Exklusiv-Interview – Jetzt spricht der Wallau-Investor: „Hofheim ist nicht konkurrenzfähig“

Exklusiv-Interview – Jetzt spricht der Wallau-Investor: „Hofheim ist nicht konkurrenzfähig“

Das Gewerbegebiet Wallau Ost III ist neben der leeren Stadtkasse und den drohenden Steuererhöhungen eines der brisantesten Themen in der Hofheimer Stadtpolitik. Dem Frankfurter Projektentwickler Lang & Cie. ist es gelungen, alle Grundstücke in dem Gewerbegebiet zu erwerben. Auf 60.000 Quadratmetern plant das Unternehmen den Bau von zwei riesigen Hallen.

Wenig überraschend regt sich Widerstand: Landwirte und Naturschützer protestieren, während die Stadtkasse dringend Einnahmen benötigt. Peter Kunz, Vorstand bei Lang & Cie. und Entwickler des Projekts, äußert sich jetzt erstmals ausführlich in einem Interview zu seinen Plänen – und auch zu den Hürden, auf die er in Hofheim gestoßen ist. In ungewohnt deutlichen Worten kritisiert er die Arbeit im Rathaus: Unternehmen würden dort nicht angemessen behandelt – so etwas habe er bisher noch nicht erlebt. Hofheim sei aus seiner Sicht nicht konkurrenzfähig.

HOFHEIM-NEWS: Lang & Cie. plant in Wallau zwei „Gigahallen“ mit insgesamt 60.000 Quadratmetern Fläche: Das ist eine Größenordnung, die es in Hofheim bislang nicht gibt. Was genau soll dort entstehen – für welche Art von Unternehmen sind solche Hallen gedacht?

PETER KUNZ: Zunächst einmal: Wir planen zwei Hallen – genauer gesagt: wir möchten sie bauen. Geplant ist eine Halle mit vier Mieteinheiten und eine mit zwei Mieteinheiten. Eine Mieteinheit umfasst jeweils rund 10.000 Quadratmeter und kann von einem Unternehmen genutzt werden. Insgesamt könnten also bis zu sechs Firmen am Standort unterkommen.

Von „Gigahallen“ zu sprechen, trifft es aus unserer Sicht nicht. Ebenso wenig handelt es sich um Hallen für einen klassischen Hochfrequenz-Logistikbetrieb. Solche Nutzungen benötigen deutlich größere Gebäude – häufig mit 100.000 Quadratmetern am Stück und anderen baulichen Anforderungen.

Wir planen vielmehr eine kleinere und eine mittelgroße Halle, die flexibel nutzbar sind. Unser Konzept ist ein Multi-Business-Hub: Die Flächen eignen sich für Büro, Produktion und sogenannte Mehrwert-Logistik.

Wie sind Sie überhaupt auf den Standort Wallau gekommen? Von städtischer Seite war lange zu hören, die Eigentümer seien nicht verkaufsbereit.

PETER KUNZ: Aus unserer Sicht begann alles mit einem Blick in den Flächennutzungsplan. Dort ist für das Areal klar ein Gewerbegebiet vorgesehen. Gleichzeitig hörten wir, dass andere Interessenten sich bereits an dem Standort versucht hatten, aber nicht weiterkamen.

Wir haben deshalb direkt bei der Stadt – beim Bürgermeister und dem Ersten Beigeordneten – nachgefragt. Die Rückmeldung war eindeutig: Ja, das Gewerbegebiet soll entwickelt werden.

Das war für uns die Grundlage, einzusteigen. Einfach war es allerdings nicht. Wir mussten mit 21 unterschiedlichen Eigentümern verhandeln – ein Prozess, der sich über rund anderthalb Jahre hingezogen hat. Am Ende konnten wir im Juni 2025 mit allen 21 Parteien zum Notar gehen. Die Beurkundung allein dauerte drei Tage.

