzes Abrechnung mit der Kommunalaufsicht

Ja, man werde den Haushalt anpassen, versichert Schultze jetzt in seiner Erwiderung. Und ja, man werde auch das verlangte Haushaltssicherungskonzept als langfristigen Sanierungsplan fortschreiben. Doch dann schiebt der Bürgermeister eine klare Bedingung hinterher: Das Ganze könne nur auf Basis völlig korrekter Zahlen und ohne die Stadtstrukturen komplett lahmzulegen über die Bühne gehen.

Bürgermeister Wilhelm Schultze
Bürgermeister Willi Schultze. (Foto: Stadt Hofheim)

Besonders entschieden wehrt sich das Rathaus gegen den im Raum stehenden Vorwurf, man würde weiterhin neue Schulden in alarmierendem Maße anhäufen. Die Realität sehe anders aus: Zwar nehme Hofheim neue Kredite in Höhe von 3,5 Millionen Euro auf, tilge im selben Atemzug jedoch alte Verbindlichkeiten in Höhe von rund 3,89 Millionen Euro. Unterm Strich sinke die reale Schuldenlast der Stadt damit sogar.

Ebenso scharf widerspricht das Rathaus der Darstellung, in der Übergangsphase zu wenig Eigeninitiative beim Sparen gezeigt zu haben. Im offiziellen Schultze-Schreiben heißt es dazu wörtlich: „Die Schlussfolgerung, die vorläufige Haushaltsführung habe lediglich zu einer minimalen Reduzierung geführt, ist vor diesem Hintergrund aus unserer Sicht nicht zutreffend.“ Der Landrat habe für seine harten Urteile eine falsche Datengrundlage herangezogen. Interne Rechenfehler und veraltete Annahmen der Aufsichtsbehörde würden ein verzerrtes Bild der tatsächlichen städtischen Bemühungen zeichnen.

Auch bei der hochsensiblen Causa der Kassenkredite korrigiert Hofheim die kommunalen Aufseher in aller Deutlichkeit: Der Landrat argumentiere hier mit veralteten Werten. Und von einer pauschalen Kappung der 50-Millonen-Euro-Kreditlinie will man im Rathaus erst recht nichts wissen, solange der unterjährige Spitzenbedarf zeitweise über die alten Grenzen schießt.

Am Ende der drei Seiten zieht der Bürgermeister eine klare rote Linie: Sparen ja, aber stets mit Augenmaß und Vernunft. Man werde den Haushalt zwar weiter trimmen, doch die Erfüllung gesetzlicher Pflichtaufgaben und der dringend notwendige Erhalt der städtischen Infrastruktur ließen sich nicht einfach per Ordre de mufti verordnen. In einem fast schon belehrenden Tonfall erklärt Schultze der Aufsichtsbehörde, wie kommunale Realpolitik zu funktionieren hat: „Ziel muss deshalb sein, den Haushalt belastbar zu stabilisieren, ohne die Funktionsfähigkeit der Stadt und den Erhalt ihrer Infrastruktur zu gefährden.“

Besonders bemerkenswert, spitz formuliert und fast schon süffisant liest sich schließlich dieser abschließende Passus des Schreibens: „Sollten einzelne Aufforderungen Ihres Schreibens als förmliche kommunalaufsichtliche Anordnungen nach § 139 HGO gemeint sein, bitten wir um einen kurzen Hinweis.“ Im Klartext und ohne diplomatischen Firnis übersetzt bedeutet das nichts anderes als: Meinen Sie das, was Sie da im amtlichen Tonfall niedergeschrieben haben, als echten, rechtlich bindenden Befehl? Wenn dem so ist, dann geben Sie uns gefälligst Bescheid, damit wir wissen, woran wir juristisch sind.

Damit bringt das Schreiben des Rathauschefs das klassische Dilemma einer klammen Kommune auf den Punkt: Einerseits kommt die Stadtspitze schlicht nicht umhin, dem massiven Druck der Kommunalaufsicht in Teilbereichen nachzugeben. Andererseits pocht der Magistrat vehement auf überlebenswichtige Handlungsspielräume für notwendige Zukunftsinvestitionen, um die Kreisstadt nicht endgültig an die finanzielle Wand zu fahren.

Das letzte Wort in diesem erbitterten Poker um die Hofheimer Finanzen ist zwischen Rathaus und Kreishaus damit noch lange nicht gesprochen.

TR

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