Schock-Nachricht: „Polar Mohr“ will Hofheim offenbar ganz verlassen

Schock-Nachricht: „Polar Mohr“ will Hofheim offenbar ganz verlassen

Die nächste schlechte Nachricht trifft Hofheim ins Mark: Nach dem Finanzdebakel droht nun auch noch der Verlust eines industriellen Aushängeschilds. Das Traditionsunternehmen „Polar Mohr“, für das die Stadt eigens ein neues Gewerbegebiet in Diedenbergen plant, steht offenbar vor dem Absprung aus der Kreisstadt. Ausgerechnet jenes Unternehmen also, das man mit großem planerischem und finanziellem Aufwand halten will. Auch von den einst rund 300 Arbeitsplätzen dürfte am Ende nur ein Bruchteil bleiben.

Die Schock-Nachricht kursierte hinter vorgehaltener Hand bereits seit Wochen durch Hofheim. Jetzt griff sie die Lokalzeitung auf – unter der nüchternen Überschrift: „PCT prüft Umzug nach Eschborn“.

PCT – wer ist das denn? Kaum jemand wird diese Abkürzung kennen…

PCT steht für „Polar Cutting Technologies“. So hieß die Firma bis Ende letzten Jahres. Dann änderte sie ihren Namen – nun heißt sie „PCT Maschinenbau GmbH“.

Das war einmal ein bedeutendes Hofheimer Vorzeigeunternehmen: 1906 in Hofheim als Adolf Mohr Maschinenfabrik gegründet, entwickelte sich „Polar Mohr“ zum Weltmarktführer für Schneidsysteme. 2022 rutschte das Unternehmen in die Insolvenz, wurde vom Wiener Investor SOL Capital Management übernommen und umgehend in Polar Cutting Technologies GmbH umbenannt.

Heute ist nichts mehr wie es mal war. Das Firmengrundstück entlang der Hattersheimer Straße wurde verkauft – an den Kelkheimer Projektentwickler Horn, der dort hunderte Wohnungen, ein Hotel und eine Kita bauen will. Mit „Polar Mohr“ wurde vereinbart: Bis Ende 2026 muss das Unternehmen das Firmengelände geräumt haben – Horn will durchstarten.

Investoren wie Sol Capital verfolgen vor allem finanzielle Interessen. Die wertvollen Markenrechte, Patente und das geistige Eigentum der früheren Polar-Mohr-Produkte – also auch der Marke „Polar“ – gingen 2025 an die Heidelberger Druckmaschinen AG, einen weltweit führenden Hersteller von Druckmaschinen. Der übernahm auch die globalen Rechte für Vertrieb, Service und Vermarktung dieser Produkte.

„Polar“ ist zu einer Marke der Heidelberg Postpress Deutschland GmbH geworden, die ihren Sitz in Hofheim hat.

Die heutige PCT Maschinenbau GmbH gehört noch SOL Capital. Sie existiert als eigenständige Firma, die Maschinen herstellt und entwickelt – doch die Markenrechte und der weltweite Vertrieb liegen rechtlich bei Heidelberg.

„Polar Mohr“: Einzigartige Chance oder Gefälligkeitsplanung?

Von alldem ahnte man 2023 noch nichts, als die Frage aufkam, ob Hofheim dem Unternehmen einen neuen Firmensitz bieten könne. Der damalige CDU-Bürgermeister Christian Vogt hatte schnell eine Lösung parat: In Diedenbergen hatte der Berliner Milliardär Kurt Krieger rund 100.000 Quadratmeter landwirtschaftlicher Flächen gekauft. Der Unternehmer („Möbel Höffner“) sah die Chance, seine Investitionen zu versilbern, und bot an: Wenn die Stadt seine Ackerflächen in ein Gewerbegebiet umwandeln würde, wolle er 20.000 Quadratmeter für Polar Mohr reservieren.

Vogt zeigte sich begeistert: Das sei eine „einmalige Chance zur Stadtgestaltung und Wirtschaftsförderung“, tönte er. Er sprach von einer Verantwortung gegenüber Polar Mohr: Das Unternehmen sei über Jahre in Hofheim ein wichtiger Arbeitgeber und Steuerzahler gewesen: „Nun müssen wir etwas zurückgeben und das Unternehmen unterstützen.“ Vogt setzte die Stadtverordneten unter Druck: „Wenn Sie mir heute sagen, dass wir das Gewerbegebiet nicht wollen, dann müssen Sie die Verantwortung übernehmen, dass hunderte Arbeitsplätze verloren gehen.“

Polar
Mit solchen Bildern drängten das Rathaus und Investor Krieger die Stadtverordneten, das Gewerbegebiet „In der Lach“ zu genehmigen. Groß eingezeichnet: ein Grundstück zur Rettung von Polar Mohr.

