Stadtbücherei: Wenn acht Krabbelkinder wichtiger sind als alle Leser
Hofheims Stadtbücherei sorgt mal wieder für Stirnrunzeln: Öffnungszeiten kurz, Einrichtung teuer – so haben es die Stadtverordneten vorgerechnet. Eine zusätzliche Planstelle wurde genehmigt, damit die Bücherei länger aufbleibt. Kostet alles Geld. Bewegt hat sich bisher nichts: weiterhin nur 23 Stunden pro Woche geöffnet, in den Ferien: geschlossen (nachzulesen hier, hier und hier).

Dafür jetzt das neue Highlight: „Lausch-Zeit“ für Kinder von 1 bis 3 Jahren. Start am Donnerstag, 15. Juni. Acht Mini-Leseratten dürfen mit ihren Eltern kommen – und damit sie auch ja ungestört bleiben, bleibt die Bücherei dafür geschlossen.
Hofheims Stadtbücherei: Acht Kinder lauschen – der Rest der Stadt muss draußen bleiben. Eingeladen wird über die städtische Webseite.
Prioritätensetzung à la Hofheim – und das bei leerer Stadtkasse??
Glossiert: Ruhe bitte – die Krabbelgruppe liest!
Man weiß ja inzwischen: Hofheim hat kein Geld. Wirklich keins. Die Stadt ist nicht nur klamm, sie ist praktisch ein Fall für die Stilleübung. Umso erstaunlicher, was man sich hier trotzdem leisten kann.
Zum Beispiel eine Stadtbücherei. Ein schickes Gebäude, Millionen schwer, vielfach gelobt. Ein Ort für Bücher, für Leserinnen und Leser, für Öffentlichkeit. Theoretisch.
Praktisch ist die Bücherei erstaunlich oft geschlossen. In den Ferien. An Tagen mit Bedarf. Oder einfach so. Die Politik beschloss, zwei Jahre ist das her: mehr Personal – und dann bitte auch: längere Öffnungszeiten. Kostet Geld – aber Bildung ist ja wichtig. Wirklich wichtig.
Und dann? Passierte: nichts.
Denn die Mitarbeitenden hatten offenbar anderes zu tun. Wichtigeres. Jetzt wissen wir, was.
Die Stadtbücherei startet ein neues Angebot. Kostenlos. Für acht Kinder. Acht! Alter: ein bis drei Jahre. Eltern dürfen mit rein. Alle anderen? Draußen bleiben.
Der Name: „Lausch-Zeit“.
Man muss es langsam lesen: Lausch-Zeit. Zeit zum Lauschen. In der Stadtbücherei. Bewegung, Stilleübungen, Sprachspiele. Bücher sollen die Sprachentwicklung „spielerisch anregen“. Leseförderung könne schließlich nicht früh genug beginnen.
Man hält kurz inne.
Wir reden von Menschen, die noch Windeln tragen. Von Kindern, die Bücher hauptsächlich essen oder ablecken. Von Einjährigen, die jetzt also Stilleübungen machen. In einem Millionenbau. Ruhe, bitte.
Damit das funktioniert, bleibt die Bücherei für die Öffentlichkeit geschlossen. Leser draußen, Krabbelkinder drin. Prioritäten setzen – das kann man.
Das Rathaus erklärt das so: Für intensive Bildungsarbeit brauche es Ruhe, keine Ablenkung und kleine Gruppen. Nutzungskonflikte seien zu vermeiden – also der Konflikt zwischen erwachsenen Lesern und lauschenden Kleinkindern.
Auf die Frage, ob man nicht einfach andere städtische Räume nutzen könne, kommt ein klares Nein. Kinder müssten früh positive Erfahrungen mit Bildungsorten machen – neben Familie und Kita. Übersetzt heißt das: Die Bücherei ist kein Ort mehr für Leser, sondern ein pädagogisches Erlebniszentrum für die Allerkleinsten. Mit Bildungsbiographie. Aber ohne Bücherfans.
Denn, so das Rathaus weiter, frühe Kontakte mit Bildungsorten beeinflussten diese positiv. Ganz bestimmt.
Man lernt tatsächlich nie aus. Bleibt zu hoffen, dass die Kinder sich später erinnern:
Damals, mit eins, in der Stadtbücherei.
Es war ganz still.
Und niemand durfte rein.
Stadtverwaltung: Eine frühzeitige Bindung an den Bildungsort Stadtbücherei wichtig
Jetzt mal ehrlich: Lausch-Zeit für acht Krabbelkinder in der Stadtbücherei – was soll das? Dafür ist Geld da, aber nicht für längere Öffnungszeiten für alle Hofheimerinnen und Hofheimer?
Die Stadtverordnete Barbara Grassel legte bereits vor zwei Jahren Zahlen vor: Die Stadtbücherei kostet Hofheim laut Stellenplan mit 7,29 Mitarbeitenden rund 743.000 Euro im Jahr. Bei 23 Wochenstunden Öffnungszeit entspricht das 646 Euro pro Stunde.
Ein Jahr später griffen die Grünen den Gedanken auf. Sie beantragten, die Öffnungszeiten um mindestens zehn Stunden pro Woche zu verlängern und die Ferien-Schließungen zu streichen. Die Stadtverordneten stimmten zu, bewilligen auch eine zusätzliche Stelle. Doch die knappen Öffnungszeiten blieben.
Eine Lausch-Zeit für Ein- bis Dreijährige hingegen findet statt.
Wir haben der Stadtverwaltung dazu sechs Fragen geschickt – und ernsthafte Antworten erhalten. Die wollen wir nicht vorenthalten und dokumentieren sie hier im Wortlaut.
