Revisionsbericht deckt auf: So führte Vogt Hofheim ins Schuldenloch

Revisionsbericht deckt auf: So führte Vogt Hofheim ins Schuldenloch

Kürzlich noch war sein Gesicht auf Wahlplakaten zu sehen: Christian Vogt, bis vor einem halben Jahr CDU-Bürgermeister von Hofheim, kandidierte erneut für den Kreistag. Hinter ihm hatte sich CDU-Landrat Michael Cyriax aufgestellt – während in seinem Landratsamt bereits Vogts Handeln im Rathaus geprüft wurde. Jetzt ist die Wahl vorbei, Vogt wurde gewählt – und die Kreisverwaltung legte ihren Revisionsbericht vor. Das Ergebnis: vorhersehbar – und verheerend. Vogt hat die Stadt wissentlich ins finanzielle Chaos geführt, er hat die Stadtverordneten belogen und die Kreisaufsicht getäuscht. Sechs Jahre lang – und niemand stoppte ihn. Und jetzt?

Ihr letztes Schreiben als Fraktionsvorsitzende der Linken ist noch einmal messerscharf: Barbara Grassel fordert den Magistrat der Stadt Hofheim auf, ein Disziplinarverfahren gegen den früheren Bürgermeister einzuleiten. Sie hat den Revisionsbericht der Kreisverwaltung ausgewertet – 33 Seiten, unterzeichnet am 24. März vom Leiter der Revision und zwei Prüfern. Für die Juristin besteht nach der Lektüre kein Zweifel mehr: Vogt habe „seine Amtspflichten gröblich verletzt und dadurch der Stadt und der Bürgerschaft Hofheims erheblichen Schaden zugefügt“.

Grassel, die nach fast 40 Jahren aus dem Stadtparlament ausgeschieden ist, spart nicht mit klaren Worten: Sie macht deutlich, wie schwerwiegend Vogts Pflichtverletzungen waren. Er habe „seinen Amtseid gebrochen, die städtischen Gremien nicht unverzüglich über die Weisungen der Aufsichtsbehörde (Landrat) informiert, die Weisungen des Landrates (u. a. Aufstellung eines Nachtragshaushalts und Maßnahmen zur Verbesserung der Finanzsituation) nicht befolgt und die wiederholten Hinweise seines Kämmerei-Leiters seit Herbst 2024 auf die prekäre Haushaltslage samt Gegensteuer-Vorschlägen beharrlich ignoriert – weder im Magistrat darüber beraten noch die notwendigen Konsequenzen gezogen.“

Mit dem Revisionsbericht liegt nun schriftlich vor, was seit einiger Zeit für Rätselraten sorgt: In den wenigen Jahren seiner Amtszeit hat Vogt die Stadt in ein finanzielles Chaos geführt – und niemand griff ein. Nachdem er im September letzten Jahres das Rathaus verlassen hatte, musste die Grundsteuer B massiv erhöht werden, um ein Millionenloch in der Stadtkasse zu stopfen.

Wie konnte es so weit kommen? Hat denn wirklich niemand etwas bemerkt?

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Ein CDU-Plakat zur Kreistagswahl im März: Christian Vogt, der die Menschen in Hofheim so massiv getäuscht hat, kandidierte wieder – und wieder gewählt. Hinter ihm platzierte sich Landrat Michael Cyriax, dessen Behörde gerade die Amtsgeschäfte Vogts überprüfte.

Der Revisionsbericht weiß es besser. Die Prüfer fanden Unterlagen der Finanzfachleute im Rathaus, die bereits im Oktober 2024(!) erstellt wurden. Darin wurde Vogt deutlich darauf hingewiesen, dass die Stadt einerseits weniger einnimmt und andererseits zusätzliche Ausgaben zu stemmen hat.

Im Februar 2025 verschickte der Fachbereichsleiter Finanzen interne Mails und kündigte eine bevorstehende Ausgabensperre an.

Es folgte März 2025 – Bürgermeisterwahlen fanden statt. Nach dem ersten Wahlgang lag Vogt deutlich vorn. Von Finanznot: kein Wort: Die Hofheimer Welt schien heil und in Ordnung.

