Das wird teuer: Bürgermeister lässt Führungskräfte als Statisten antreten
Der neue Bürgermeister von Hofheim setzt ein Zeichen – und zwar ein ziemlich teures. Willi Schultze ordnete an, dass künftig sämtliche Fachbereichsleiter bei jeder Sitzung des Stadtparlaments antreten müssen. Vollzählig. Vom Anfang bis zum Ende. Egal, ob ihr Fachgebiet überhaupt vorkommt – oder ob sie den Abend als hochbezahlte Statisten verbringen. Was offiziell als bessere Abstimmung verkauft wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als kostspielige Pflichtveranstaltung – mit Zusatzkosten von mehreren zehntausend Euro für gut bezahlte Präsenz ohne erkennbaren Mehrwert. Die Hintergründe der Anordnung legen ein Führungsverständnis offen, das im krassen Gegensatz zur prekären Finanzlage der Stadt steht.
Bisher reichte ein kleiner Kreis: Drei bis fünf Fachleute aus dem Rathaus begleiteten die Sitzungen des Stadtparlaments, ihre Namen sind im Protokoll vermerkt. Wer jedoch kürzlich die konstituierende Sitzung der Hofheimer Stadtverordneten verfolgte, sah ein bizarres Bild: 18 Mitarbeiter des Rathauses – dazu die Verwaltungsspitze plus ein Schriftführer – saßen vier Stunden lang in Reih und Glied.
Sie sagten keinen Mucks.
Es war eine beeindruckende Demonstration von Personalstärke, ihr Nutzwert für den Steuerzahler aber blieb im Dunkeln.
Wer den stummen Aufmarsch in harte Zahlen übersetzt, erschrickt über die Sorglosigkeit, mit der hier Ressourcen verplant werden:
18 Führungskräfte mal vier Stunden – das macht 72 Arbeitsstunden an einem einzigen Abend. Legt man einen kalkulatorischen Stundensatz von 75 Euro zugrunde, was für die Leitungsebene im öffentlichen Dienst eher defensiv gerechnet ist, kostet jede Sitzung die Stadt künftig 5.400 Euro.
Bei den üblichen sechs Sitzungen im Jahr fließen so über 30.000 Euro allein in die reine Anwesenheit.
Es ist das teuerste Zuhören in der Geschichte der Kreisstadt.
Die unsichtbare Hypothek: Wenn das Rathaus führungslos wird
Doch die fiskalische Rechnung ist nur die eine Seite der Medaille. Ein weiteres Problem liegt in der versteckten Hypothek, die diese Regelung dem Rathausbetrieb aufbürdet. Da die Teilnahme an den oft bis spät in den Abend dauernden Sitzungen als Dienstzeit gewertet wird, müssen diese Stunden zeitnah kompensiert werden.
Das bedeutet im Klartext: In den Tagen nach einer Parlamentssitzung ist die Führungsebene des Rathauses faktisch ausgedünnt. Wenn die Fachbereichsleiter Überstunden „abfeiern“, bleiben ihre Schreibtische verwaist – Projekte geraten ins Stocken, wichtige Abstimmungen verzögern sich, und die Bürger warten länger auf Bescheide.
Der Preis für die Präsenz im Sitzungssaal ist die Abwesenheit im Arbeitsalltag. Die Kosten entstehen doppelt: erst als teure Sitzungszeit und später als verlorene Schaffenskraft im Rathaus.
Das Ganze erfolgt auf Anweisung des jungen Bürgermeisters Willi Schultze. Seine Begründung ist in ihrer administrativen Verdichtung bemerkenswert: Man wolle politische Intentionen „unmittelbarer verstehen“ und „Missverständnisse vermeiden“, so die offizielle Lesart des Rathauses auf Nachfrage. Der regelmäßige und verpflichtende Vollzug der Sitzungspräsenz solle dazu beitragen, „potentielle politische Konflikte noch besser/früher erkennen und antizipieren zu können“ sowie „eine konsistentere Arbeit zwischen Politik und Verwaltung“ zu gewährleisten.
Diese Argumentation lässt aufhorchen: Hat die Kommunikation zwischen dem Parlament und den Fachabteilungen des Rathauses bisher so kläglich versagt?
