Taktlos am Tivertonplatz: Wie eine politische Debatte über Außengastronomie entgleist

Taktlos am Tivertonplatz: Wie eine politische Debatte über Außengastronomie entgleist
Der Tivertonplatz: Bäume spenden Schatten. Der Brunnen ist abgestellt. Kein Mensch ist zu sehen.

Hofheims CDU und FDP haben einen Antrag beim Magistrat eingereicht – Aktenzeichen STV2026/170: Sie wollen Außengastronomie auf dem Tivertonplatz zulassen. Das ist ein Vorschlag, über den man sprechen kann und sollte. Doch die Stadt zeigt sich stur – CDU/FDP reagieren darauf jetzt mit einem hanebüchenen Vergleich. Höchste Zeit, genauer hinzusehen.

Heute geht’s um einen der zentralen Plätze in der Altstadt Hofheims – und mit den umgebenden Fachwerkhäusern sicher auch um einen der schönsten. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ist um die Zukunft des Tivertonplatzes eine Debatte ausgebrochen, die inzwischen ausartet. Das Rathaus lehnt jede Veränderung ab – Lokalpolitiker reagierten darauf mit einem Vergleich, der jedes Maß verliert. Höchste Zeit, genauer hinzusehen.

Der Auslöser war eher banal: Der Betreiber des Cafés „Bella” in der Fachwerkhäuserzeile am Untertorplatz möchte Tische auch auf der Rückseite – eben auf dem Tivertonplatz – aufstellen. Die Stadtverwaltung winkte jedoch ab: Denkmalschutz! Und: Der Platz sei ein Ort des stillen Gedenkens, weil am Rande eine Tafel zur Erinnerung an die ermordeten Jüdinnen und Juden aus Hofheim hängt.

CDU FDP Antrag
Der Antrag von CDU und FDP (PDF)

Die CDU und später auch die FDP schalteten sich ein, blitzten jedoch ebenfalls ab. Dann die Eskalation: Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, griffen Christdemokraten und Liberale zu einem Vergleich, der jede Verhältnismäßigkeit vermissen lässt: Sie argumentieren, wenn die Stadt Tische auf dem Tivertonplatz ablehne, müsse sie konsequenterweise auch dem Café „Kokkos” auf dem Kellereiplatz die Außenbestuhlung verbieten – denn im direkten Umfeld hätten schließlich „Hexenprozesse und Gräueltaten” stattgefunden, woran heute eine Gedenktafel am Kellereigebäude erinnere.

Das ist ein absurder, geschichtsvergessener Vergleich. Wer den systematischen Völkermord an den europäischen Juden im Nationalsozialismus mit den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit auf eine Stufe stellt, verlässt den Boden einer sachlichen und anständigen politischen Auseinandersetzung.

Sich über die historische Realität hinwegzusetzen und das Gedenken an den Holocaust auf diese Weise zu relativieren, ist respektlos und unwürdig.

Hofheim hat Besseres verdient als Anträge, die das Gedenken an schwere Schuld für die Lokalpolitik instrumentalisieren.

Tivertonplatz: Zwischen Blockadehaltung und Stadtgestaltung

Doch so scharf diese Rüge ausfallen muss – sie darf nicht den Blick darauf verstellen, dass auch das Rathaus in dieser Causa eine unglückliche Figur abgibt.

Gucken wir uns den Tivertonplatz etwas genauer an. Mittendrauf Bäume, die Schatten spenden: Wo gibt es das im Zentrum der Kreisstadt noch? Unter den Bäumen ein Brunnen, der munter plätschern könnte – wenn die Stadt nicht total pleite wäre.

Kein Mensch weit und breit. Meistens stehen hier ein paar Autos rum, obwohl auf dem ganzen Platz absolutes Halteverbot gilt, was aber offensichtlich keinen kümmert.

Ödnis im Herzen der Altstadt. Will man das wirklich?