Nur fünf Tage später, vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang, informierte der Fachbereich Finanzen den Bürgermeister erneut und offenbar eindringlich über die kritische Lage – und dass die Stadt ihren Zahlungsverpflichtungen schon nicht mehr nachkommen könne. Laut Revisionsbericht wurde Vogt auch „ein umfangreicher Katalog der durchzuführenden kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen“ vorgelegt, „die für eine Verbesserung der Situation als notwendig erachtet wurden“. Und weiter schreiben die Prüfer: „Aus unserer Sicht hat der Fachbereich Finanzen die Behördenleitung vollständig und zutreffend über die Situation informiert und angemessene Empfehlungen zum weiteren Vorgehen gegeben. Eine zeitnahe Umsetzung blieb jedoch aus.“

Vogt wollte offenbar seine Wiederwahl sichern, indem er die prekäre Lage einfach verschwieg. Doch dann kam alles anders: In einem Internetblog erschienen zwei Beiträge, die vertrauliche Vorgänge im Rathaus enthüllten. Der erste schilderte, wie die Misswirtschaft der Stadtverwaltung eine gastronomische Perle zerstörte [hier]. Der zweite deckte auf, wie Vogt per interner Verfügung seine Beigeordneten entmachtet und einen Vertrauten zur Art „Zweitbürgermeister“ gemacht hatte [hier].

Die Berichte gingen durch die Decke. Sie wurden vieltausendfach aufgerufen – und Vogts Karriere im Rathaus war beendet. Als Tage später die entscheidende Stichwahl stattfand, erhielt Mitbewerber Willi Schultze überraschend die meisten Stimmen.

Prüfer: Vogt-Bericht enthielt „nicht zutreffende Angaben“

Noch ahnte niemand außerhalb des Rathauses, wie ernst die finanzielle Notlage der Stadt bereits war. Vogt sollte noch sechs Monate lang die Amtsgeschäfte führen – und er hielt die Wahrheit bis zuletzt unter Verschluss, obwohl er, wie der Revisionsbericht mehrfach aufzeigt, von seinen Fachleuten umfassend informiert worden war.

An anderer Stelle hält der Revisionsbericht fest: „Die Faktoren, die zu einer Verschlechterung der Finanzsituation der Stadt Hofheim führten, wurden verwaltungsintern zeitnah kommuniziert. Die Umsetzung der entsprechenden Maßnahmen wurde jedoch keineswegs in ausreichendem Maß vorgenommen.“

Auch die Stadtverordneten wurden nicht rechtzeitig und schon gar nicht unverzüglich informiert. Der Finanzstatusbericht, mit dem Vogt die Stadtverordneten viel zu spät unterrichtete, enthielt sogar laut Prüfern „nicht zutreffende Angaben“. Die entsprechenden Formulierungen seien „in dieser Form gewünscht“ gewesen.

Auch die Aufsichtsbehörde wurde von Vogt ausgebootet. Liquiditätskredite müssen eigentlich bis zum Jahresende zurückgezahlt werden; treten Schwierigkeiten auf, müssen Stadtparlament und Aufsichtsbehörde informiert werden, und zwar unverzüglich. Die Prüfer: „Eine explizite Information der Kommunalaufsicht erfolgte nach unseren Erkenntnissen nicht.“

Vogt
Ende 2023 präsentierte Ex-Bürgermeister Christian Vogt den Haushalt 2024/25. Heute zeigt sich: Seine Videobotschaften blendeten mehr, als sie informierten, und lenkten von der Misswirtschaft im Rathaus ab.

Nur eine Randnotiz, aber bezeichnend für die Arbeit der Hofheimer Stadtverwaltung: Nicht alle Daten ließen sich von den Prüfern endgültig klären – unter anderem, weil ein „Modul nach der Software-Umstellung zum 1.1.2024 noch nicht vollumfänglich und abschließend eingerichtet war“. Das ist schon bezeichnend für die Arbeit der Hofheimer Stadtverwaltung: Sie schafft eine neue Software an – doch ein wichtiges Tool fehlt zwei Jahre später immer noch. Die Prüfer vermerkten trocken: Die abschließende Einrichtung sollte „nunmehr zeitnah erfolgen“.

In ihrem Fazit kommen die Prüfer zu einem klaren Ergebnis: „Die finanzielle Schieflage sowie die Finanzentwicklung war der Finanzverwaltung zu den jeweiligen Zeitpunkten bekannt und wurde intern mit der Behördenleitung ausführlich kommuniziert.“ Vereinfacht formuliert: Die Fachleute im Rathaus erkannten die prekäre Lage rechtzeitig – Vogt wurde auch informiert, unternahm aber nichts. Der Revisionsbericht: „Wesentliche Informationen wurden – entgegen bestehender Verpflichtungen – teilweise gar nicht oder nicht zeitnah an die Stadtverordneten bzw. die Kommunalaufsicht weitergegeben.“

Damit liegen die Fakten jetzt auf dem Tisch. Vogt wusste alles – und schwieg einfach. Und reagierte nicht, vorsätzlich nicht.

Die Bürgerinnen und Bürger zahlen den Preis – Aufklärung blieb bisher aus.

Ob jetzt endlich Konsequenzen gezogen werden: offen.

HN/TR

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