Peter Kunz – ein Leben zwischen Büro und Bühne

Zum ersten Mal gibt er ein ausführliches Interview zu Wallau Ost III: Peter Kunz, der das neue Gewerbegebiet in Hofheim vorantreibt. Der 54-Jährige ist Vorstand beim Frankfurter Projektentwickler Lang & Cie und lebt mit seiner Familie in Hofheim.

Peter Kunz Buch
Titel des Buches von Peter Kunz.

Wir trafen ihn in seinem Büro im 29. Stock des 155 Meter hohen Marienturms an der Taunusanlage in Frankfurt. Die FAZ schrieb einst: „Was viele nicht wissen: Er ist auch Comedian.“ Heute ist das längst kein Geheimnis mehr: Kunz, der bereits Gerhard Schröder im Wahlkampf als Moderator unterstützte und auch als Stadionsprecher in Darmstadt tätig war, ist mittlerweile ein erfolgreicher Stand-up-Comedian. Mit seiner Show „Hesskalation“ tourt er regelmäßig durch Deutschland – die Show ist oft Wochen vorher ausverkauft.

Sein Leben zwischen Vorstandsetage und Comedybühne hat Kunz jetzt auch in einem Buch festgehalten: „Gude, Ihr Labbe! Humor ist Chefsache“. Es erscheint im Juli dieses Jahres.

Und danach sind Sie mit Ihren Plänen wieder ins Rathaus gegangen?

PETER KUNZ: Genau. Nachdem wir die Eigentümer überzeugt hatten, sind wir auf die Stadt zugegangen und haben unsere Pläne vorgestellt. Die Gespräche mit den Eigentümern waren intensiv – am Ende ging es natürlich auch um den Preis. Aber entscheidend war, dass sie unser Konzept nachvollziehen konnten und Vertrauen gefasst haben. Für uns als Unternehmen war es ein wichtiger Erfolg, dieses komplexe Verfahren zu einem Abschluss zu bringen.

Auch im Rathaus war das Interesse groß.Der Bürgermeister und der Erste Stadtrat haben sich sofort mit uns für ein Pressefoto aufgestellt.

Wir verstehen Wallau Ost III als Chance – für uns, aber auch für die Stadt. In Hofheim ist seit Jahrzehnten kein neues Gewerbegebiet mehr entwickelt worden. Jetzt liegt eine konkrete Option auf dem Tisch. Am Ende ist es eine politische Entscheidung: Will die Stadt gezielt neue Gewerbeansiedlungen ermöglichen, dann bietet sich hier eine Gelegenheit. Wenn die Mehrheit sagt, der Bestand reicht aus, dann ist das ebenfalls eine klare Aussage.

Für uns gehört beides zum unternehmerischen Risiko.

Kritiker sprechen von der Versiegelung wertvoller Ackerflächen und warnen vor zusätzlichem Lkw-Verkehr und mehr Lärm. Was entgegnen Sie diesen Bedenken?

PETER KUNZ: Zunächst einmal: Wir bewegen uns hier mitten im Rhein-Main-Gebiet, in unmittelbarer Nähe zum Wiesbadener Kreuz – einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Deutschlands – und direkt an einer ICE-Strecke. Zudem handelt es sich um ein im Flächennutzungsplan ausgewiesenes Gewerbegebiet.

Natürlich stimmt es: Gewerbeflächen entstehen oft dort, wo bislang landwirtschaftliche Nutzung stattfindet. Am Ende ist das eine Abwägungsfrage – und die muss politisch und gesellschaftlich entschieden werden. Maßgeblich ist der Bürgerwille.

Was Verkehr und Lärm betrifft, wollen wir die Diskussion offen führen. Wie viel zusätzliche Belastung ist vertretbar? Welche Maßnahmen können ergriffen werden, um Auswirkungen zu begrenzen? Darüber sprechen wir mit allen Parteien. Unterschiedliche Standpunkte gehören dazu. Unser Ansatz ist klar: konstruktiv ausloten, wo es gemeinsame Lösungen geben kann.

