Tante Emmas trauriges Ende: Wie das Kreisblatt leise vor sich hin schrumpft

Tante Emmas trauriges Ende: Wie das Kreisblatt leise vor sich hin schrumpft

Wer in der Wirtschaft Erfolge vorzuweisen hat, posaunt sie am liebsten laut mit dem Megafon heraus. Geht es dagegen bergab, wird schamhaft geschwiegen. Genau dieses leise Siechtum ist derzeit wieder beim Blick auf die Lokalpresse zu erleben. Neue Zahlen liegen vor – und die sehen gar nicht gut aus: Die Auflagen der Lokalzeitungen sind weiter drastisch eingebrochen. Für die Information vor Ort sind die gedruckten Blätter mittlerweile zu nostalgischen Relikten geworden – vergleichbar mit Tante-Emma-Lädchen aus vergangenen Zeiten. Wer braucht sie eigentlich noch?

Schauen wir nüchtern auf die Fakten – wobei man zum Verständnis erst einmal das Versteckspiel entlarven muss: Der Verlag gibt für das Kreisblatt seit Jahren keine eigenen Zahlen mehr heraus. Er bündelt die Verkaufszahlen stattdessen in einem Sammelpaket mit den Main-Taunus-Ausgaben der Frankfurter Rundschau und der FAZ. Und damit die Statistik noch ein bisschen freundlicher aussieht, wurde das Verbreitungsgebiet weit über den Main-Taunus-Kreis hinaus aufgeblasen: Von den Stadtteilen im Frankfurter Westen über die Landeshauptstädte Wiesbaden und Mainz bis tief hinein in den Rheingau.

Doch das mathematische Großraum-Manöver nutzt nichts mehr. Auch die gemeinsame Ausweisung kann die bitteren Verluste nicht mehr übertünchen. Der Bedeutungsverlust des gedruckten Mediums lässt sich nicht mehr verschleiern. Ein Blick auf die Verkaufszahlen der jeweiligen dritten Quartale zeigt das ganze Ausmaß der Misere:

Im letzten Quartal meldeten die drei Zeitungen zusammen in dem Riesengebiet gerade noch 14.372 Exemplare als Abo-Auflage. Vor einem Jahr waren es noch 15.366.

Wenn wir die Zahlen mit denen von vor fünf Jahren vergleichen, wird der Niedergang richtig plastisch: Im dritten Quartal 2021 nannte die Statistik noch 21.739 Abonnenten. Das einst verlässliche Stammpublikum bröckelt also nicht mehr nur – das Fundament sackt mit einem Minus von knapp 34 Prozent in fünf Jahren regelrecht weg. Schaut man zehn Jahre zurück (damals waren es noch 28.849 Abos), hat sich die gedruckte Auflage bis heute glattweg halbiert.

Kreisblatt
Zum Vergrößern anklicken: Diese Grafik veranschaulicht die Entwicklung der MTK-Lokalzeitungen Kreisblatt, Frankfurter Rundschau und FAZ/Rhein-Main in den letzten zehn Jahren.

Noch steiler zeigt die Kurve beim Einzelverkauf nach unten. Wer greift beim Bäcker oder am Kiosk überhaupt noch zu einer Zeitung? 2025 waren es im Schnitt immerhin noch 947 Exemplare am Tag – jetzt sind es nur noch 871, ein Minus von 8 Prozent.. Im dritten Quartal 2021 gingen täglich sogar noch 1.380 Zeitungen über den Tresen – der Verlust in fünf Jahren liegt damit bei knapp 37 Prozent .

Vor zehn Jahren lag die Kiosk-Auflage der drei Zeitungen bei 2.151 Exemplaren – das bedeutet bis heute ein saftiges Minus von 60 Prozent.

Tragödie im Kleinen: Auch beim „Blättchen“ bröckelt die Basis

Blicken wir auf die Hofheimer Zeitung, das „Bläddche“, wie es die älteren Semester liebevoll nennen. Längst ist die Postille zum billigen Zweitverwerter degradiert: Regelmäßig werden Artikel des Kreisblatts unverändert übernommen sowie Pressemitteilungen und Vereinsberichte nahezu eins zu eins durchgewunken.

Gleichzeitig dient das Blatt der Stadt als amtliches Mitteilungsblatt. Die Rathausspitze zahlt für die Behördenanzeigen und liefert dazu noch über ihre Pressestelle – also auf Steuerzahlers Kosten – fertige Texte samt Fotos frei Haus. Inhalte wohlgemerkt, die im Internet für jeden Bürger kostenlos abrufbar sind. Der Verlag übernimmt diese Berichte – und verkauft sie weiter an die Leser.  

Offenbar durchschauen die Leser das Spiel: Bei der Hofheimer Zeitung ist die Zahl der Abonnenten erstmals unter die magische Marke von 1.000 gerutscht. Aktuell stehen gerade noch 998 Abos zu Buche – und selbst von diesen wurden 86 stark rabattiert, mit bis zu 50 Prozent. Vor einem Jahr gab es immerhin noch 1.108 Abonnenten (ein Jahres-Minus von 9,9 Prozent).

Beim Einzelverkauf ging es im selben Zeitraum von 200 auf nur noch 170 Exemplare runter – das ist ein strammer Einbruch von 15 Prozent in nur zwölf Monaten.

Alle hier genannten Daten sind übrigens durch die IVW belegt – das ist eine unabhängige Prüfinstanz, deren Berichte gewöhnlich nur in Branchenkreisen gelesen werden. Im Hofheimer Lokalteil sucht man sie vergeblich. Ausgerechnet ein Berufsstand, der berufsbedingt Transparenz und Zahlenfestigkeit von anderen einfordert, hüllt sich beim eigenen Niedergang in schamhaftes Schweigen. Dabei lassen sich die harten Fakten längst nicht mehr schönrechnen: Das gedruckte Lokalblatt schrumpft unaufhaltsam.

TR

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