Parkplatz Tivertonplatz

Die Stadt teilte der CDU mit, dass der Platz „dem stillen Gedenken“ diene und „aufgrund seiner denkmalrechtlichen Schutzwürdigkeit besonders sensibel“ sei. Dass dort immer wieder mal Feste und Feiern stattfinden, sieht die Behörde offenbar nicht als Widerspruch: Diese Veranstaltungen „dienen dem Gemeinwohl und beleben die Stadt für die gesamte Bürgerschaft”, heißt es in der Rathaus-Antwort, und hinterher stünde der Platz „sofort wieder uneingeschränkt allen Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung”.

Gedenktafel
Eine Acrylplatte an der Wand, davor wurden Kundenstopper abgestellt: Das soll eine Gedenkstätte sein?

Man habe schon dem „Türmchen”-Betreiber das Aufstellen von Tischen auf dem Tivertonplatz verboten, und deshalb gebe es im Fall „Bella” „keinen rechtlich vertretbaren Entscheidungsspielraum”. Außerdem müsse man Rücksicht auf die Nachbarschaft nehmen. Und überhaupt: Die Absage einer fast ganzjährigen Sondernutzung zugunsten eines einzelnen Betriebs diene „einer fairen, ausgewogenen Verteilung des öffentlichen Raums zwischen gewerblicher Nutzung und dem Gemeingebrauch der gesamten Bürgerschaft”.

Wie Juristen in einer Behörde eben schreiben. Natürlich haben solche Argumente grundsätzlich Gewicht. Dennoch greift die fast brüsk wirkende Ablehnung, den Platz für mehr Leben zu öffnen, zu kurz:

Dass die Verwaltung wegen einer Gedenktafel gleich den gesamten Platz als sensiblen Raum und Stätte eines stillen Gedenkens einordnet, wirkt angesichts der Realität wie eine bequeme Ausrede. Die Acryltafel mit den Namen der ermordeten Jüdinnen und Juden prägt den Tivertonplatz keineswegs: Sie hängt wie abgeschoben unscheinbar in einer Ecke. Der Platz davor dient immer wieder als Abstellfläche für Gastro-Mobiliar – und da schaut die Stadt weg.

Stilles Gedenken? Eher stillose Gleichgültigkeit.

Unstrittig ist: Wer meint, politische Ziele mit geschmacklosen Vergleichen und politischem Krawall durchsetzen zu müssen, erweist der Stadt und der Debattenkultur einen Bärendienst.

Doch bei aller berechtigten Schelte für solche hanebüchenen Aussagen – vom Rathaus darf man mehr als reine Paragraphenreiterei und verwalterische Ausflüchte erwarten. Was Hofheim an dieser Stelle braucht, ist Gestaltungswille statt starrer Abwehrhaltung.

Die Lösungen liegen schließlich auf dem Tisch, man muss sie nur greifen wollen: Warum versucht man nicht, die Gastronomen als Brunnenpaten zu gewinnen? Wenn sie die Pflege oder Kosten übernehmen, könnte das Wasser endlich wieder plätschern und dem verwaisten Platz sofort eine völlig neue Aufenthaltsqualität schenken. Holt man dann noch den Altstadtverein und die Anwohnerschaft mit ins Boot, lässt sich ein durchdachtes Nutzungskonzept entwickeln – eines, das verträgliche Außengastronomie, historische Verantwortung und nachbarschaftliche Rücksichtnahme harmonisch miteinander vereint.

Über eine kluge, behutsame Belebung des Tivertonplatzes sollte gesprochen werden – ja, unbedingt. Eine lebendige Altstadt schließt das Gedenken nicht aus, sondern kann es im besten Fall mitten in den Alltag integrieren. Es ist dringend an der Zeit, dass die Stadtverwaltung ihre Blockade aufgibt und den Dialog sucht.

Wenn Bürgerinnen und Bürger, Gastronomie und Politik an einem Tisch zusammenkommen, kann aus einer verfahrenen Debatte echte Stadtgestaltung werden – für einen Tivertonplatz, der wieder auflebt, ohne seine Geschichte zu vergessen.

TR

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