Willi Schultze, die Medien – und ein König auf dem Bürgermeisterthron

Willi Schultze, die Medien – und ein König auf dem Bürgermeisterthron

Dies ist die Geschichte eines Mannes, der einmal König war. Zumindest gefühlt. Und dann Bürgermeister von Hofheim wurde.

Dumm nur: Das echte Leben hat keine Hofkapelle.

„Vielleicht wäre er doch besser König von Lorsbach geblieben“, unkte ein Stadtverordneter an diesem Mittwochabend – leise genug, damit der Bürgermeister nichts hörte. Der Haupt- und Finanzausschuss tagte im Rathausanbau, an die hundert Zuschauer drängten sich im viel zu kleinen Sitzungssaal. Keine Mikrofone, schlechte Akustik, dicke Luft.

Es ging um den städtischen Haushalt. Und wie Millionen eingespart werden sollen, um die Bürger vor einer drastischen Erhöhung der Grundsteuer zu schützen.

Willi Schultze hat sich vor einigen Jahren selbst zum König von Lorsbach ausgerufen. Nun ist er noch keine sechs Monate Bürgermeister und wirkt wie ein König, dem man die Krone ein wenig schief gesetzt hat – dünnhäutig, irritiert vom Lärm der Realität und bisweilen erstaunt, dass das Volk sich nicht nach seinem Drehbuch richtet.


Ein Kommentar von THOMAS RUHMÖLLER


Gleich zu Beginn der Ausschusssitzung am Mittwoch nahm er sich das Wort – für ein ungewöhnliches persönliches Statement. Nicht zur Tagesordnung, sondern zur Tonlage im Städtchen.

Einzelne Verwaltungsmitarbeiter, sagte er, würden in den Medien „mit vollkommen haltlosen Unterstellungen konfrontiert“. Das sei er „nicht bereit weiter wortlos hinzunehmen und zu tolerieren“.

Kritik an der Rathausspitze? Gerne. Aber nicht an Mitarbeitern.

Es klang fürsorglich. Und ein wenig herrschaftlich. Öffentlichkeitsarbeit im Königreich Hofheim: bitte immer recht freundlich.

Nur ist Öffentlichkeit allerdings kein Schonraum. Wer Verantwortung trägt, arbeitet unter Beobachtung. Das gilt für Bürgermeister – und je nach Funktion auch für leitende Verwaltungsmitarbeiter. 

Und wer entscheidet eigentlich, was „haltlos“ ist?

Vertrauen statt kritische Nachfragen?

Ein König liebt Medien – solange sie ihn lieben. Er schätzt ihre Reichweite, ihre Trompeten, ihre Schlagzeilen. Wenn aber Zahlen nachgerechnet oder Unterlagen erbeten werden, heißt es sinngemäß: „Man muss auch Vertrauen haben.“

Vertrauen ist gut. Kontrolle ist bekanntlich kommunalrechtlich vorgeschrieben.

Die Lage ist ernst. Die Stadt steckt finanziell in großen Schwierigkeiten, der Kreis hat eine Revision entsandt, externe Fachleute prüfen seit Wochen die städtische Haushaltsführung – und das ausgerechnet mitten in den Beratungen der politischen Hochsaison.

Druck erzeugt Reibung. Und Reibung erzeugt Funken.

Irgendwie läuft es in der Hofheimer Verwaltung nicht rund. Die Stadt ist in ein Finanzdesaster geschliddert, und von den verbeamteten Finanzfachleuten hat das offenbar niemand kommen sehen – oder man wollte es nicht sehen. Bekanntlich dauerte es mehr als zehn Wochen, bis Willi Schultze das Ausmaß der Finanzkatastrophe wirklich erkannte.

Manche Stadtpolitiker blieben verblüfft zurück: Der König erwacht spät.

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So groß ließ sich der Chef der Rathaus-Finanzabteilung von der Lokalzeitung porträtieren. Solche netten Berichte dürften dem Bürgermeister gefallen – kritische Fragen dagegen möchte er offenbar am liebsten verbieten.
Bürgermeister
Auch dem Leiter des Fachbereichs Zentrales wurde ein netter Zeitungsbericht gewidmet. Letztes Jahr war er noch Büroleiter des früheren Bürgermeisters: Hat er den Brief des Landrat, der erst jetzt bekannt wurde, nicht gesehen?

Dass er sich dann eine Ex-Kollegin aus Hattersheim als Persönliche Referentin holte, obwohl doch ausdrücklich Sparen angesagt und sogar eine Haushaltssperre angeordnet worden war, wirkte wie Hofstaat statt Sparkurs. Personalpolitik mit königlichem Selbstverständnis.

Als Stadtverordnete Auskunft zur Personalsituation verlangten, hieß es: Geht nicht – Datenschutz. Umstrukturierungen in der Verwaltung seien „derzeit noch nicht vollständig konsolidiert und belastbar dokumentiert“, hieß es auch. Die Personalabteilung: ganz still. Die FDP beklagte: „null Transparenz“.

Kritisch wurde nachgefragt, warum es immer mehr Stadtpolizisten gebe, von denen offenbar immer weniger zur Arbeit kommen. Vielleicht sollte man die Organisations- und Führungsstrukturen untersuchen, schlug die FWG vor. Schultze reagierte brüsk: „Es gehört sich nicht, dass Sie hier unterschwellig Führungskompetenz untergraben.“ Merke: Respekt vor dem Amt!