Können Sie die Sorgen nachvollziehen?

PETER KUNZ: Ja, selbstverständlich. Solche Projekte und Veränderungen lösen immer Fragen und auch Sorgen aus – das ist völlig legitim. Entscheidend ist für uns, dass wir im Gespräch bleiben. Wenn man miteinander redet, lassen sich Antworten finden und Lösungen entwickeln.

Uns geht es um einen konstruktiven Dialog. Man muss mit uns sprechen – dann können wir auch reagieren, erklären und gegebenenfalls nachsteuern. Mit uns kann man über alles reden. Wichtig ist nur, dass dieser Austausch stattfindet.

Es haben sich bereits mehr als ein Dutzend Unternehmen bei uns gemeldet, die grundsätzlich Interesse am Standort Wallau haben. Etwa die Hälfte davon haben wir jedoch selbst aussortiert, weil ihr Profil aus unserer Sicht nicht zu Hofheim passt – und wir überzeugt sind, dass es auch politisch hier keine Mehrheit dafür gäbe.

Wir schauen sehr genau hin, wer sich dort ansiedelt. Das ist uns grundsätzlich wichtig – und in diesem Fall ganz besonders. Ich lebe selbst in Hofheim. Wenn ich heute etwas verspreche und in zwei Jahren passiert etwas völlig anderes, wäre das nicht akzeptabel. Deshalb stehe ich auch persönlich dafür ein, was wir hier vor Ort entwickeln wollen.

Wallau
Die geplante Halle in Wallau auf einer Visualisierung des Projektentwicklers Lang & Cie. Klicken Sie auf das Bild: Dann können Sie alle Details gut erkennen.

Lässt sich schon absehen, welchen finanziellen Nutzen das Gewerbegebiet für die Stadt haben könnte?

PETER KUNZ: Ja, das lässt sich ziemlich konkret beziffern. Wir haben bereits einen potenziellen Hauptmieter für die Hallen: eine Tochtergesellschaft des Medien- und Dienstleistungskonzerns Bertelsmann aus Gütersloh. Bertelsmann ist ein sehr seriöser Steuerzahler – das passt gut. Diese Tochtergesellschaft wäre ein idealer Nutzer: Sie verursacht nur wenig Verkehr, weniger als 100 Schwerlastfahrzeuge pro Tag.

Nach ihren Berechnungen würde allein dieser Mieter aktuell rund 800.000 Euro Gewerbesteuer pro Jahr generieren – und die Stadt will die Gewerbesteuer künftig erhöhen. Hinzu kämen etwa 500.000 Euro Grundsteuer B pro Jahr.

Darüber hinaus verfügt die Stadt im geplanten Gewerbegebiet über einige Grundstücke, die über eine kleine Stichstraße erschlossen werden könnten. Diese Flächen sollen kleineren Gewerbebetrieben zur Verfügung stehen. Wenn die Stadt diese Entwicklung und Vermarktung nicht selbst übernimmt, könnten wir das tun.

Die Erlöse für die Stadt insgesamt würden voraussichtlich bei rund 5,5 Millionen Euro liegen.

Wallau Ost III: Rathaus lässt Manager wochenlang warten

Wo genau liegt der Knackpunkt? Von außen wirkt es, als komme das Projekt nur schleppend voran. Wie sehen Sie das?

PETER KUNZ: Es ist tatsächlich schwierig – manchmal sogar sehr schwierig – und teilweise für uns nur schwer nachzuvollziehen.

Hofheim steht im Wettbewerb mit allen Kommunen im Rhein-Main-Gebiet. Um Unternehmen erfolgreich anzusiedeln, ist ein hochprofessionelles Vorgehen nötig – da ist Hofheim im Vergleich eher schwach aufgestellt.

