Gesund mit Felix (14): Wenn Schonung bei Schmerzen mehr schadet als hilft
Die Gesundheitskolumne von Osteopath Felix Kammerlander (Folge 14)
Wenn Schmerzen auftreten, ist der erste Impuls oft klar: Schonung! Lieber ruhig halten, nichts riskieren, abwarten. Viele Menschen schonen sich dann über Tage oder Wochen – in der Hoffnung, dass der Körper sich so am besten erholt. Doch genau hier liegt ein häufiger Denkfehler. Denn zwischen sinnvoller Entlastung und kompletter Inaktivität besteht ein entscheidender Unterschied. Und dieser Unterschied kann darüber entscheiden, ob Beschwerden abklingen – oder sich langfristig festsetzen.
Warum Schonung zunächst logisch erscheint
Schmerz ist ein Warnsignal. Er sagt: Achtung, hier ist etwas zu viel, zu schnell oder ungewohnt. Kurzfristig darauf zu reagieren, ist absolut sinnvoll. Nach einer akuten Überlastung, einem ungewohnten Reiz oder einem Sturz braucht der Körper Zeit, um sich zu sortieren.
In dieser Phase bedeutet Schonung vor allem:
- Belastung reduzieren
- provokante Bewegungen vermeiden
- dem System Zeit geben, sich zu beruhigen
Das Problem entsteht nicht durch Schonung an sich, sondern dadurch, wenn sie zu lange und zu konsequent wird.
Was passiert bei längerer Inaktivität
Unser Bewegungsapparat lebt von Bewegung. Muskeln, Gelenke, Faszien und auch das Nervensystem brauchen regelmäßige Reize, um gut zu funktionieren. Bleibt Bewegung über längere Zeit aus, reagiert der Körper mit Anpassungen:
- Muskeln werden fester
- Gelenke werden steifer
- Durchblutung nimmt ab
- Koordination lässt nach
- das Nervensystem wird empfindlicher
Besonders wichtig: Das Nervensystem interpretiert dauerhafte Inaktivität oft nicht als Heilung, sondern als Unsicherheit. Der Körper „weiß“ nicht, ob Bewegung gefährlich ist oder einfach nur vermieden wird. Um auf Nummer sicher zu gehen, erhöht er die Schutzspannung.
Das Ergebnis: mehr Steifheit, mehr Verspannung, manchmal sogar mehr Schmerz.
Entlastung heißt nicht Stillstand
Hier kommt der entscheidende Unterschied ins Spiel: Entlastung bedeutet nicht, nichts zu tun. Entlastung bedeutet, den Körper so zu unterstützen, dass er sich regulieren kann – ohne ihn komplett aus dem Spiel zu nehmen.
Beispiele für sinnvolle Entlastung:
- sanfte Bewegung statt Belastung
- Positionswechsel statt starrem Liegen
- Mobilisation ohne Schmerz
- ruhige Aktivität statt vollständigem Rückzug
So bekommt das Nervensystem die Botschaft „Es ist sicher, du darfst dich bewegen – aber ohne Überforderung.“
Warum Bewegung oft schneller hilft als Ruhe
Viele Menschen erleben es selbst: Nach ein paar Tagen „Schonung“ fühlen sie sich steifer als zuvor. Erst wenn sie wieder anfangen, sich zu bewegen, wird es besser. Das liegt daran, dass Bewegung mehrere wichtige Effekte hat:
- sie verbessert die Durchblutung
- sie macht Gelenke geschmeidiger
- sie reduziert übermäßige Schutzspannung
- sie gibt dem Nervensystem Orientierung
- sie fördert das Vertrauen in den eigenen Körper
Gerade bei unspezifischen Schmerzen – also ohne klare strukturelle Verletzung – ist Bewegung oft der Schlüssel, um aus der Schmerzspirale herauszukommen.
Der Teufelskreis aus Schonung und Angst
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die emotionale Ebene. Wenn Bewegung über längere Zeit vermieden wird, entsteht oft Unsicherheit: „Was, wenn es schlimmer wird?“ „Was, wenn ich mir schade?“ Diese Gedanken erhöhen Stress – und Stress erhöht wiederum Muskelspannung.
So entsteht ein Kreislauf: Schmerz → Schonung → Unsicherheit → erhöhte Spannung → mehr Schmerz.
Bewegung unterbricht diesen Kreislauf. Nicht durch Leistung, sondern durch kontrollierte, ruhige Aktivität, die dem Körper zeigt, dass er belastbar ist.
Wie du den richtigen Mittelweg findest
1. Schmerz als Orientierung, nicht als Verbot
Schmerz darf ein Hinweis sein, langsamer zu werden – aber selten ein absolutes Bewegungsverbot. Wichtig ist, im schmerzarmen Bereich zu bleiben und die Intensität anzupassen.
2. Kleine Bewegung ist besser als keine
Schon wenige Minuten sanfter Bewegung mehrmals am Tag wirken oft besser als eine komplette Ruhephase. Es geht nicht um Training, sondern um Durchbewegung.
3. Abwechslung statt Einseitigkeit
Langes Sitzen, Liegen oder Stehen ist für den Körper gleichermaßen ungünstig. Häufige Positionswechsel helfen, Spannung gleichmäßiger zu verteilen.
4. Atmung nicht vergessen
Ruhige, tiefe Atmung unterstützt das Nervensystem dabei, Schutzspannung abzubauen – besonders in Kombination mit Bewegung.
Die osteopathische Sichtweise
In der osteopathischen Arbeit zeigt sich immer wieder: Der Körper heilt nicht durch Stillstand, sondern durch angepasste Bewegung und Regulation.
Osteopathie versucht deshalb nicht, den Körper „ruhigzustellen“, sondern ihm zu helfen, wieder selbst besser zu steuern:
- Spannung dort abzubauen, wo sie nicht mehr nötig ist
- Bewegung zu ermöglichen, wo sie fehlt
- dem Nervensystem Sicherheit zu vermitteln
So wird Schonung zu etwas Aktivem – nicht zu einem Rückzug.
Fazit
Schonung ist wichtig – aber nur kurzfristig und gezielt. Langfristige Inaktivität kann Beschwerden verstärken, weil sie den Körper steifer, empfindlicher und unsicherer macht.
Der Schlüssel liegt im Mittelweg: Entlastung durch angepasste Bewegung.
Wer lernt, seinem Körper wieder behutsam zu vertrauen, schafft oft die besten Voraussetzungen dafür, dass Schmerzen nachlassen und Bewegung wieder leichter wird.
© Felix Kammerlander / Praxis Angewandte Osteopathie
Der Autor

Felix Kammerlander hat Osteopathie studiert und betreibt seit acht Jahren die Praxis Angewandte Osteopathie in Marxheim. Ab sofort erscheint hier regelmäßig seine Kolumne „Gesund mit Felix” mit Gesundheitsinformationen und präventiven Tipps - eine verlässliche Anlaufstelle für Ratschläge zur Vorbeugung, Schmerzbewältigung und für einen ausbalancierten Körper. Viel Freude beim Lesen und Ausprobieren neuer Wege zu mehr Wohlbefinden!

