Hofheim ist Landessieger – aber stolz sind wir darauf nicht
Ein Kommentar zum Wochenende von der Altstadtkuppel
Wir haben es geschafft. Applaus bitte! Die hessischen Industrie- und Handelskammern haben ein neues Zahlenwerk herausgegeben, und die Kreisstadt Hofheim am Taunus thront ganz oben. Platz 1 – zwar nicht bei der Lebensqualität oder der Wirtschaftskraft, dafür aber bei der Grundsteuer B. Ein Hebesatz von sage und schreibe 1.545 Prozent katapultiert uns auf den wenig rühmlichen Spitzenplatz im ganzen Bundesland. Nirgendwo in Hessen greift eine Kommune ihren Bürgern beim Wohnen so tief in die Tasche wie hier.
Man muss sich das absurde Slapstick-Theater, das uns die Lokalpolitik bietet, bitte einmal in voller Länge anschauen: Seit Jahren werden die verantwortlichen Stadtpolitiker im Rathaus und Parlament nicht müde, sich als Retter des bezahlbaren Wohnraums zu inszenieren. Stolz verweist man auf die städtische Wohnungsbaugesellschaft (HWB) und ihre geförderten Wohnungen – gebaut mit Steuergeldern von Bund und Land, reserviert für Menschen, die jeden Cent dreimal umdrehen müssen.
Und was macht dieselbe Kommune im selben Atemzug? Sie jagt eine Steuer in astronomische Höhen, die exakt diesen Wohnraum radikal verteuert. Denn die Grundsteuer wird eins zu eins auf die Nebenkosten umgelegt. Wer also „Wir kämpfen für bezahlbares Wohnen“ plakatiert und gleichzeitig die wohnkostenrelevanten Abgaben massiv nach oben schraubt, verliert im rasanten Tempo jede Glaubwürdigkeit.
Jetzt haben wir es auch von den IHKs schriftlich bekommen, nachzulesen hier: Hofheim klettert bei der Grundsteuer auf Platz 1 in Hessen. Das ist keine verantwortungsvolle Politik mehr, das ist ein Schildbürgerstreich mit Ansage!

Fairerweise wollen wir die Chronistenpflicht erfüllen: Es war ein CDU-Bürgermeister, der den Karren mit Schwung in diesen tiefen Morast gesteuert hat. Der Magistrat und die meisten Stadtverordneten, das gehört zur Wahrheit allerdings dazu, haben weggeschaut. War ja auch bequemer.
Sein Nachfolger übernahm eine Erblast, die ihn schier erdrückte. Als Stadtverordneter hatte er zuvor das kollektive Wegsehen selbst geteilt – nun stand er vor den Trümmern des Schweigens. Um schnelles Geld zu generieren, sah er offenbar keine andere Option, als das Steuerrad herumzureißen. Das bittere Zwischenfazit: Der Hofheimer Haushalt ist so irreparabel zerrüttet, dass das Ende der Fahnenstange wohl noch gar nicht erreicht ist. Ersten Berechnungen zufolge droht bei der Grundsteuer bis 2029 sogar ein Marsch Richtung 2.500 Punkte, wenn kein Wunder geschieht.
Alternativen? Echte Einnahmen schaffen oder – Gott bewahre – brutalstmöglich Kosten sparen. Wir befinden uns mitten im laufenden Haushaltsjahr, die Hälfte der Zeit ist um, und aus dem Rathaus dringt: substanziell nichts. Wo sind die Konzepte, wo die Millionen? Die markigen Ankündigungen des Bürgermeisters, die städtischen Brunnen versiegen zu lassen oder auf die bunten Regenschirme über den Altstadtgassen zu verzichten, sind ja ganz nett fürs Schaufenster. Sicher auch ein richtiges Symbol des guten Willens. Aber sie sind der berühmte Tropfen auf dem kochend heißen Stein. Hier werden mühsam ein paar Tausend Euro zusammengekratzt – Millionen aber werden noch benötigt. Dringend!
Der schmerzhafte Blick über den Zaun
Noch einmal, weil es ja irgendwie unfassbar ist: Das Bundesland Hessen hat 421 Kommunen. Rund 20 von ihnen haben einen Grundsteuer-B-Hebesatz von über 1.000 Prozent – und Hofheim führt das Feld an.
