Wallauer Spange: Könnte der Bahnhof auch am US-Militärflughafen scheitern?
Deutschland schaut nach Hofheim: Die geplante „Wallauer Spange“ wurde vorerst auf Eis gelegt. Medien im ganzen Land berichten über das überraschende Aus für die Bahnverbindung zwischen Wiesbaden und dem Frankfurter Flughafen – trotz Sondervermögens fehlt die Finanzierung durch den Bund. Inzwischen sind neue Fragen aufgetaucht, die das millionenschwere Projekt zusätzlich belasten. Denn nur wenige Kilometer vom geplanten Bahnhof Wallau entfernt liegt ein US-Militärflugplatz. Ob dort überhaupt gebaut werden darf, ist bislang offenbar ungeklärt. Und das könnte bedeuten, dass sich die Realisierung des Bahnhofs noch weiter verzögert.
Der Militärflugplatz in Wiesbaden-Erbenheim hat eine lange Geschichte: 1929 wurde er eröffnet, nach dem Zweiten Weltkrieg als „Wiesbaden Army Airfield“ genutzt und später nach dem US-General Lucius D. Clay benannt.
Heute schlägt hier das operative Herz der US Army Europe: Hubschrauber und Transportflugzeuge starten und landen, weitere militärische Luftfahrzeuge sind dauerhaft stationiert.
Die Stadtverordnete Barbara Grassel (Die Linke) hat das Thema „Wallauer Spange“ jetzt um einen weiteren, bislang wenig beachteten Aspekt ergänzt: Kann der US-Stützpunkt den geplanten Bahnhof-Neubau behindern?
Grassel ist auch aktive Mitstreiterin bei ProBahn, einem gemeinnützigen Verein für bessere Qualität, Service und Fahrgastrechte im öffentlichen Verkehr. ProBahn wurde von einem Flugkapitän a. D. auf folgendes Problem aufmerksam gemacht:
„Im Bereich des geplanten Haltepunkts Wallau besteht ein Bauverbot. Grund ist, dass dieser Bereich in der östlichen Accident Potential Zone (APZ) des Militärflugplatzes ETOU liegt.“
Das muss sicher man kurz erklären: Jeder Flughafen hat einen ICAO-Code – vier Buchstaben, die von der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) vergeben werden und mit denen jeder Flughafen weltweit eindeutig identifiziert wird. „ETOU“ steht für den Militärflugplatz Wiesbaden-Erbenheim.
In der sogenannten „Accident Potential Zone“ – übersetzt etwa „Unfallrisikozone“ – gilt besonders strenges Baurecht. Ziel ist es, die Sicherheit von Menschen und Infrastruktur am Boden zu gewährleisten, insbesondere in Start- und Landezonen.
Unklar ist bislang, inwieweit diese US-militärischen Schutzbereiche im deutschen Planungsrecht verbindlich zu berücksichtigen sind. ProBahn schließt das nicht aus.

Erschwerend kommt übrigens noch hinzu, auch darauf weist auch Frau Grassel hin: Für die Bahnstrecke und damit für den geplanten Wallauer Bahnhof liegt bis heute noch kein Planfeststellungsbeschluss vor.
Zwar hatte die Deutsche Bahn Ende 2022 beziehungsweise Anfang 2023 einen entsprechenden Antrag gestellt, zog ihn jedoch im Oktober 2023 wieder zurück. Erst im März 2024 wurde ein neuer Antrag beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) eingereicht. Dort ist man bislang jedoch nicht über vorbereitende Schritte hinausgekommen – ausgelegt wurden Unterlagen, Erörterungstermine vorbereitet. Mehr nicht.
Die Konsequenz ist klar und politisch brisant: Ohne Planfeststellungsbeschluss gibt es keine Baugenehmigung, ohne Baugenehmigung keinen Bahnhof. Trotz großer Ankündigungen und jahrelanger Debatten existiert der Wallauer Bahnhof damit weiterhin nur auf dem Papier. Wann – und ob – aus den politischen Versprechen jemals Realität wird, ist derzeit völlig offen.
Vor diesem Hintergrund erweisen sich die bislang von Politik und Medien genannten Zeitpläne als Wunschdenken. Die Wallauer Spange sollte ursprünglich einschließlich des neuen Haltepunkts bei Wallau bis Ende 2028 in Betrieb gehen. Angesichts der aktuellen Finanzierungs- und Genehmigungsprobleme können diese Zeitvorstellungen jedoch geschreddert werden – eine neue Fertigstellungsperspektive nennt derzeit niemand.
Gleichwohl löste die Entscheidung, die Wallauer Spange zunächst auf Eis zu legen, umgehend Protest aus. „Das ist ein Schlag ins Gesicht für die Menschen in Wiesbaden“, erklärte Silas Gottwald, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Wiesbadener Rathaus. Martin Kraft, mobilitätspolitischer Sprecher der Grünen, sprach sogar von einem „Skandal, dass die Bundesregierung die angemessene Fernverkehrsanbindung unserer Landeshauptstadt trotz milliardenschwerer Infrastrukturmittel offenbar als Nice-to-have behandelt und die Wallauer Spange seit Jahrzehnten verschleppt“.
Im Gegensatz zu den deutlichen Reaktionen aus Wiesbaden hielt sich das Hofheimer Rathaus zurück. Bürgermeister Wilhelm Schultze, der das Bahn-Projekt noch vor wenigen Wochen als „für Hofheim und die gesamte Region von allergrößter Bedeutung“ eingestuft hatte, wollte keine Stellungnahme abgeben. Der Erste Beigeordnete Daniel Philipp (Grüne) sagte, wie berichtet, man sei „sehr überrascht und bestürzt von den neuesten Entwicklungen“.
Abseits der politischen Debatten – und möglicher Einschränkungen durch die Nähe zum Wiesbaden Army Airfield – zeigt sich die Realität in der Praxis deutlich komplexer. Barbara Grassel, die von Beginn an gegen den Bau des Bahnhofs war, verweist auf bestehende Alternativen: „Wenn die Wiesbadener eine weitere Verbindung nach Frankfurt brauchen, gibt es S1, S8 und RB10. Wenn diese Bahnen nicht ständig wegen Bauarbeiten ausfielen, wäre das Angebot völlig ausreichend.“ Bereits vor Jahren habe sie eine einfachere und kostengünstigere Lösung vorgeschlagen: statt teurer Neubauprojekte die bestehenden Bahnverbindungen verbessern. Und mehr Busverbindungen.
Die Politik dagegen wollte den großen Bahnhof – teuer, pompös, prestigeträchtig. Herausgekommen ist bisher: Nichts. Ein halbfertiges Projekt, offene Fragen, steigende Kosten. Große Worte, teure Pläne – und kein einziger Zug fährt.
HN / TR





