Wüste Droh-Mails ans Rathaus: Wie Kriftel bundesweit in die Schlagzeilen geriet
Hofheims Nachbargemeinde Kriftel wurde zuletzt im Internet groß gefeiert – doch was sich wirklich hinter den Kulissen abspielte, blieb verborgen. Jetzt steht der Ort wegen eines brisanten Falls im Fokus: Ein Asylbewerber soll über Monate hinweg Rathausmitarbeitende und andere Behörden massiv bedroht haben. Die Polizei ermittelte, schwieg jedoch gegenüber der Öffentlichkeit – und überließ die Berichterstattung einem rechtsgerichteten Onlineportal.
Es ist eine kräftige Konkurrenz im Kleinen: Hofheim und Kriftel – Kreisstadt und Dorf – teilen Nähe und Zusammenarbeit, zugleich schwingt stets ein unterschwelliger Vergleich mit. Gerade noch erhielt Kriftel in einem „Gude-Ranking“ mit 10 von 10 Punkten eine Traumbeurteilung – ausgerechnet von einem Hofheimer.
Während die Nachbarschaft noch über die Bestnoten staunte, geriet der 11.000-Einwohner-Ort nun aus einem völlig anderen Grund bundesweit in die Schlagzeilen: Über Monate soll ein syrischer Asylbewerber Mitarbeitende in Behörden mit schweren Straftaten bedroht haben. Die Polizei und auch das Rathaus versuchten wochenlang, den Fall unter Verschluss zu halten. Doch dann wurde er bekannt: Die Informationen waren einem rechtsgerichteten Onlineportal in Berlin zugespielt wurden – angeblich aus Sicherheitskreisen.
Polizei und Gemeinde bestätigen inzwischen die zentralen Fakten. Demnach steht ein in Kriftel wohnender 34-jähriger Flüchtling im Verdacht, über Monate zahlreiche E-Mails verschickt zu haben. Die Behörden ordnen die Nachrichten als „teils beleidigend, teils bedrohlich“ ein; spätere Berichte und Zitate aus den Mails deuten jedoch auf eine ernsthafte Bedrohungslage hin: Die Schreiben des Syrers, der mit der Flüchtlingswelle 2016 nach Deutschland gekommen war, sollen extreme Gewaltfantasien sowie wüste Beschimpfungen gegen Deutschland, das Christentum und Frauen enthalten.
Die überwiegend nachts verschickten Mails des Mannes – von der Polizei nur als „Herrn K.“ bezeichnet – gingen gezielt an Mitarbeitende der Gemeindeverwaltung Kriftel, des MTK-Landratsamts und des Polizeipräsidiums Westhessen.
Die Polizeipressestelle Westhessen, die in Wiesbaden ihren Sitz hat und für Hofheim und Kriftel zuständig ist, will sich zu weiteren Details nicht äußern und erklärt auf Nachfrage: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir zu den laufenden Verfahren keine weiteren Angaben machen können.“
Klar ist jedoch: Es blieb nicht bei E-Mails. „Es wurden bereits mehrere Ermittlungsverfahren wegen Sachbeschädigungen an die Amtsanwaltschaft Frankfurt am Main abgegeben, bei denen ein Tatverdacht gegen Herrn K. bestand“, heißt es weiter.

Die Öffentlichkeit wurde darüber nie informiert, und genau das sorgt inzwischen für Kritik. Die Polizeipressestelle verschickt tagtäglich Meldungen über Straftaten – zuletzt wurden aus Kriftel der Diebstahl eines Fahrrads und ein Wohnungseinbruch gemeldet. Selbst kleinere Delikte werden routinemäßig veröffentlicht: Ladendieb gefasst, Autofahrer mit Promille (ohne Unfall) erwischt oder Hausfassade beschmiert – die Polizei berichtet. Immer.
Im Fall des Syrers blieb jedoch jede Meldung aus. Auf Nachfrage erklärt die Polizei: „Im vorliegenden Fall handelte es sich um schriftliche Äußerungen an einen eingegrenzten Personenkreis, die aufgrund eines feststehenden Tatverdachts keiner Pressemitteilung bedurften.“
Die Wahrnehmung des Falls klafft stark auseinander: Die Polizei spricht von „schriftlichen Äußerungen“ an einen „begrenzten Personenkreis“ – was bemüht harmlos klingt. Das Onlineportal „Nius“ dagegen schildert die Inhalte der Mails drastisch, berichtet von Gewaltfantasien und Hassbotschaften – und belegt das auch mit zahlreichen Zitaten aus den Nachrichten. Anfang dieses Jahres soll der Syrer demnach auch terroristische Akte angekündigt haben.
