Gesund mit Felix (15): Stress im Körper – wenn die Psyche echte Schmerzen macht
Die Gesundheitskolumne von Osteopath Felix Kammerlander (Folge 15)
Vielleicht kennst du das: In stressigen Phasen zwickt plötzlich der Nacken, der Rücken fühlt sich fest an oder Kopfschmerzen schleichen sich ein – obwohl du dich körperlich gar nicht ungewöhnlich belastet hast. Viele fragen sich dann, wie Gedanken, Sorgen oder innere Anspannung echte Schmerzen verursachen sollen. Die Antwort liegt im Nervensystem. Denn Stress bleibt nicht im Kopf. Er wird im ganzen Körper verarbeitet – und kann dort sehr reale, spürbare Auswirkungen haben.
Stress ist eine körperliche Reaktion
Stress ist zunächst nichts Negatives. Er ist eine uralte Überlebensreaktion. Wenn dein Körper Stress wahrnimmt – egal ob durch Zeitdruck, Sorgen, Konflikte oder hohe Verantwortung – schaltet das Nervensystem in einen Aktivierungsmodus. Er bereitet dich darauf vor, zu handeln:
- Muskeln spannen sich an
- Atmung wird flacher
- Aufmerksamkeit fokussiert sich
- Bewegungen werden kontrollierter
Kurzzeitig ist das hilfreich. Problematisch wird es, wenn dieser Zustand dauerhaft anhält.
Wie mentale Belastung Muskelspannung erhöht
Gedanken und Emotionen beeinflussen direkt die Muskelspannung. Das geschieht unbewusst. Du entscheidest nicht aktiv, deine Schultern hochzuziehen oder den Kiefer anzuspannen – dein Nervensystem tut das für dich. Typische stressanfällige Bereiche sind:
- Nacken und Schultern
- Kiefermuskulatur
- unterer Rücken
- Brustkorb und Zwerchfell
Wenn diese Bereiche über längere Zeit unter Spannung stehen, entsteht ein Zustand, den viele als „chronische Verspannung“ erleben. Der Muskel selbst ist dabei oft völlig gesund – er wird nur permanent zu stark angesteuert.
Warum Stress Schmerzen verstärken kann
Stress beeinflusst nicht nur die Muskelspannung, sondern auch die Schmerzverarbeitung. Ein dauerhaft aktiviertes Nervensystem wird empfindlicher. Reize, die sonst kaum wahrgenommen würden, werden plötzlich als unangenehm oder schmerzhaft interpretiert. Das bedeutet:
- Bestehende Beschwerden fühlen sich stärker an
- Alte Schwachstellen melden sich wieder
- harmlose Spannungen werden schneller schmerzhaft
Schmerz entsteht also nicht nur durch Gewebe, sondern auch durch die Art, wie das Nervensystem Reize bewertet.
Der Zusammenhang zwischen Kontrolle und Spannung
In stressigen Lebensphasen versuchen viele, „alles im Griff zu behalten“. Auch der Körper macht das – auf seine Weise. Er stabilisiert, sichert ab, hält fest. Muskelspannung ist dabei ein Mittel der Kontrolle. Besonders deutlich zeigt sich das im Kiefer, im Nacken und im Rücken.
Je weniger innere Ruhe vorhanden ist, desto mehr versucht der Körper, über Spannung Sicherheit herzustellen. Das ist kein Fehler, sondern ein Schutzmechanismus. Doch wenn dieser Zustand zur Dauerlösung wird, entstehen Beschwerden.
Warum Ruhe allein oft nicht reicht
Viele versuchen, Stress mit rein mentalen Strategien zu lösen: abschalten, ablenken, durchhalten. Doch der Körper bleibt dabei oft unberücksichtigt. Das Problem: Wenn Stress bereits körperlich gespeichert ist, reicht es nicht, nur „ruhiger zu denken“. Der Körper braucht körperliche Signale von Sicherheit, um die Spannung wieder abzubauen.
Dazu gehören:
- bewusste, ruhige Atmung
- sanfte Bewegung
- Wärme
- Berührung
- das Wahrnehmen des eigenen Körpers
Erst wenn das Nervensystem auf mehreren Ebenen Entlastung erfährt, kann es den Spannungsmodus verlassen.
Stress, Bewegung und der Teufelskreis
Viele Menschen bewegen sich in stressigen Zeiten weniger. Sie sitzen mehr, schlafen schlechter und vernachlässigen Pausen. Das verstärkt das Problem:
- Bewegung fehlt als spannungsregulierender Reiz
- Durchblutung nimmt ab
- Muskeln bleiben „im Standby“
So entsteht ein Kreislauf aus Stress, Spannung und Schmerz, der sich scheinbar von selbst erhält – obwohl keine strukturelle Ursache vorliegt.
Die osteopathische Perspektive
n der osteopathischen Arbeit wird Stress nicht als psychisches Problem gesehen, sondern als körperlicher Zustand. Das Nervensystem steht im Mittelpunkt:
- Wie hoch ist die Grundspannung?
- Welche Bereiche halten dauerhaft fest?
- Wo fehlt Bewegung oder Elastizität?
- Wie reagiert der Körper auf Berührung und Mobilisation?
Osteopathie setzt hier an, indem sie dem Körper hilft, wieder in einen ruhigeren Regulationszustand zu finden. Nicht durch Druck oder Kraft, sondern durch sanfte Impulse, die dem Nervensystem Sicherheit vermitteln.
Was du selbst tun kannst
Um stressbedingte Schmerzen zu reduzieren, helfen oft einfache, aber regelmäßige Maßnahmen:
- kurze Bewegungspausen im Alltag
- bewusstes, langsames Atmen
- Wärme im Nacken- oder Rückenbereich
- sanfte Mobilisation statt intensives Training
- kleine Rituale zum Abschalten
Entscheidend ist nicht der Aufwand, sondern die Regelmäßigkeit. Dein Nervensystem lernt durch Wiederholung, dass es nicht dauerhaft angespannt bleiben muss.
Fazit
Mentale Belastungen können sehr reale körperliche Schmerzen verursachen oder verstärken – nicht, weil etwas „eingebildet“ ist, sondern weil das Nervensystem Spannung und Wahrnehmung steuert. Stress verändert, wie dein Körper sich anfühlt, bewegt und reagiert.
Wer diesen Zusammenhang versteht, kann Beschwerden besser einordnen und gezielter beeinflussen – mit mehr Ruhe, Bewegung und Aufmerksamkeit für das eigene Körpersystem.
© Felix Kammerlander / Praxis Angewandte Osteopathie
Der Autor

Felix Kammerlander hat Osteopathie studiert und betreibt seit acht Jahren die Praxis Angewandte Osteopathie in Marxheim. Ab sofort erscheint hier regelmäßig seine Kolumne „Gesund mit Felix” mit Gesundheitsinformationen und präventiven Tipps - eine verlässliche Anlaufstelle für Ratschläge zur Vorbeugung, Schmerzbewältigung und für einen ausbalancierten Körper. Viel Freude beim Lesen und Ausprobieren neuer Wege zu mehr Wohlbefinden!

