Gesund mit Felix (24): Mit dem Alter kommen die Probleme – oder etwa doch nicht?
Die Gesundheitskolumne von Osteopath Felix Kammerlander (Folge 24)
„Das ist halt das Alter.“ Diesen Satz höre ich in meiner Praxis erstaunlich oft. Viele Menschen gehen davon aus, dass Rückenschmerzen, steife Gelenke oder andere Beschwerden des Bewegungsapparates automatisch mit zunehmenden Lebensjahren auftreten müssen. Als wäre es eine unvermeidbare Begleiterscheinung des Älterwerdens.
Doch die Realität ist deutlich differenzierter. Immer wieder begegnen mir Menschen in ihren 70ern, 80ern oder sogar 90ern, die erstaunlich beweglich sind und kaum Beschwerden haben. Gleichzeitig gibt es deutlich jüngere Personen, die bereits unter hartnäckigen Problemen leiden. Das zeigt: Alter allein erklärt vieles nicht.
Alter ist nicht gleich Verschleiß
Natürlich verändert sich der Körper im Laufe des Lebens. Die Regenerationsfähigkeit nimmt etwas ab, Gewebe reagieren langsamer auf Belastungen, und Heilungsprozesse können mehr Zeit benötigen als in jungen Jahren.
Ein einfaches Beispiel: Während ein Kind nach einem Knochenbruch oft schon nach wenigen Wochen wieder erstaunlich fit ist, kann derselbe Prozess bei einem älteren Menschen länger dauern. Doch daraus folgt nicht automatisch, dass Beschwerden unvermeidbar sind.
Der entscheidende Unterschied liegt häufig darin, wie der Körper im Laufe des Lebens genutzt wurde.
Bewegung als entscheidender Faktor
Ein Muster, das sich bei vielen älteren, beschwerdefreien Menschen zeigt, ist erstaunlich konstant: Sie haben sich ihr Leben lang bewegt. Nicht unbedingt im Sinne von Leistungssport, sondern in Form regelmäßiger Aktivität.
Spaziergänge, Gartenarbeit, Radfahren, Treppensteigen oder andere alltägliche Bewegungen halten Muskeln, Gelenke und das Nervensystem aktiv. Bewegung sorgt dafür, dass Gelenke durchblutet werden, Muskeln elastisch bleiben und der Körper regelmäßig neue Bewegungsreize erhält. Gerade diese Vielfalt an Bewegung scheint ein wichtiger Schlüssel zu sein.
Wenn alte Beschwerden sich ansammeln
Warum treten dann doch bei vielen Menschen mit zunehmendem Alter mehr Beschwerden auf?
Ein Grund liegt oft darin, dass kleinere Probleme im Laufe der Jahre nicht vollständig ausheilen oder nicht ausreichend beachtet werden. Ein Ziehen im Rücken wird ignoriert, eine Bewegungseinschränkung im Knie wird kompensiert, eine Schulter wird geschont.
Der Körper kann solche Situationen erstaunlich lange ausgleichen. Muskeln übernehmen Aufgaben anderer Muskeln, Bewegungen werden angepasst, Spannungen verteilen sich neu.
Doch irgendwann erreicht dieses Kompensationssystem seine Grenzen. Das, was sich über Jahre angesammelt hat, wird spürbar – und wird dann oft vorschnell dem Alter zugeschrieben.
Gewohnheiten werden mit den Jahren stärker
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Rolle von Gewohnheiten. Je länger wir leben, desto stärker verfestigen sich Bewegungsmuster. Tätigkeiten werden routinierter, Abläufe automatischer. Das hat viele Vorteile im Alltag – kann aber auch dazu führen, dass Bewegungsvielfalt verloren geht.
Kinder bewegen sich ständig unterschiedlich: sie springen, drehen sich, klettern, laufen rückwärts, sitzen selten lange still. Diese Vielfalt hält das Bewegungssystem flexibel. Im Erwachsenenalter wird Bewegung dagegen häufig einseitiger:
- viel Sitzen
- ähnliche Bewegungen im Alltag
- wenig Variation
Mit der Zeit kann daraus eine gewisse „Bewegungsstarre“ entstehen – nicht weil man älter wird, sondern weil die Bewegungsmuster immer gleich bleiben.
Wenn Bewegungsvielfalt verloren geht
Unser Körper liebt Variation. Muskeln, Gelenke und das Nervensystem sind darauf ausgelegt, unterschiedliche Bewegungen zu koordinieren. Fehlt diese Vielfalt, entstehen oft Spannungsmuster:
- bestimmte Muskeln arbeiten zu viel
- andere werden kaum genutzt
- Bewegungsbereiche bleiben ungenutzt
Das kann langfristig zu Beschwerden führen. Nicht, weil der Körper älter geworden ist, sondern weil er weniger abwechslungsreiche Reize bekommt.
Alter als Ausrede – oder als Chance
Der Gedanke, Beschwerden seien unvermeidbar, kann sogar ein zusätzliches Problem darstellen. Wer glaubt, dass Schmerzen „einfach dazugehören“, bewegt sich oft vorsichtiger, schont sich mehr und reduziert Aktivität. Doch genau diese Schonung kann wiederum dazu führen, dass der Körper steifer wird und Beschwerden zunehmen.
Das Alter muss also nicht zwangsläufig eine Einschränkung sein. In vielen Fällen kann es sogar ein guter Zeitpunkt sein, um Bewegungsgewohnheiten bewusster zu gestalten.
Was wirklich entscheidend ist
Aus osteopathischer Sicht spielt nicht das Alter selbst die Hauptrolle, sondern das Zusammenspiel aus:
- Bewegung und Bewegungsvielfalt
- Belastung und Regeneration
- Umgang mit Beschwerden
- Stress und Muskelspannung
- Gewohnheiten im Alltag
Der Körper ist erstaunlich anpassungsfähig – auch im höheren Alter.
Fazit
Dass Beschwerden mit zunehmendem Alter auftreten können, ist unbestritten. Doch sie sind keineswegs eine automatische Folge der Jahre. Häufig entstehen sie aus angesammelten Belastungen, einseitigen Bewegungsmustern oder lange ignorierten Problemen.
Wer seinen Körper regelmäßig bewegt, ihm Abwechslung bietet und Beschwerden ernst nimmt, kann oft auch im höheren Alter erstaunlich beweglich und beschwerdearm bleiben.
Vielleicht ist es also gar nicht das Alter, das Probleme macht – sondern manchmal einfach nur unsere Gewohnheiten.
© Felix Kammerlander / Praxis Angewandte Osteopathie
Der Autor

Felix Kammerlander hat Osteopathie studiert und betreibt seit acht Jahren die Praxis Angewandte Osteopathie in Marxheim. In den Hofheim-News erscheint regelmäßig seine Kolumne „Gesund mit Felix” mit Gesundheitsinformationen und präventiven Tipps - eine verlässliche Anlaufstelle für Ratschläge zur Vorbeugung, Schmerzbewältigung und für einen ausbalancierten Körper. Viel Freude beim Lesen und Ausprobieren neuer Wege zu mehr Wohlbefinden!

