37 Jahre im Stadtparlament: Standing Ovations für Barbara Grassel
Über Zahlen lässt sich streiten – außer bei Barbara Grassel. „Mehr als 35 Jahre“, begann Stadtverordnetenvorsteher Andreas Hegeler zu Beginn der letzten Sitzung, „gehört sie dem Hofheimer Stadtparlament an“ – jetzt höre sie auf.
Kurz vor Schluss der Sitzung meldete sich Grassel noch einmal selbst zu Wort – und korrigierte den Vorsitzenden mit der ihr eigenen Genauigkeit: „Seit fast 37 Jahren sitze ich im Parlament“ – drei Wochen fehlten noch, dann seien es tatsächlich 37 Jahre.
Mit minutenlangen Standing Ovations verabschiedete sich das Parlament von der Fraktionsvorsitzenden der Linken. Nicht alle teilten ihre politischen Positionen – und der eine oder andere hatte sich von ihrem hartnäckigen Festhalten an Überzeugungen auch manchmal schwer genervt gezeigt. Doch der lange Applaus zeigte: Der Respekt für ihre Arbeit überwog. Und ebenso die Anerkennung für ihr jahrzehntelanges Engagement.
Präzision bis zur Pingeligkeit zeichnet die Juristin aus. Das sorgfältige Lesen jedes Textes – und sei er noch so trocken oder bürokratisch formuliert – gehört zu ihren Markenzeichen. Wegen ihrer langen Erfahrung und ihres enormen Aktenstudiums galt sie vielen als eine der bestinformierten Stadtverordneten im Hofheimer Parlament.
Vier Bürgermeister und eine Bürgermeisterin hat sie in diesen 37 Jahren erlebt. Verschiedene politische Mehrheiten kamen und gingen. In früheren Zeiten standen sich oft zwei feste Lager gegenüber, erinnerte sie sich – dazwischen eine hohe politische Mauer. „Die wechselnden Mehrheiten zuletzt gefielen mir am besten“, sagte Grassel. „Das tat der Diskussionskultur gut.“
Und dann noch ein seltener Moment: Grassel wurde persönlich, wirkte beinahe sentimental. „Ich werde dieses Jahr 70″, sagte sie, „das ist ein Grund, in den Ruhestand zu gehen.“ Sie bedanke sich bei allen Weggefährten. Es sei nicht immer leicht gewesen für manche, sagte sie – und fügte mit einem trockenen Lächeln hinzu: „Für mich auch nicht.“
Eine Zahl hatte Hegeler dann übrigens doch ganz korrekt genannt: In dieser Legislaturperiode hat Barbara Grassel von 41 Sitzungen des Stadtparlaments keine einzige verpasst. Das schafften außer ihr nur noch Nadja Paulus (Grüne), Tanja Lindenthal (BfH) sowie die SPD-Stadtverordneten Rolf Engelhard und Alexander Tulatz.
Für Grassel, die bei der Kommunalwahl am Sonntag nicht mehr für das Stadtparlament antritt – sie kandidiert nur noch für den Ortsbeirat Lorsbach –, endet damit eine außergewöhnlich lange parlamentarische Laufbahn.
Und das Hofheimer Stadtparlament schließt sich eine kleine Ära.
Unser Bild oben entstand nach der Parlamentssitzung: Anita Vogt, Stadtverordnete der Linken, bedankt sich bei ihrer Fraktionsvorsitzenden Barbara Grassel für die Zusammenarbeit.

