Gesund mit Felix (21): Spazierengehen – die Kraft der einfachen Bewegung
Die Gesundheitskolumne von Osteopath Felix Kammerlander (Folge 21)
Wenn es um Gesundheit geht, denken viele sofort an Sportprogramme, Fitnessstudios oder schweißtreibende Workouts. Spazierengehen wirkt dagegen fast banal. Zu langsam, zu wenig anstrengend, zu unspektakulär. Und doch gehört es zu den wirkungsvollsten Bewegungsformen überhaupt. Regelmäßiges Gehen kann Körper und Nervensystem nachhaltig unterstützen – ganz ohne Leistungsdruck und ohne Überforderung. Manchmal liegt das Beste tatsächlich direkt vor der Haustür.
Bewegung im natürlichen Rhythmus
Gehen ist die ursprünglichste Fortbewegungsform des Menschen. Unser Körper ist biomechanisch genau dafür gebaut. Beim Gehen arbeiten:
- Beine und Hüften rhythmisch zusammen
- Arme pendeln automatisch mit
- die Wirbelsäule rotiert sanft
- das Becken schwingt mit
- die Atmung passt sich an
Diese rhythmische, symmetrische Bewegung wirkt regulierend auf den gesamten Organismus. Sie ist weder statisch noch überfordernd – sondern genau im richtigen Maß.
Beruhigung des Nervensystems
Einer der größten Vorteile des Spazierengehens liegt im Einfluss auf das Nervensystem. Das gleichmäßige Tempo, die wiederkehrenden Bewegungen und die moderate Belastung aktivieren den parasympathischen Anteil – also den Bereich, der für Entspannung und Regeneration zuständig ist. Viele Menschen berichten, dass sie beim Gehen:
- innerlich ruhiger werden
- klarer denken können
- weniger Druck empfinden
- gedankliche Schleifen unterbrechen
Das liegt daran, dass rhythmische Bewegung Stresshormone reduziert und gleichzeitig beruhigende Prozesse unterstützt.
Atmung kommt „von selbst“ zurück
Im Alltag – besonders bei Schreibtischarbeit – wird die Atmung häufig flach. Beim Gehen verändert sich das automatisch. Der Körper beginnt tiefer und freier zu atmen, ohne dass du bewusst eingreifen musst.
Die Bauchatmung wird aktiviert, das Zwerchfell bewegt sich stärker, die Sauerstoffversorgung verbessert sich.
Eine ruhige, gleichmäßige Atmung sendet wiederum Sicherheitssignale an das Nervensystem – ein positiver Kreislauf entsteht.
Schonendes Herz-Kreislauf-Training
Spazierengehen ist ein sanftes, aber effektives Herz-Kreislauf-Training. Es erhöht die Herzfrequenz moderat, ohne sie stark zu belasten. Das macht es besonders geeignet für:
- Menschen mit geringer Trainingsroutine
- Wiedereinsteiger
- stressbelastete Personen
- ältere Menschen
Regelmäßiges Gehen unterstützt die Durchblutung, fördert die Gefäßgesundheit und verbessert die allgemeine Belastbarkeit – ohne den Körper zu überfordern.
Gelenkschonend und trotzdem aktivierend
Im Gegensatz zu vielen Sportarten ist Gehen sehr gelenkschonend. Die Belastung verteilt sich gleichmäßig, die Stoßkräfte bleiben moderat, und die Muskulatur wird rhythmisch aktiviert. Besonders für Rücken, Hüfte und Knie ist das ideal:
- Bewegung statt Stillstand
- Aktivierung statt Überlastung
- Mobilisation ohne Zwang
Gerade bei unspezifischen Beschwerden ist Spazierengehen oft hilfreicher als komplette Schonung.
Kopf freikriegen – mentaler Ausgleich
Bewegung im Freien wirkt anders als Bewegung in geschlossenen Räumen. Der Blick in die Ferne entspannt die Augen und reduziert visuelle Dauerfixierung. Gedanken kommen in Fluss, Probleme erscheinen oft lösbarer.
Viele gute Ideen entstehen nicht am Schreibtisch, sondern beim Gehen. Das ist kein Zufall: Rhythmische Bewegung fördert Kreativität und kognitive Flexibilität.
Sozialisierung und Beziehungspflege
Spazierengehen ist eine der einfachsten Möglichkeiten, soziale Kontakte zu pflegen. Gespräche beim Gehen verlaufen oft natürlicher als im Sitzen. Die gemeinsame Bewegung schafft Verbindung, ohne Druck aufzubauen.
Ob mit Partner, Freund, Familie oder Hund – soziale Interaktion wirkt stabilisierend auf das Nervensystem und fördert emotionale Gesundheit.
Frische Luft und Sonnenlicht
Zeit im Freien bedeutet:
- bessere Sauerstoffzufuhr
- natürliche Lichtreize
- Förderung des Tag-Nacht-Rhythmus
Sonnenlicht unterstützt die körpereigene Vitamin-D-Produktion – ein wichtiger Faktor für Knochenstoffwechsel und Immunsystem. Schon 20–30 Minuten täglich können einen spürbaren Unterschied machen.
Weitere positive Effekte
Regelmäßiges Gehen kann außerdem:
- den Blutzuckerspiegel regulieren
- Verdauung unterstützen
- Schlafqualität verbessern
- Muskelverspannungen reduzieren
- das Gleichgewicht trainieren
- Sturzrisiko im Alter senken
All das entsteht nicht durch Intensität, sondern durch Konstanz.
Weniger Ehrgeiz, mehr Regelmäßigkeit
Spazierengehen braucht keine spezielle Ausrüstung, kein Trainingsprogramm und keine Leistungsziele. Der größte Effekt entsteht durch Regelmäßigkeit. Schon 20–30 Minuten täglich können einen spürbaren Unterschied machen – körperlich wie mental.
Es geht nicht darum, schnell zu sein. Es geht darum, in Bewegung zu bleiben.
Die osteopathische Perspektive
Aus osteopathischer Sicht ist Gehen eine ideale Form der Selbstregulation. Es kombiniert:
- Mobilisation der Wirbelsäule
- rhythmische Muskelaktivierung
- Atemregulation
- Gleichgewichtsarbeit
- nervensystemische Beruhigung
Kaum eine andere Alltagsbewegung verbindet so viele Systeme gleichzeitig – und das auf natürliche Weise.
Fazit
Spazierengehen ist keine Notlösung für „unsportliche Tage“, sondern eine hochwirksame, unterschätzte Gesundheitsstrategie. Es beruhigt das Nervensystem, unterstützt Herz und Kreislauf, mobilisiert Gelenke, klärt den Kopf und fördert soziale Verbindung. Manchmal ist die einfachste Bewegung die nachhaltigste.
© Felix Kammerlander / Praxis Angewandte Osteopathie
Der Autor

Felix Kammerlander hat Osteopathie studiert und betreibt seit acht Jahren die Praxis Angewandte Osteopathie in Marxheim. In den Hofheim-News erscheint regelmäßig seine Kolumne „Gesund mit Felix” mit Gesundheitsinformationen und präventiven Tipps - eine verlässliche Anlaufstelle für Ratschläge zur Vorbeugung, Schmerzbewältigung und für einen ausbalancierten Körper. Viel Freude beim Lesen und Ausprobieren neuer Wege zu mehr Wohlbefinden!

