Kämmerer spielen statt Zahlen wälzen: Hofheims Haushalt jetzt interaktiv

Kämmerer spielen statt Zahlen wälzen: Hofheims Haushalt jetzt interaktiv

Finanzthemen bewegen Hofheim: Für viele Bürgerinnen und Bürger stehen Haushaltsfragen, Schulden und Steuererhöhungen an erster Stelle, wenn sie an ihre Heimatstadt denken. Die komplizierten Zusammenhänge verständlich zu vermitteln, bleibt dabei eine der größeren Herausforderungen für die Stadtverwaltung. Um das zu ändern, ist jetzt in Zusammenarbeit mit zwei Hofheimer Unternehmern eine interaktive Plattform entstanden, auf der man selbst in die Rolle des Kämmerers schlüpfen kann. Ergänzt wird das Angebot durch einen anschaulich animierten Kurzfilm, der die komplexe Finanzlage auf den Punkt bringt.

Im Zentrum der Plattform steht die visuelle Aufbereitung aller Erträge, Aufwendungen und Investitionen sowie der städtischen Liquiditätsentwicklung. Mithilfe interaktiver Grafiken und Diagramme lässt sich auf einen Blick erfassen, wie sich das Budget zusammensetzt und wofür die Mittel eingesetzt werden.

Neben dieser klassischen Datenansicht bietet die Anwendung zwei innovative Funktionen, die den Haushalt auf spielerische und lebensnahe Weise erlebbar machen:

Über das Tool „Wohin geht mein Euro?“ lässt sich leicht nachvollziehen, wie sich 100 Euro Steuergeld auf die städtischen Leistungen verteilen. So wird sofort sichtbar, welcher Anteil in die Kinderbetreuung, die Kreis- und Schulumlage, die Feuerwehr, den Straßenbau oder in kulturelle Angebote fließt.

Mit der interaktiven Anwendung „Sie sind Kämmerer“ schlüpfen die Nutzerinnen und Nutzer selbst in die Rolle der Finanzspitze. Das Werkzeug veranschaulicht die komplexen Stellschrauben der kommunalen Haushaltspolitik und lädt zum Experimentieren ein: Anwender können eigene Szenarien durchspielen, indem sie Erträge oder Aufwendungen fiktiv anpassen – etwa durch veränderte Hebesätze bei der Grund- oder Gewerbesteuer oder durch gezielte Kürzungen und Erhöhungen in einzelnen Aufgabenfeldern. Die Anwendung berechnet in Echtzeit, wie sich diese Entscheidungen auf das Gesamtergebnis, das Haushaltsdefizit oder die Rücklagen auswirken. Dadurch vermittelt das Tool ein tiefes Verständnis für die finanziellen Spielräume, Zwänge und Zielkonflikte der kommunalen Selbstverwaltung.

Haushalt
Bildschirmfoto von der neuen Internetseite www.hofheims-haushalt.de/. Mit einem Klick aufs Bild kommen Sie direkt auf die Plattform.

Darüber hinaus schlägt das Portal mit der Funktion „Ideen für Hofheims Finanzen“ eine Brücke zur aktiven Mitgestaltung: Einwohnerinnen und Einwohner können hier eigene Vorschläge, Anregungen oder Einsparpotenziale direkt in die Haushaltsplanung einbringen. Ob zukunftsweisende Investitionen in die Infrastruktur, Anregungen zum Bürokratieabbau oder Vorschläge für eine effizientere Mittelverwendung: Die Beiträge werden gesammelt und fließen als wertvolle Impulse direkt in die Beratungen der Verwaltung ein.

So wandelt sich der digitale Haushalt von einer reinen Informationsplattform zu einem lebendigen Werkzeug für den Austausch über die Kommunalpolitik. Die Beteiligungsphase läuft vom 1. bis zum 31. November 2026; eine Rückmeldung zu den eingereichten Vorschlägen ist für das erste Quartal 2027 geplant.

Zwei Unternehmer erstellen die Plattform – unentgeltlich

Entstanden ist die Plattform übrigens dank des unentgeltlichen Einsatzes zweier Hofheimer Unternehmer:

Konstantin Knapp, Gründer der Gearparts GmbH (einem Online-Händler für Motorrad- und Fahrzeugersatzteile mit Sitz in Hofheim), der das Unternehmen – das im städtischen Innovationszentrum startete – über 20 Jahre geführt hat und heute als Gesellschafter und Beirat verbunden ist.

Fabian Sprey, der mit seiner Agentur GrainLab Medienproduktion als kreativer Partner für professionelle Bewegtbildproduktion an Bord ist.

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Die Unternehmer Fabian Sprey (li.) und Konstantin Knapp (re.) mit Bürgermeister Wilhelm Schultze bei der Präsentation der Plattform.

Entscheidungen sollen nachvollziehbarer werden

Die Stadtverwaltung hat das Projekt am Mittwoch in einer Pressemitteilung vorgestellt. Darin kommen der Bürgermeister, der Erste Beigeordnete sowie die beiden Unternehmer zu Wort:

Bürgermeister und Kämmerer Wilhelm Schultze: „Wir freuen uns über das Engagement aus der Hofheimer Unternehmerschaft. Unser Ziel ist es, den Haushalt für die Bürger verständlicher zu machen und hoffen, dass Entscheidungen der Hofheimer Politik und Verwaltung dadurch nachvollziehbarer werden. Gleichzeitig haben wir einen zentralen Anlaufpunkt für Informationen. So sind Antworten auf Fragen, die uns immer wieder gestellt werden, für alle einsehbar.“

Im Internet stellt Bürgermeister Schultze die neue Plattform in einem Youtube-Filmchen vor.