Ist die Stadtbücherei während der „Lauschzeit“ ausschließlich Kleinkindern und ihren Begleitpersonen vorbehalten? Wenn ja, aus welchem Grund wird die Öffentlichkeit während dieser Zeit ausgeschlossen?
Die Arbeit der Stadtbücherei findet nicht nur zu den Öffnungszeiten statt, sondern darüber hinaus. Intensive Bildungsarbeit wie Vermittlung von Sprachkompetenz und Leseförderung erfordern störungsfreies Arbeiten, ohne Nutzungskonflikte oder Ablenkungen und in pädagogisch sinnvollen Gruppengrößen. Die Lausch-Zeit wird deshalb – wie die anderen pädagogischen Angebote auch – außerhalb der regulären Öffnungszeiten angeboten und existiert seit Mai 2025.
Die Aufgaben von öffentlichen Büchereien sind im Hessischen Bibliotheksgesetz definiert und ergänzen zudem die Vorgaben aus dem Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan. Dies wiederum passt zu der vorgeschriebenen Zusammenarbeit von öffentlichen Büchereien mit anderen Bildungseinrichtungen wie Schulen und Kindertagesstätten.
So sind wir eine Einrichtung für lebenslanges Lernen und haben die Lese-, Medien- und Informationskompetenz unserer Nutzerinnen und Nutzer durch geeignete Maßnahmen zu stärken. Die Lauschzeit ist eine dieser geeigneten Maßnahmen und richtet sich an die Jüngsten und deren frühkindliche Bildung.
Wie viele Mitarbeitende sind während einer „Lauschzeit“ im Einsatz?
Die Lausch-Zeit wird von einer für diese Aufgabe geschulten Person vorbereitet und betreut.
Wurde vor Einführung der „Lauschzeit“ ein Bedarf für dieses Angebot ermittelt? Wenn ja, wie geschah das (z. B. Wartelisten, Umfragen, Anfragen von Eltern)?
Die frühkindliche Sprachförderung ist Bildungsauftrag, zu dem auch wir als Stadtbücherei einen wichtigen Beitrag leisten. Die Lausch-Zeit ist eine Erweiterung unseres Leseförderkonzepts für Kinder ab einem Jahr.
Mit diesem Angebot entsprechen wir zudem den Wünschen von Eltern der Bilderbuchzeit-Kinder (drei bis sechs Jahre), ein Format für jüngere (Geschwister-)Kinder anzubieten.
Nach einer ersten Veranstaltungsreihe haben wir eine Evaluierung vorgenommen und eine Anpassung bzgl. des Alters der Kinder (ab einem Jahr, statt zuvor ab sechs Monaten) vorgenommen.
Wurden andere städtische Räumlichkeiten (z. B. Kitas, VHS...) geprüft, ob dort ein solches Angebot durchgeführt werden könnte?
Nein. Wir haben in der Stadtbücherei den Raum, das Material und wie zuvor dargestellt den Auftrag aus dem Hessischen Bibliotheksgesetz. Wir bieten mit der Lausch-Zeit ein ergänzendes Bildungsangebot zur U3-Betreuung. Die Lausch-Zeit passt als Angebot für die frühe Sprach- und Literacy-Bildung in das pädagogische Konzept der Stadtbücherei. Es ist förderlich, wenn Kinder möglichst früh in positiven Kontakt mit weiteren Bildungsorten, neben Familie und Kita, kommen. Das Kennenlernen von Bildungsorten beeinflusst die Bildungsbiographie positiv. Mit der Lausch-Zeit wurden auch Kinder mit ihren Eltern erreicht, die vorher noch nicht in der Stadtbücherei waren. Solche Effekte sind für die Stadtbücherei als Angebot für die gesamte Stadtgesellschaft essenziell.
Wurde der personelle und organisatorische Aufwand der „Lauschzeit“ im Verhältnis zur Zahl der erreichten Kinder bewertet? Wenn ja, wie lautet das Ergebnis? Wenn nein, warum wurde eine solche Prüfung nicht durchgeführt?
Die Lausch-Zeit findet donnerstags von 9:30 bis ca. 10:15 Uhr für Krippengruppen statt. Die Gruppe mit Kindern und ihren Eltern folgt von 10:30 bis ca. 11:15 Uhr.
Hofheimer Krippen werden direkt angeschrieben und können sich mit 12 Kindern für mehrere aufeinanderfolgende Termine anmelden. Kitas in den Stadtteilen wurde angeboten, die Lausch-Zeit durch uns auch mobil vor Ort durchführen zu lassen. Die Antwort hierzu steht noch aus. Der Aufwand würde sich dann entsprechend erhöhen.
Welchen Stellenwert hat aus Sicht des Magistrats ein solches kleinteiliges Gruppenangebot im Vergleich zur möglichst breiten Zugänglichkeit der Stadtbücherei?
Kleinteilige Gruppenangebote und möglichst breite Zugänglichkeit der Stadtbücherei genießen beide einen hohen Stellenwert und haben nebeneinander jeweils ihre Existenzberechtigung. Aus den oben genannten Gründen ist eine frühzeitige Bindung an den Bildungsort Stadtbücherei wichtig und kann aus fachlicher Sicht nur unter den bestehenden Bedingungen angeboten werden.
An mehreren Vormittagen in der Woche besuchen Schulklassen, Kita-Gruppen und fortan eben auch U3-Gruppen die Stadtbücherei. Allein im Jahr 2025 hat die Stadtbücherei so 147 Angebote für Kinder außerhalb der Öffnungsstunden durchgeführt und damit 2.692 Kinder und 400 Begleitpersonen erreicht. Für die U3-Gruppen wurde kein neues Bildungs-Zeitfenster geschaffen (und von den Öffnungszeiten abgezogen), sondern lediglich ein bestehendes reserviert.
HN/TR

