„Sie sollten sich schämen“: Wenn die Seniorenchefin im Stadtparlament Tacheles redet
Es gibt Reden im Hofheimer Stadtparlament, die klingen wie sanftes Geplänkel. Und es gibt Reden, die einschlagen wie ein nasser Handschuh im Gesicht der lokalen Politik. Was Ingrid Schulz, die hochengagierte Vorsitzende des Seniorenbeirats, da am Mittwochabend am Stehpult der Stadtverordnetenversammlung ablieferte, war keine normale Wortmeldung mehr. Es war eine Abrechnung. Eine kompromisslose, schmerzhafte Abrechnung mit dem Versagen der Politik in Sachen Gesundheit, wie sie deutlicher und bitterer kaum ausfallen konnte.
Die Fakten sind schmerzhaft, aber sattsam bekannt: Erst verlor Hofheim die Notaufnahme im Krankenhaus. Und nun hat die Kassenärztliche Vereinigung auch noch den Ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) gestrichen. Die Mitteilung flatterte im Juli ins Haus, letztes Wochenende war endgültig Schluss. Wer jetzt nachts oder am Wochenende Schmerzen hat, darf sich ins Auto setzen und nach Bad Soden oder Frankfurt-Höchst fahren. Die Berichte über dortige Wartezeiten klingen längst nach medizinischem Notstand, nach Endstation statt Hilfe.
Und die Politik? Die tat, was sie in Hofheim so oft tut, wenn es brenzlig wird: Sie redete, stritt, vertagte – und kam zu spät.
Mitte August stand ein Antrag mehrerer Fraktionen erstmals zur Abstimmung [hier]. Es klang markig, man wollte bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) „kritisch nachhaken“. Und dann wurde der Antrag vertagt. Jetzt, wo der ÄBD längst dicht ist, lag er wieder auf dem Tisch. Ein Akt der politischen Totgeburt.
Aaron Kowacs von der SPD versuchte zwar, das Vorgehen mit Detailfragen zu retten – wie denn die Mobilität garantiert werde, wie die Zusammenarbeit mit den Ärzten laufe. Doch der Vorwurf der Alibi-Veranstaltung hing bleiern im Raum.
Noch deutlicher wurde Andreas Nickel (FWG), der den Antrag nicht mitunterzeichnet hatte. Er vermisse jegliches ehrliche Engagement: „Wenn man was erreichen will, muss man mobilisieren. Einen toten Gaul zu reiten macht keinen Sinn.“ Da helfe es auch wenig, wenn man sich den Frust von der Seele rede und feststelle, dass die Kreispolitik auf Distanz geht.
Ingrid Schulz hielt den Damen und Herren im Stadtparlament den Spiegel vor, ohne zu zucken. Man habe versucht zu kämpfen, sagte sie, aber: „Wir wurden einfach im Regen stehen gelassen“, klagte sie. Von den Hofheimer Stadtverordneten seien „nur wenige bereit gewesen, überhaupt mit uns zu reden“. Wer heute in den Protokollen blättere, finde meist nur ihren Namen – sie sei jedoch nie allein gewesen, hinter ihr habe eine schlagkräftige Widerstandsgruppe aus Senioren- und Inklusionsbeirat gestanden, während der Rest der Kommunalpolitik tatenlos zusah. Unterstützung aus dem Kreishaus? Fehlanzeige. Von dort habe es im Grunde „nur heiße Sprüche“ gegeben. Lediglich die Linken nahm Schulz ausdrücklich von ihrer Kritik aus – die hätten die Situation richtig beurteilt, doch am Ende „wurden alle Anträge mit guten Ideen abgelehnt“.
Besonders bitter: Die Räume waren da, die Ärzte wären bereit gewesen. Doch man berufe sich lieber auf Gesetze, die vielleicht nie kommen, während die KV Hessen mit Zockereien Millionenbeträge in den Sand setzte und das Gesundheitssystem bundesweit an die Wand gefahren wird.
Am Ende blieb Schulz nur die bittere Ironie und ein fast schon prophetischer Wunsch für die anwesenden Mandatsträger. Sie sprach von dem klassischen ÄBD für jene, die zwar krank sind, aber nicht sofort ins Grab sinken: „Deshalb wünsche ich aus tiefstem Herzen mehreren der hier anwesenden Damen und Herren, dass sie an einem Wochenende krank werden, einen Arzt benötigen und dann nach Bad Soden oder Höchst in die Notaufnahme fahren müssen. Sie werden an mich denken.“
Stille im Saal. Kein Widerspruch. Denn tief drinnen wusste jeder: Sie hatte recht.
TR