Erster Stadtrat Daniel Philipp: „Die Informationen, die im Film und auf dem Portal gezeigt werden, werden für den ein oder anderen neu wirken. Tatsächlich handelt es sich aber um Informationen, die schon lange öffentlich und für jedermann einsehbar sind. Bislang war jedoch die Lektüre vieler Unterlagen, Vorlagen und Finanzstatusberichten nötig, um ein vollständiges Bild zu erhalten. Das Portal bereitet das komplexe Zahlenwerk der Kommune anschaulich, übersichtlich und ohne fachliche Vorkenntnisse nachvollziehbar auf. Dadurch erhalten mehr Menschen Zugang zu den Informationen – von den Bürgern, über die politischen Gremien bis hin zu einzelnen Mitarbeitenden der Verwaltung. Davon versprechen wir uns einen enormen Gewinn für die Lösung unserer finanziellen Probleme.“

Fabian Sprey: „Wenn man komplexe Zusammenhänge spannend und verständlich erklären möchte, ist Film ein ideales Medium. Ich habe selbst gemerkt, wie schwierig es ist, als Außenstehender die finanzielle Lage einer Kommune zu beurteilen. Als Filmemacher habe ich hier eine Gelegenheit gesehen, mich einzubringen und dabei zu helfen, die komplizierte Situation der Stadt Hofheim für viele Menschen nachvollziehbarer zu machen. Auf dieser Basis ist es wahrscheinlicher, dass ein konstruktiver Dialog zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik zur Lösung der Probleme weiter Fahrt aufnimmt.“

Konstantin Knapp: „Als Unternehmer bin ich es gewohnt, Entscheidungen auf Basis von Zahlen zu treffen, die jeder im Team versteht. Bei der Stadt lagen diese Zahlen längst offen, nur verteilt über Haushaltspläne, Vorlagen und Finanzstatusberichte, die kaum jemand nebenbei durcharbeitet. Wenn dann ein Angebot gekürzt oder eine Steuer erhöht wird und niemand nachvollziehen kann, warum, entsteht ein Vakuum, und in dieses Vakuum passt jede Erzählung. Genau da setzt das Portal an. Mir geht es nicht darum, politische Entscheidungen zu bewerten, sondern darum, dass die Menschen in Hofheim die Ausgangslage selbst nachrechnen können. Wer einmal am Simulationstool gesessen hat, merkt schnell, wie eng die Spielräume tatsächlich sind. Das ist unbequem, aber es ist die Grundlage für jede ernsthafte Debatte über die Zukunft unserer Stadt. Deshalb habe ich meine Zeit hier gerne eingebracht.“

Und hier noch ein wichtiger Hinweis der Stadtverwaltung

Zu beachten ist, dass es sich um ein vereinfachtes Modell und nicht um die Haushaltssystematik der Kämmerei handelt: sechs gerundete Stellschrauben, jede sofort mit voller Jahreswirkung gerechnet. Tatsächlich entfalten manche Maßnahmen ihre Wirkung erst über Jahre. Was diese Rechnung dabei nicht abbildet: Steigt die Steuerkraft, steigt zeitversetzt die Kreis- und Schulumlage – ein Teil der Mehreinnahmen fließt wieder ab. Personalabbau über natürliche Fluktuation wirkt erst über Jahre, nicht im nächsten Haushalt. Mehrere Hebel gleichzeitig zu ziehen, ist politisch deutlich schwerer, als es in dem Tool aussieht. Die Zahlen stammen dabei aus dem Haushaltssicherungskonzept 2026–2029. Verbindlich sind allein die von den städtischen Gremien beschlossenen Dokumente.

Quelle: Stadtverwaltung / HN

2 Kommentare zu “Kämmerer spielen statt Zahlen wälzen: Hofheims Haushalt jetzt interaktiv

  1. Endlich mal etwas sehr Positives zu erleben. Allein der Vortrag vom Bürgermeister ist sehr gut. Transparent, authentisch und sehr informativ. Diese Plattform ist ein Tool, das gerade im Rahmen einer Bürgerinformation einen erheblichen Gewinn bringt. Gratulation.

    Vielleicht können wir über so ein Instrument auch eine permanente Kommunikation mit der Bürgergesellschaft bekommen. Dann können – gerade wie aktuell rund um den Verkehr in der Innenstadt – sich alle beteiligen. Wir erhalten, wie beim Haushaltsthema, Informationen über den Stand der Dinge, erfahren von Schwachstellen und Möglichkeiten und können dann mitmachen und Ideen entwickeln

    Kommunikation gut gemacht – es geht doch.

  2. Unter den Prämissen, dass die präsentierten Optionen nicht einseitig verkürzt sind, die Zahlen halbwegs der Realität entsprechen und die Präsentation tatsächlich kein zusätzliches Geld verschlungen hat: Das ist ein auf allen Ebenen gelungener Ansatz, dieses komplexe und wichtige Thema zu erklären. Insbesondere das „selber Ausgleichen“ schafft eine zusätzliche Ebene, sich mit den Fakten zu beschäftigen, die kein Text erreichen kann.
    Wenn die Lösung jetzt noch so gut wie die Problemvermittlung ausfällt, wird es mit der Stadt wieder aufwärts gehen.

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