Wie tief die Kreisstadt im Schlamassel steckt, zeigen die hessischen Industrie- und Handelskammern mit ihrem unbarmherzigen Vergleich. Schauen wir hier nur auf den Main-Taunus-Kreis: Selbst das total klamme Eppstein verharrt mit 1.450 Prozent noch unter Hofheimer Niveau. Danach folgt im Kreisgebiet der freie Fall in Richtung Vernunft.
Ein Blick auf die nackten Zahlen der MTK-Kommunen verdeutlicht die Hofheimer Steuer-Insel:
| KOMMUNE | GRUNDSTEUER B (2026) |
| Hofheim | 1.545 % |
| Eppstein | 1.450 % |
| Bad Soden | 997 % |
| Flörsheim | 980 % |
| Kriftel | 975 % |
| Schwalbach | 900 % |
| Hattersheim | 785 % |
| Kelkheim | 747 % |
| Liederbach | 693 % |
| Hochheim | 630 % |
| Sulzbach | 561 % |
| Eschborn | 215 % |
Was bedeuten es eigentlich konkret im echten Leben, die Nr. 1 bei der Grundsteuer in Hessen zu sein?
Lassen wir das steuerlich extraterrestrische Eschborn und Sulzbach mal außen vor. Nehmen wir als Maßstab einfach Hochheim mit seinen bodenständigen 630 Prozent. Machen wir die Rechnung für ein ganz normales Einfamilienhaus oder eine Eigentumswohnung auf, die nach der neuen Grundsteuerreform auf einen Messbetrag von 200 Euro kommt:
- In Hochheim (630 %): 200 Euro x 6,3 = 1.260 Euro Grundsteuer pro Jahr.
- In Hofheim (1.545 %): 200 Euro mal 15,45 = 3.090 Euro Grundsteuer pro Jahr.
In der Haushaltskasse heißt das: Während der Hochheimer entspannte 105 Euro überweist, muss der Hofheimer 257 Euro blechen – im Monat.
Mit anderen Worten: Für dieselbe Immobilie zahlt man in Hofheim fast das 2,5-Fache an Grundsteuer. Das ist kein Standortnachteil mehr, das ist eine Enteignung auf Raten.
Hofheim ist auch für die Wirtschaft ein teures Pflaster
Wer jetzt glaubt, dass wenigstens die Gewerbetreibenden in der Kreisstadt geschont werden, um die Wirtschaft anzukurbeln, der irrt gewaltig. Unternehmer zu sein macht in Hofheim aktuell so wenig Spaß wie lange nicht mehr. Auch dazu haben die Industrie- und Handelskammern im ganzen Land die Zahlen zusammengetragen:
In Hofheim wurde der Hebesatz für die Gewerbesteuer schmerzbefreit auf 400 Prozent angehoben. Hessenweit mag das noch im Mittelfeld durchgehen – im Main-Taunus-Kreis aber sichert sich Hofheim auch hier den ungemütlichen Spitzenplatz. Zwar ist der Vorsprung hauchdünn, weil Flörsheim und Schwalbach mit 395 Prozent dicht auf den Fersen folgen und auch Eppstein und Liederbach mit 385 Prozent im Nacken sitzen.
Doch das Trostpflaster ist schwach, wenn man sieht, wie es die echte Wirtschaftskonkurrenz im Kreis anstellt: Hattersheim und Hochheim verlangen gerade einmal 370 Prozent, Sulzbach winkt mit 360 Prozent, und Eschborn lacht die Unternehmer ohnehin bei 330 Prozent an.
Man darf gespannt sein, wann im Rathaus die Erkenntnis reift, dass man eine Zitrone nicht endlos pressen kann. Spätestens, wenn die ersten Unternehmen abwandern und die Mieter ihre Nebenkostenabrechnungen nicht mehr zahlen können, wird das böse Erwachen kommen.
Bis dahin gilt in Hofheim: Bitte recht freundlich gucken und tief in die Tasche greifen!
HN/Thomas Ruhmöller