Hier wird die Personalie Schultze interessant. Bevor er im September letzten Jahres Bürgermeister wurde, führte er fünf Jahre lang die BfH-Fraktion im Stadtparlament. Damals war von ihm nie zu hören, dass die Verwaltung Vorlagen nicht verstünde oder Beschlüsse schlecht umsetzte. Im Gegenteil: Das System der bedarfsorientierten Hinzuziehung von Experten funktionierte geräuschlos.
Dass jetzt ausgerechnet Schultze auf kollektive Präsenzpflicht setzt, lässt tief blicken. Es wirkt weniger wie der Wunsch nach besserer Zusammenarbeit, sondern eher wie ein Verständnis von Führung, das Kontrolle durch körperliche Anwesenheit definiert. Es ist ein Modell, das Schultze offenbar aus seiner Zeit in der Hattersheimer Stadtverwaltung importiert hat:
Dort herrscht ein Führungsstil, der weit über die Stadtgrenzen hinaus für Schlagzeilen sorgt. Hattersheims Bürgermeister, dessen Umgang mit Personal immer wieder öffentlich in der Kritik steht, gilt als stiller Berater und Mentor des Hofheimer Rathauschefs.
In der Kreisstadt scheint man nun zu testen, ob sich dieses System der strammen Hierarchie und der demonstrativen Präsenz auch auf die hiesige Verwaltung übertragen lässt – koste es, was es wolle.
Der Bürgermeister & das Märchen vom Effizienzgewinn
In der Chefetage des Hofheimer Rathauses spricht man auch von „Effizienzgewinnen“, die durch die verpflichtende Teilnahme der Führungskräfte entstehen sollen. Es ist ein klassisches Beispiel für politisches Wording: Man gibt Geld aus und behauptet, es sei eine Investition in die Ersparnis. Doch während die Kosten von über 5.000 Euro pro Abend real, messbar und garantiert sind, bleiben die Einsparungen ein theoretisches Konstrukt.
In der freien Wirtschaft würde eine solche Maßnahme ohne belastbare Kosten-Nutzen-Analyse den ersten Quartalsbericht nicht überleben.
In Hofheim hingegen, wo die Stadtkasse „ratzeputz“ leer ist und die Bürger über steigende Grundsteuern klagen, scheint man sich diesen Luxus gönnen zu wollen. Antworten auf die Frage, ob der zusätzliche Arbeitsaufwand durch die verpflichtende Teilnahme der Fachbereichsleitungen an den Parlamentssitzungen zuvor durchgerechnet oder der erhoffte Effizienzgewinn belastbar ermittelt wurde, werden verweigert. Es passt ins Bild eines Bürgermeisters, der sich bereits früh eine persönliche Referentin leistete, während er den Rest der Stadt zum Sparen aufrief.
Natürlich ist es sinnvoll, wenn Fachleute bei komplexen Vorlagen Rede und Antwort stehen. Aber zwischen gezielter Anwesenheit bei relevanten Tagesordnungspunkten und einer pauschalen Dauerpräsenz bei jeder Sitzung liegt ein erheblicher Unterschied – organisatorisch, aber auch vom Selbstverständnis her. Denn aus einer flexiblen Unterstützung wird so ein starrer Pflichttermin, unabhängig davon, ob der eigene Fachbereich überhaupt betroffen ist oder nicht.
Genau hier stellt sich dann zwangsläufig auch die Frage, welches Verständnis von Führung dahintersteht: koordinierend und bedarfsorientiert – oder eher durchgängig präsent und damit auch kontrollierend. Nähe zur Politik ist zwar gewollt, wird aber nicht punktuell und zweckgebunden hergestellt, sondern als starre Pflichtübung nach festem Schema durchgezogen.
Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: In Hofheim wird Präsenz als Steuerung missverstanden. Und während die Fachbereichsleiter im Stadtparlament die Zeit totschlagen, zahlen die Bürger die Zeche – sowohl mit ihren Steuern als auch mit der Zeit, die sie länger auf eine funktionierende Verwaltung warten müssen.
Sparen, so scheint es, ist in Hofheim eine Tugend, die man vor allem von anderen erwartet.
HN/TR


