Bund legt „Wallauer Spange“ auf Eis – Hofheimer Politik offenbar überrascht
Die Nachricht kam am späten Donnerstagnachmittag aus Berlin – und sie traf Hofheim ins Mark: Das Schienenprojekt „Wallauer Spange“, das Wiesbaden direkt mit dem Frankfurter Flughafen verbinden sollte, liegt vorerst auf Eis. Aus Kostengründen. In der Hofheimer Kommunalpolitik, die große Hoffnungen mit dem Projekt verbunden hatte, scheint diese Entscheidung bislang noch nicht offiziell angekommen zu sein. Nach dem Desaster um die städtischen Finanzen ist das der nächste schwere Schlag für die Stadt.
Ende dieses Jahres sollten die Bauarbeiten eigentlich starten. Die „Wallauer Spange“ – so der Name der geplanten Bahnverbindung – hätte Züge aus Wiesbaden künftig ohne Umweg über Mainz direkt zum Flughafen und weiter nach Frankfurt gebracht. Dafür wollte die Deutsche Bahn eine rund vier Kilometer lange Neubaustrecke errichten, inklusive eines neuen Bahnhofs mitten in der Wallauer Wallachei.
Politisch galt das Projekt als Prestigevorhaben: CDU, FWG und FDP bezeichneten es im Hofheimer Stadtparlament als „erheblich verkehrsrelevant und wirtschaftlich bedeutsam“. Auch Bürgermeister Wilhelm Schultze unterstützte die Pläne ausdrücklich: „Wir wollen die Stadt voranbringen.“
Nun jedoch ist das Projekt vorerst gestoppt. Zuerst berichtete der Berliner „Tagesspiegel“, später griffen regionale Medien die Meldung auf. Das Bundesverkehrsministerium (BMV) habe die „Wallauer Spange“ zurückgestellt, schreibt der Wiesbadener Kurier. Hintergrund: Dem Bund fehlen in den kommenden drei Jahren rund zwei Milliarden Euro, um alle bereits fertig geplanten Bahnprojekte umzusetzen. Neben der „Wallauer Spange“ sind vier weitere Vorhaben der Deutschen Bahn betroffen. Bekannt wurde dies durch die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Matthias Gastel.
Die Entscheidung kam offenbar selbst für die Landeshauptstadt Wiesbaden überraschend. Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) reagierte geschockt und verärgert: „Diese Entwicklung wäre für dieses für das Rhein-Main-Gebiet so wichtige Bahnprojekt ein Schlag ins Gesicht tausender Pendlerinnen und Pendler“, sagte er laut Wiesbadener Kurier.
Deutliche Kritik äußerte auch Tarek Al-Wazir (Grüne), Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag und ehemaliger hessischer Verkehrsminister. Viele Menschen säßen täglich in verspäteten oder überfüllten Zügen fest. „Die Bundesregierung müsste jetzt alle Hebel in Bewegung setzen, um das Schienennetz in Deutschland schnellstmöglich fit zu machen“, sagte Al-Wazir der Zeitung. Stattdessen würden selbst baureife Projekte verschoben – obwohl ein Sondervermögen Infrastruktur in Höhe von 500 Milliarden Euro angekündigt sei. „Das lässt für kommende Projekte wie Frankfurt–Mannheim Schlimmes befürchten.“

Auch der Wiesbadener Bundestagsabgeordnete Stefan Korbach (CDU) zeigte sich überrascht. „Bis zuletzt war ein Baubeginn im Laufe dieses Jahres erwartet worden“, sagte er. Die nun offenbar vollzogene Kehrtwende habe „katastrophale Folgen für Verkehr und Wirtschaft“. Eine schnellere Bahnverbindung zum Frankfurter Flughafen sei zentral für Pendler, Unternehmen und den gesamten Standort Rhein-Main. Korbach forderte, das Bundesverkehrsministerium müsse die Entscheidung überdenken – und betonte die Hoffnung, dass der Bau lediglich aufgeschoben sei.
Aus dem Bundesverkehrsministerium heißt es, man habe weiterhin großes Interesse daran, „dass der Aus- und Neubau der Schieneninfrastruktur deutlich vorankommt und baureife Projekte in den Bau gehen“. Derzeit werde jedoch geprüft, „wie dies im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel umgesetzt werden kann“.
Wallauer Spange: Züge sollten schon Ende 2028 rollen
Wiesbaden reagiert entsetzt – in Hofheim herrscht dagegen überraschend Stille. Offenbar hat die Hiobsbotschaft das Rathaus noch nicht erreicht. Für viele Lokalpolitiker dürfte der Schock groß sein: Sie hatten der „Wallauer Spange“ eine immense verkehrs- und wirtschaftspolitische Bedeutung zugemessen. Ursprünglich sollten die ersten Züge schon Ende 2028 über die neue Strecke rollen. Die Fahrzeit vom Wiesbadener Hauptbahnhof zum Fernbahnhof des Frankfurter Flughafens hätte sich damit von bisher 34–40 Minuten auf knapp 16 Minuten halbiert.
In Wallau selbst war ein umfangreicher Verkehrsknoten geplant – auf bestem Ackerboden: ein Park-&-Ride-Parkhaus für bis zu 500 Autos, ein Busbahnhof mit acht bis zehn Haltestellen, dazu mehrere neue Straßenanbindungen. Die Kosten für den Bahnhof wurden zunächst mit rund sieben Millionen Euro beziffert; 2022 war dann von etwa 15 Millionen Euro die Rede. Wiesbaden und Hofheim sollten jeweils 40 Prozent tragen, Hochheim 20 Prozent.
Erst vor wenigen Wochen gab es jedoch einen ersten Dämpfer. Interne Bewertungen waren zu dem Ergebnis gekommen, dass das Projekt in der geplanten Form zu teuer sei und der Nutzen in keinem angemessenen Verhältnis stehe. Die Folge: Der Bahnhof sollte deutlich abgespeckt werden. Das Parkhaus wurde gestrichen. Stattdessen sollte nur noch ein einfacher ebenerdiger Parkplatz entstehen.
Unser Bild oben zeigt den geplanten Bahnhof aus der Vogelperspektive.
HN / Visualisierung: Stadt Wiesbaden

