Gesund mit Felix (22): Warum dein Körper sein eigenes Gleichgewicht braucht

Die Gesundheitskolumne von Osteopath Felix Kammerlander (Folge 22)

Manche Menschen sind von Natur aus beweglich wie Gummi. Andere fühlen sich eher „fest gebaut“, kräftig und stabil – aber weniger elastisch. Während die einen problemlos in Dehnübungen sinken, kämpfen die anderen schon beim Vorbeugen mit Spannung. Was viele nicht wissen: Stabilität und Flexibilität sind keine Gegensätze, sondern zwei Pole eines Spektrums. Und jeder Mensch bewegt sich irgendwo dazwischen – individuell, genetisch mitgeprägt und je nach Körperregion unterschiedlich.

Flexibilität – die natürliche Beweglichkeit

Menschen mit hoher Flexibilität haben meist eine größere Gelenkbeweglichkeit. Ihre Bänder und Kapseln sind elastischer, ihre Muskeln geben leichter nach. Das kann viele Vorteile bringen:

  • geringere Neigung zu „Einrosten“
  • bessere Anpassungsfähigkeit bei Bewegung
  • geschmeidigeres Körpergefühl
  • oft gute Dehnfähigkeit

Diese Beweglichkeit ist jedoch nicht automatisch gleichbedeutend mit Stabilität. Sehr flexible Menschen müssen häufig mehr muskuläre Kontrolle aufbringen, um ihre Gelenke zu sichern. Fehlt diese Kontrolle, kann es passieren, dass Gelenke stärker belastet werden oder sich instabil anfühlen.

Genetisch bedingte hohe Flexibilität bringt also einen Vorteil – weniger Versteifung –, kann aber auch eine gewisse Anfälligkeit für Überlastungen oder Gelenkverletzungen mit sich bringen.

Stabilität – die natürliche Festigkeit

Am anderen Ende des Spektrums stehen Menschen mit hoher struktureller Stabilität. Ihre Gelenke sind fester geführt, die Bänder straffer, die Muskelspannung insgesamt höher.

Vorteile davon können sein:

  • gute Grundstabilität
  • geringere Neigung zu Gelenkverletzungen
  • robuste Belastbarkeit

Doch diese Festigkeit hat ebenfalls eine Kehrseite. Wenn die Grundspannung ohnehin hoch ist, kann es leichter zu chronischen Verspannungen kommen. Der Körper hält „zu gut“ fest. Bewegungen wirken eingeschränkt, Steifheit tritt schneller auf – besonders bei Stress oder Bewegungsmangel.

Weder gut noch schlecht – sondern individuell

Wichtig ist: Weder hohe Flexibilität noch hohe Stabilität ist per se besser. Beides sind körperliche Voraussetzungen, die jeweils Vor- und Nachteile mit sich bringen.

Das Problem entsteht meist dann, wenn Trainings- oder Therapieansätze nicht zum eigenen Typ passen.

Ein sehr flexibler Mensch, der hauptsächlich dehnt, verstärkt unter Umständen seine Instabilität.

Ein sehr stabiler, fester Mensch, der nur Krafttraining betreibt, erhöht womöglich seine ohnehin hohe Grundspannung.

Stabilität und Flexibilität im Gleichgewicht

Gesundheit entsteht nicht durch ein Extrem, sondern durch Balance.
Ein flexibler Körper profitiert von mehr Stabilität. Ein stabiler Körper könnte mehr Flexibilität gebrauchen.

Das Ziel ist nicht, die genetische Veranlagung zu verändern, sondern sie auszugleichen. Beispiele:

  • Wer sehr beweglich ist, profitiert häufig von gezielter Stabilisationsarbeit, Koordinationstraining und kontrollierten Kraftübungen.
  • Wer eher fest und steif ist, gewinnt oft durch Mobilisation, sanfte Dehnung und Atemarbeit an Ausgleich.

So entsteht ein funktionelles Gleichgewicht.

Nicht der ganze Körper ist gleich

Ein weiterer wichtiger Punkt: Stabilität und Flexibilität sind bei manchen Menschen nicht im ganzen Körper identisch verteilt. Es kann sein, dass:

  • die Hüfte sehr beweglich ist, die Brustwirbelsäule aber fest
  • der untere Rücken stabil wirkt, während die Schultern hypermobil sind
  • ein Knie eher locker erscheint, das andere sehr fest

Deshalb macht es wenig Sinn, pauschal zu sagen: „Ich bin steif“ oder „Ich bin zu beweglich“. Eine differenzierte Betrachtung einzelner Regionen kann sinnvoller sein als eine globale Einordnung.

Die Rolle des Nervensystems

Wie wir in anderen Artikeln besprochen haben, steuert das Nervensystem die Muskelspannung. Ein Mensch mit hoher Stabilität hat oft einen höheren Grundtonus – also eine stärkere muskuläre Ansteuerung. Ein sehr flexibler Mensch dagegen benötigt eine fein abgestimmte neuromuskuläre Kontrolle, um Gelenke sicher zu führen.

Individuell angepasstes Bewegungstraining wirkt deshalb nicht nur auf Muskeln und Bänder, sondern vor allem auf die Steuerung durch das Nervensystem.

Training individuell anpassen

Die entscheidende Frage lautet also nicht: „Soll ich mehr dehnen oder mehr kräftigen?“ Sondern: „Wo brauche ich mehr Kontrolle – und wo mehr Beweglichkeit?“

Ein ausgewogenes Programm kann beides kombinieren, jedoch mit unterschiedlichem Schwerpunkt. Wer seine Tendenzen kennt, kann gezielter trainieren und Überlastung vermeiden.

Die osteopathische Perspektive

In der osteopathischen Arbeit wird genau diese Individualität berücksichtigt.
Nicht jeder Rücken, jedes Becken oder jede Schulter braucht dasselbe. Statt pauschale Empfehlungen zu geben, wird geschaut:

  • Wo fehlt Beweglichkeit?
  • Wo fehlt Stabilität?
  • Wie verteilt sich Spannung im System?
  • Welche Regionen kompensieren?

So entsteht ein ganzheitlicher Blick auf das Spannungs- und Bewegungsmuster.

Fazit

Stabilität und Flexibilität sind zwei Pole eines individuellen Spektrums. Beide bringen Vorteile – und mögliche Herausforderungen – mit sich. Gesundheit entsteht dort, wo beides in einem ausgewogenen Verhältnis steht.

Wer seinen eigenen Typ versteht und Training entsprechend anpasst, schafft die beste Grundlage für langfristige Belastbarkeit und Wohlbefinden.

© Felix Kammerlander / Praxis Angewandte Osteopathie

Der Autor

Felix Kammerlander

Felix Kammerlander hat Osteopathie studiert und betreibt seit acht Jahren die Praxis Angewandte Osteopathie in Marxheim. In den Hofheim-News erscheint regelmäßig seine Kolumne „Gesund mit Felix” mit Gesundheitsinformationen und präventiven Tipps - eine verlässliche Anlaufstelle für Ratschläge zur Vorbeugung, Schmerzbewältigung und für einen ausbalancierten Körper. Viel Freude beim Lesen und Ausprobieren neuer Wege zu mehr Wohlbefinden!

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