Ein Beispiel: Wenn ein Unternehmen einen Termin im Hofheimer Rathaus vereinbaren möchte, kann das mehrere Wochen dauern. Für die Wettbewerbsfähigkeit ist das ein Problem. Die Bertelsmann-Tochter verhandelt parallel inzwischen auch mit anderen Kommunen. Wallau wäre für sie erste Wahl, aber die Stadt macht es dem Unternehmen nicht leicht. Wir selbst hatten nach mehreren Wochen Vorlauf erst kurz vor Weihnachten einen Termin – danach kam faktisch keine Kommunikation mehr. Für ein Unternehmen dieser Größe wirkt das befremdlich.

Üblicherweise wirbt eine Kommune aktiv um solche Unternehmen. Ob am Ende das Parlament zustimmt oder nicht, ist zunächst zweitrangig. Die Bertelsmann-Manager hatten im Rathaus gebeten, bis Ende Februar ein klares Signal zu erhalten – konkret einen Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan. In anderen Städten würden dafür Sondersitzungen einberufen. Hier hieß es lediglich, man „höre kurzfristig von uns“ – das war Mitte Dezember. Seitdem ist nichts mehr passiert.

Diese Luftaufnahme aus dem Geoportal Hessen zeigt den Ort Wallau (links) und das Gewerbegebiet Wallau-Ost. Rot umrandet: Auf dieser Fläche soll das neue Gewerbegebiet mit der Giga-Halle entstehen.
Diese Luftaufnahme aus dem Geoportal Hessen zeigt den Ort Wallau (links) und das Gewerbegebiet Wallau-Ost. Rot umrandet: Auf dieser Fläche soll das neue Gewerbegebiet mit der Giga-Halle entstehen.

Was müsste sich ändern, damit solche Projekte schneller vorankommen?

PETER KUNZ: Ungewöhnlich ist, dass Unternehmen oft selbst bei der Kommune nachhaken müssen, um zu erfahren, ob sie willkommen sind oder nicht.

Die Stadtverwaltung spricht zwar davon, Gewerbeflächen für lokale Unternehmen zu schaffen – das ist wichtig. Gleichzeitig darf man aber nicht nur innerhalb der Stadtgrenzen denken: Auch Unternehmen aus umliegenden Kommunen, die wachsen oder sich verändern wollen, könnten nach Hofheim kommen. Wenn die Rahmenbedingungen hier nicht stimmen, gehen sie stattdessen eben in andere Städte.

Das klingt nicht gerade gut für eine Kreisstadt…

PETER KUNZ: Leider ist das so. Hofheim ist aktuell schlicht nicht konkurrenzfähig, wenn es um Ansiedlungspolitik und Wirtschaftsförderung geht. Unternehmen sind anderes gewohnt: In anderen Städten wird aktiv geworben, und lange Reaktionszeiten seitens der Verwaltung werden dort nicht akzeptiert.

Beispiel: In manchen Kommunen trifft sich der Bürgermeister bei Bedarf schon mal morgens um sechs Uhr mit Firmenvertretern. Hier kommt der Europachef eines internationalen Konzerns nach Hofheim – und danach hört er praktisch nichts mehr. So funktioniert erfolgreiche Ansiedlung nicht.

Und wie geht es nun weiter?

PETER KUNZ: Wir hoffen, dass die Stadt zeitnah eine Entscheidung trifft – nicht erst nach den Wahlen und der konstituierenden Sitzung der Stadtverordnetenversammlung, was dann erst Mitte des Jahres wäre. Bis dahin keine Klarheit? Das wäre aus unserer Sicht nicht akzeptabel.

Parallel arbeiten wir an anderen Projekten, teils ganz in der Nähe von Hofheim. Dort stehen wir in täglichem und wöchentlichem Kontakt mit dem Bürgermeister – da geht es deutlich zügiger voran.

Uns geht es vor allem um einen konstruktiven Dialog. Unterschiedliche Standpunkte respektieren wir selbstverständlich. Am Ende muss die Stadt entscheiden, ob sie das Projekt will oder nicht.

HN/TR

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