Die Polizei bestätigt diese Inhalte nicht im Detail, verweist aber auf „weit über hundert E-Mails mit teils beleidigendem Inhalt“.
Medien und Behörden verfolgen unterschiedliche Strategien: Während die Berichterstattung die Bedrohung oft zuspitzt, versuchen Polizei und Gemeinde, die Situation realistisch einzuschätzen und unnötige Panik zu vermeiden. Gerade bei Straftaten von Ausländern müssen sie abwägen: Die Bürger sollen informiert, laufende Ermittlungen geschützt und Vorurteile vermieden werden.
Im Fall Kriftel hatte die Entscheidung, den Vorfall nicht öffentlich zu machen, den gegenteiligen Effekt: Die behördliche Zurückhaltung ließ den Vorfall umso brisanter erscheinen – und nährt Spekulationen über eine mögliche Verschleierung. So erreichten die Informationen das Onlineportal „Nius“, ein politisch rechts eingeordnetes Nachrichten- und Meinungsmedium mit oftmals provokativer Rhetorik.

Natürlich setzt die Situation die Behörden in ein Spannungsfeld: Jede Maßnahme, die Kommunikation einschränkt, kann Misstrauen oder Kritik verstärken. Polizei und Gemeinde müssen zwischen Transparenz einerseits und Sicherheit und dem Schutz der Bevölkerung vor übermäßiger Beunruhigung andererseits abwägen.
In Kriftel wurde die notwendige Balance zwischen Transparenz, Sicherheit und Beruhigung der Bevölkerung offensichtlich nicht gehalten. Wäre der Vorfall wie jede andere Straftat behandelt worden, hätte er vermutlich kaum bundesweite Aufmerksamkeit erregt.
Kriftel: Polizei führte „Gefährdergespräche“ mit Täter
Erwartbar zieht das Onlineportal einen Vergleich, den die Gemeinde ausdrücklich für nicht seriös hält: Im Dezember 2024 fuhr ein Mann aus Saudi-Arabien mit einem Auto in einen Weihnachtsmarkt in Magdeburg, tötete sechs Menschen und verletzte mehr als 300 weitere. Auch dort hatte es zuvor Gewaltandrohungen gegeben, die von den Behörden offenbar nicht ausreichend ernst genommen wurden. Die Parallele verdeutlicht, warum Medien und Öffentlichkeit bei solchen Fällen besonders sensibel reagieren.
Nach Angaben der Behörden wurden in Kriftel verschiedene Maßnahmen ergriffen. „Es wurden unter anderem Kontakt- und gefährdungsberatende Gespräche mit den betroffenen Personen geführt“, sagt die Polizei. Und: „Mehrere Gefährderansprachen mit Herrn K.“ hätten stattgefunden. Gefährderansprachen ist ein Fachbegriff der Polizei: Mit Personen, denen schwere Straftaten zugetraut werden, wird gesprochen – sie werden gewarnt, um mögliche Taten zu verhindern.
Im Krifteler Rathaus zeigt man sich über die bundesweite Aufmerksamkeit naturgemäß wenig erfreut.„Es ist zutreffend, dass verschiedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung beleidigende und bedrohende E-Mails erhalten haben“, sagt die Sprecherin der Gemeinde auf Nachfrage. Man habe den Sachverhalt von Anfang an ernst genommen und alle E-Mails schnellstmöglich an die Polizei weitergeleitet und zur Anzeige gebracht. „Wir stehen stetig in enger Abstimmung mit allen betroffenen Behörden, Polizei und Justiz.“
Teile der medialen Darstellung hält die Gemeinde für überzogen, zudem bewertet sie die Plattform „Nius“ als unseriös. Am Wahrheitsgehalt der Berichterstattung insgesamt besteht jedoch offenbar kein Zweifel.
So wird auch nicht bestritten, was das Portal schreibt: dass Anwohner in Kriftel von Polizeibeamten darauf hingewiesen worden sein sollen, bei Begegnungen mit dem Mann vorsichtig zu sein – konkret: Sie sollten, wenn sie Herrn K. im Ort begegneten, die Straßenseite wechseln.
HN/TR

