Gewerbegebiet Wallau Ost III: Investor möchte jetzt ein Giga-Rechenzentrum bauen
Wallau Ost III bleibt ein Zankapfel. Nun hat der Investor erstmals Pläne vorgelegt – und dreht gleichzeitig an der Daumenschraube: Er fordert freie Bahn. Seine Traumvorstellung: ein Giga-Rechenzentrum auf 100.000 Quadratmetern. Ein echter Koloss, 25 bis 30 Meter hoch. Alternativen gibt es auch, gleichzeitig gerät eines immer weiter aus dem Blickfeld: das ursprünglich versprochene kleinteilige Gelände für heimische Betriebe.
Anfang dieser Woche tagte Hofheims Bau- und Planungsausschuss, und es trat ein Mann auf, der in dem Gremium längst kein Unbekannter mehr ist: Peter Kunz, Vorstand des Projektentwicklers Lang & Cie. Sein Unternehmen hat sich sämtliche Grundstücke in dem Gewerbegebiet gesichert und möchte gerne Fakten schaffen. Die Pläne klingen gewaltig: Das Rechenzentrum, das Kunz gleich an erster Stelle seiner Präsentation setzte, würde zu den größten Europas gehören.
Vor einem Jahr hatte Kunz noch zwei riesige Hallengebäude avisiert, davon ist er weitgehend ab. Aus gutem Grund: Die Sorge vor einer Flut von Schwerlastern trieb den Anwohnern in Wallau und Diedenbergen den Schweiß auf die Stirn. Kurzerhand schwenkte Kunz um – Rechenzentrum statt Lkw-Sammelstelle.

Grundsätzlich zeigt sich die Lokalpolitik auch aufgeschlossen. Schließlich generiert ein Serverpark kaum Verkehr. Doch die entscheidende Frage lautet: Wo bleibt der Raum für das heimische Gewerbe?
Ein Déjà-vu lässt grüßen: Das gleiche Versprechen gab es schon einmal. 2023 hatten die Stadtverordneten ganz in der Nähe das Gewerbegebiet „In der Lach“ in Diedenbergen ausgewiesen: Dort sollten die traditionsreiche Firma Polar Mohr sowie mittelständische Betriebe aus Hofheim Platz finden. Das Ende vom Lied? Eine Amazon-Tochter griff sich kürzlich das Areal im Ganzen – um dort angeblich ebenfalls ein Rechenzentrum zu errichten.
Damit der Mittelstand nicht völlig auf der Strecke bleibt, zogen die Stadtverordneten im August dieses Jahres für Wallau Ost III die Reißleine. Protokolliert ist der klare Wunsch: „Es soll ein Flächenkonzept erarbeitet werden, in dem angestrebt wird, dass – abseits des Rechenzentrums – die Flächen für kleinteiliges Gewerbe mind. 50 % einnehmen.“
Investor Kunz erinnert sich heute anders: Er habe mitgenommen, sagte er vor dem Ausschuss, dass man möglichst viel Rechenzentrum wolle – das bedeute schließlich so gut wie keinen Verkehr. In seiner Präsentation liest sich das gleich an erster Stelle so: „Gewerbepark sowie möglichst große Flächen für die Ansiedlung von Rechenzentren.“ Seine Lösung für den Mittelstand? Neben dem Giga-Rechenzentrum besitze die Stadt noch kleinere Flächen. Dort, so stellt es Kunz dar, sei beispielsweise Platz für ein Hightech-Unternehmen mit etwa 6.000 m² Produktions- und 4.000 m² Lagerfläche.
Kleinteiliges lokales Gewerbe? Davon redet keiner mehr.
Doch Kunz hat noch ganz andere Hürden zu nehmen: So ein Datenfresser braucht Unmengen an Strom. Da Hofheim aber bereits in Marxheim eine Serverfarm entstehen lässt – die Bauarbeiten haben unlängs begonnen –, droht der Saft knapp zu werden. Die Entscheidung, wie viel Strom für Wallau Ost III überhaupt zur Verfügung steht, dauert Monate, vielleicht auch mehr als ein Jahr. Und deshalb drängelt der Investor: Die Stadtverordneten sollten das Bebauungsplanverfahren vorantreiben – und zwar möglichst offen, damit er am Ende entscheiden kann, was gebaut wird.
Sollte der Strom nicht für die maximale Variante reichen, möchte sich Kunz kurzfristig umentscheiden können. Das wäre sein Plan B: Dann baut er eben nur ein halb oder drittel so großes Rechenzentrum.
Oder am Ende gar keins. In diesem Fall kämen wieder Logistik und Gewerbe ins Spiel – Kunz denkt hier u. a. an ein Unternehmen aus dem Main-Taunus-Kreis, das hochwertige Logistik zur Versorgung des Handwerks mit Produkten für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik bietet und ca. 60.000 Quadratmeter Gebäudefläche benötigt. Es würde mehr Arbeitsplätze geben (bis zu 460) – aber auch mehr Lkw-Verkehr. Bis zu 310 Lastwagen täglich rechnet Kunz vor. Auch das wäre angeblich kein Problem, beruhigt das Verkehrsgutachten: Bis zu 720 Fahrten vertragen die Straßen spielend

Das ist der aktuelle Stand der Dinge. Über den lokalen Mittelstand spricht kaum noch jemand. Und dem Investor wäre am liebsten, die Politik gäbe ihm freie Hand – ob Megawatt-Monster oder Gewerbepark, entscheidet dann der Markt. Oder wie Kunz es mehrmals mit bemerkenswerter Offenheit auf den Punkt brachte: Am Ende muss es sich nur rechnen.
Und die Politik? Ihr Favorit wäre ein abgespecktes Rechenzentrum auf einem Drittel der Fläche, dazu etwas Platz für lokale Betriebe. Doch selbst beim Thema Verlässlichkeit regiert der Pragmatismus.
Als Bettina Brestel (Grüne) an den Beschluss aus dem August erinnerte, winkte Bürgermeister Wilhelm Schultze beiläufig ab: Man werde versuchen, die Entscheidung des Ausschusses zu berücksichtigen. Wolfgang Exner demonstrierte gar gänzlich unverblümt überschaubare Empathie für das heimische Gewerbe. Der ehemalige Rathaus-Dezernent und jetzige CDU-Stadtverordnete befand trocken: „Beschlüsse gelten so lange, bis sie mit Mehrheit geändert werden.“
TR