Zuletzt tauchte urplötzlich, letzte Woche, ein Brief auf, den der Kreis vor Monaten ans Rathaus geschickt hatte – und in dem der Landrat forderte, dass die Stadtverordneten umfassend über die Finanzlage zu informieren seien. Damals musste alle wichtige Post über den Schreibtisch des Büroleiters des Bürgermeisters gehen. Und ausgerechnet dieser wichtige Brief soll dem Mann entgangen sein, so dass er erst jetzt gefunden wurde? Wie konnte das passieren? Schweigen. Die SPD sieht nur noch eine Lösung: einen Akteneinsichtsausschuss.

Interessant und aufschlussreich ist ein kurzer Blick in die Vergangenheit. Vor zwei Jahren, als der damalige CDU-Bürgermeister den Doppelhaushalt einbrachte, verzichtete Schultze, damals noch Stadtverordneter, auf jede Auseinandersetzung mit Zahlen. Selbst die Zeitung zeigte sich überrascht über sein Auftreten und notierte: „BfH-Fraktionschef Wilhelm Schultze wollte überhaupt nicht über Geld sprechen, sondern nutzte die Haushaltsrede, um die Stadtverordneten aufzufordern, kollegialer und konstruktiver miteinander umzugehen.“

Über Geld sprechen ist mühsam. Über Stilfragen deutlich angenehmer.

Ein Brief nur für Rathaus-Mitarbeiter

Mitte Januar verschickte Schultze einen Brief. Er war vertraulich gedacht, ausschließlich bestimmt für die Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Das Schreiben liegt Hofheim-News vor. Die Lage sei ernst, schrieb er, sie verlange „uns allen viel ab“.

Er hatte eine beruhigende Botschaft: „Die pünktliche und vollständige Auszahlung Ihrer Gehälter ist selbstverständlich sichergestellt.“  Es werde keine betriebsbedingten Kündigungen geben, schrieb er auch: „Ihre Arbeitsplätze und Ihre persönliche Existenzsicherheit stehen für mich außer Frage.“

Das ist sozialpolitisch löblich. Aber in diesen turbulenten Zeiten auch fast schon exotisch.

Schon diesen internen Brief, das war auch der Anlass, nutzte Schultze für ausführliche Medienschelte. Ein Onlineblog veröffentliche „immer wieder Inhalte, die sich auf interne Vorgänge und insbesondere auf Personalangelegenheiten beziehen“, schrieb Schultze. Und weiter: „Persönliche Angriffe, Verdächtigungen oder das bewusste Streuen interner Informationen nach außen missbillige ich ausdrücklich und werde dies nicht dulden.“

Es klang nach königlicher Kommandosprache, nicht nach freiem Diskurs.

„Nicht dulden“ – ein starkes Wort für jemanden, der die Pressefreiheit selbstverständlich achtet.

Kritik ist kein Betriebsunfall

Die Presse tut in diesem Gefüge nichts Exotisches. Sie fragt. Sie prüft. Sie veröffentlicht. Manchmal unbequem, gelegentlich überspitzt, oft lästig – aber systemimmanent.

Kritik ist kein Betriebsunfall der Demokratie. Sie ist ihr Normalzustand.

Vielleicht liegt hier das Missverständnis: Das Amt verleiht Autorität, aber keine Deutungshoheit. Es schafft Gestaltungsspielraum, aber keinen Anspruch auf wohltemperierte Berichterstattung.

Oder, um es mit einem Märchenbild zu sagen: Ein König kann sich Hofberichterstatter wünschen.

Ein Bürgermeister bekommt Journalisten.

Und gute Journalisten schreiben nun mal, was sie für relevant halten – nicht, was ihnen aufgetragen wird.

Man kann es beklagen, tadeln oder „nicht dulden“ wollen.

Oder man kann es aushalten.

Bürgermeister von Hofheim zu sein, ist kein Märchen.

Es ist das Märchen von einem König, der Bürgermeister wurde.

Er versteht sich als Freund der freien Rede – solange sie ihm freundlich gesinnt erscheint. Die sozialen Medien sind sein Garten, in dem er lustwandelt und sich verstanden fühlt. Freiheit, so denkt er, ist schließlich kein Freifahrtschein für schlechte Laune. Und überhaupt: Das Volk will Zuversicht. Warum also immer dieses Stirnrunzeln?

Manchmal, spät am Abend in seinem Wildsachsener Palästchen, wenn es ruhig ist und selbst die Pressesprecher schlafen, beschleicht Willi Schultze vielleicht ein Gedanke: Vielleicht sind unbequeme Fragen kein Angriff, sondern ein Spiegel.

Vielleicht gehört es zur Würde eines Amtes, diesen Spiegel auszuhalten.

Am nächsten Morgen ist dieser Gedanke meist verflogen. Dann wird seine Kommunikationsstrategie geschärft. Transparenz – ja. Aber bitte nur mit Samthandschuhen.

Und Loyalität ist ohnehin die schönste Form der Berichterstattung.

Bürgermeister von Hofheim zu sein, ist kein Märchen. Es ist ein Amt in einer Demokratie. Und die hat nun einmal die Eigenschaft, dass sie laut ist. Und widerspenstig. Mitunter auch unerquicklich.

Aber genau darin liegt ihre Stärke.

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