Kritische Stimmen gab es von Beginn an. Naturschützer verwiesen auf wertvolle Ackerflächen, andere auf alternative Standorte im Stadtgebiet. Der damalige Grünen-Fraktionschef Daniel Philipp kritisierte das Vorgehen deutlich: „Polar Mohr ist im Augenblick eine große Blackbox.“ Niemand wisse, ob das Unternehmen bleibe oder weiterverkauft werde. „Wir wissen nur, dass ein Investor in Diedenbergen eine wertvolle Ackerfläche gekauft hat, die er jetzt teuer veredeln will.“ Philipp bezeichnete die Pläne für ein Gewerbegebiet offen als „Gefälligkeitsplanung.“

Heute ist er Erster Beigeordneter im Rathaus – und muss nun genau diese Planung vorantreiben.

Auch Tanja Lindenthal von den Bürgern für Hofheim (BfH) warnte: „Das geht uns alles viel zu schnell.“ Ausgerechnet ihr Fraktionschef fiel ihr in den Rücken. Im Internet ist nachzulesen: „Am Ende bestimmte das Verhalten von Wilhelm Schultze das Ergebnis der Abstimmung: Er schlug sich auf die Seite von CDU, FDP und FWG. Damit hatte die Opposition keine Mehrheit mehr.“

Heute ist Schultze Bürgermeister im Rathaus – sein taktisches Manöver von damals zeigt sich heute als politischer Fehlschlag.

Anfang März will das Unternehmen entscheiden

Noch im vergangenen Sommer warb Edda Metz, eine Geschäftsführerin im Krieger-Konzern, öffentlich für Vertrauen. Man brauche Verlässlichkeit, das Gewerbegebiet dürfe nicht durch immer neue Diskussionen gefährdet werden. Vor Stadtverordneten tat sie so, als sei ein Umzug von „Polar Mohr“ ausgemachte Sache: Es gebe bereits konkrete Vereinbarungen mit dem Unternehmen.

Daraufhin erklärten die Grünen öffentlich, man wolle sich dem Gewerbegebiet nicht länger „in den Weg stellen“. Und sie schrieben auf ihrer Internetseite: „Die fortgeschrittene Entwicklung In der Lach und der bestehende Vertrag zwischen Polar und Krieger bewegen uns zum Nachgeben.“

Von „konkreten Vereinbarungen“ oder gar von einem Vertrag ist heute nicht mehr die Rede. Der neue PCT-Geschäftsführer, der Schweizer Manager Yorck Richter, verweist gegenüber der Lokalzeitung auf massiven Zeitdruck: Ein Umzug nach Diedenbergen bis zum geforderten Termin erscheine zunehmend unrealistisch. In Eschborn seien geeignete Flächen bereits gefunden.

Hinzu kommt die Kostenfrage: Hofheim plant eine Erhöhung der Gewerbesteuer, die Grundsteuer B soll sogar verdreifacht werden. Eschborn dagegen gilt als Steuerparadies für Unternehmen. Für Investoren, deren Geschäftsmodell auf Rendite ausgerichtet ist, ist das kein nebensächlicher Faktor.

Für die Stadtpolitik wäre ein Wegzug von Polar ein schwerer Schlag. Seit zwei Jahren wird das Gewerbegebiet „In der Lach“ mit dem Argument vorangetrieben, Arbeitsplätze sichern zu müssen. Heute steht Hofheim vor der unangenehmen Frage: Wurde ein neues Gewerbegebiet vor allem für ein Unternehmen geplant, das möglicherweise gar nicht bleibt?

Eine Entscheidung soll bei „Polar Mohr“ – oder genauer: bei der „PCT Maschinenbau GmbH“ spätestens Anfang März fallen, für den 5. März ist eine Betriebsversammlung angekündigt. Wenn das Unternehmen dann geht – was bleibt von der großen politischen Erzählung, dass hunderte Arbeitsplätze gesichert würden?

Die einst genannten rund 300 Arbeitsplätze gibt es längst nicht mehr. Derzeit sollen gerade noch etwa 200 Beschäftigte im Unternehmen arbeiten. Der Geschäftsführer spricht öffentlich davon, man müsse sich „gesundschrumpfen“, man habe noch immer zu viele Mitarbeiter.

In der Belegschaft kursieren Gerüchte, dass bei einem möglichen Umzug nur 50 bis 60 Mitarbeitende mitgehen könnten.

HN/TR

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