Der Bürgermeister, seine Freundin – und das Rätsel der Personalrochade

Der Bürgermeister, seine Freundin – und das Rätsel der Personalrochade

Enge politische Netzwerke können Türen öffnen – oder zum Risiko werden. Für Hofheims Bürgermeister Wilhelm Schultze könnte genau das nun zum Thema werden. Gemeinsam mit seinem Hattersheimer Kollegen Klaus Schindling steht er wegen einer umstrittenen Personalentscheidung unter öffentlicher Beobachtung: Schultze holte eine frühere Kollegin aus Hattersheim als Persönliche Referentin nach Hofheim, während seine Freundin eine neue Stelle im Hattersheimer Rathaus erhielt. Kritiker sehen darin nicht nur ein politisch fragwürdiges Vorgehen, sie äußern auch den Verdacht eines möglichen Verstoßes gegen Ausschreibungs- und Transparenzpflichten. Ob rechtlich tatsächlich Grenzen überschritten wurden, ist bislang offen – sicher ist jedoch: Der Fall wirft über die politische Dimension hinaus brisante rechtliche Fragen auf und dürfte Hofheims Bürgermeister noch eine Weile begleiten.

Anonyme Vorwürfe sind ein scharfes Schwert – wer sie veröffentlicht, übernimmt Verantwortung. Das Kreisblatt entschied sich dennoch, genau das zu tun. An gleich zwei Tagen berichtete die Zeitung prominent über ein anonymes Schreiben, in dem sich angebliche Mitarbeiter der Hattersheimer Stadtverwaltung über den Führungsstil ihres Bürgermeisters beklagen.

Besonders brisant: In dem Bericht taucht dieser folgenschwere Satz auf – Zitat: „So soll der Bürgermeister innerhalb des Rathauses mit Rechtsbrüchen kokettiert haben – erwähnt wird die Einstellung einer Verwaltungskraft aus dem Rathaus einer anderen Main-Taunus-Kommune, für die es keine Ausschreibung gegeben habe.“

Einstellung ohne Ausschreibung? Rechtsbrüche in Rathäusern? So berichtet die Zeitung. Wer die Region kennt, weiß sofort, welche Main-Taunus-Kommune gemeint ist: Hofheim am Taunus, die Kreisstadt.

Was ist da wirklich gelaufen zwischen Hattersheim und Hofheim?

In den Hauptrollen stehen zwei Männer, die sich seit Jahren kennen. Wilhelm Schultze, seit September Verwaltungschef in Hofheim, hatte nach seinem Studium einige Zeit im Hattersheimer Rathaus gearbeitet – in der Abteilung Wirtschaftsförderung. Zwischen ihm und seinem damaligen Chef, Bürgermeister Klaus Schindling, entwickelte sich ein enges Verhältnis, das manche als Vater-Sohn-Verhältnis wahrnahmen.

Schultze Rap
Screenshot aus dem Schultze-Video: Aus dem Off tritt Hattersheims Bürgermeister Klaus Schindling von rechts ins Bild – Schultze begleitet die Szene mit demonstrativem Lob.

Als Schindling 2022 wiedergewählt werden wollte, machte Schultze öffentlich Wahlkampf für ihn – mit einem YouTube-Filmchen samt selbst getextetem Song. Ein Hofheimer Kommunalpolitiker von dern „Bürgern für Hofheim“ (BfH) wirbt für den Hattersheimer CDU-Bürgermeister – Textauszug aus Schultzes Video: „Das ist nicht Schilli Schilli Bäng Bäng, das ist der Schi Schi Schindling (…) Was der alles erreicht hat, macht so schnell keiner nach.“

Rap trifft Lobhudelei. Müder Beat, Phrasen so platt wie ein Teppichboden. Nun ja…

Personalrochade: Freundin geht – Persönliche Referentin kommt

Im März des vergangenen Jahres wurde Schultze in Hofheim zum Rathauschef gewählt. Kurz zuvor hatte er eine „alte Liebe wiederentdeckt“ – wie er später selbst über soziale Netzwerke bekanntgab. Die junge Frau arbeitete damals im Hofheimer Rathaus im sogenannten „Sitzungsdienst“ – der Abteilung, in der die Unterlagen für die Sitzungen der Stadtverordneten und anderer kommunaler Gremien vorbereitet werden.

So kamen sich die beiden näher: Er war Stadtverordneter und Vorsitzender der BfH-Fraktion. Sie schnürte für ihn die Unterlagen.

Mit Schultzes Wahl zum Bürgermeister wurde die Situation heikel: Er wäre nun der direkte Vorgesetzte seiner Freundin gewesen. Eine Lösung fand sich schließlich in Hattersheim – und genau diese Entscheidung löste die aktuelle Kontroverse aus.

Die enge Verbindung zwischen den beiden Männern dürfte den Weg geebnet haben. Es folgte eine Personalrochade: Schultzes Lebensgefährtin wechselte ins Hattersheimer Rathaus – und wenig später kam eine Mitarbeiterin aus Hattersheim nach Hofheim. Melani Radovic stieg in der Kreisstadt gleich ganz oben ein: Sie übernahm die neu geschaffene Position „Persönliche Referentin“ und „Büroleiterin des Bürgermeisters“ – Bruttogehalt: über 7.500 Euro.

Die Entscheidung blieb zunächst weitgehend unter dem Radar – aus gutem Grund. Aufgrund der angespannten Finanzlage und der ohnehin üppigen Personalausstattung im Rathaus hatte der Magistrat eigentlich eine Stellenbesetzungssperre verhängt. Doch was der Magistrat nimmt, kann er auch wieder geben: Auf Drängen des neuen Bürgermeisters wurde die Sperre vorübergehend aufgehoben, sodass die neu geschaffene Rathausstelle besetzt werden konnte.

Die Hofheim-News berichteten exklusiv. Große Aufregung in der Stadt. Lokalpolitiker reagierten empört und stellten eine offizielle Anfrage an den Magistrat. Der Magistrat wiegelte ab: alles rechtens – zumindest nach eigener Darstellung.

Mittlerweile schien Gras über die Sache gewachsen zu sein. Nur im Rathaus Hofheim wird hinter vorgehaltener Hand weiter gelästert: „Drei Engel für Willi“ – eine augenzwinkernde Anspielung auf die Fernsehserie „Drei Engel für Charlie“. Hofheims Bürgermeister leistet sich gleich zwei Sekretärinnen, die er vom Vorgänger übernommen hat – und jetzt auch noch die neue Persönliche Referentin.

Für eine Kleinstadt ist das keine kleine Entourage.

Das sagt Bürgermeister Schultze zu den Vorwürfen

Was auf den ersten Blick wie harmlose Anekdoten wirkt, wirft grundlegende Fragen zur Fairness, Transparenz und zur korrekten Verwendung öffentlicher Mittel auf. Werden Ausschreibungen oder Verwaltungsregeln missachtet, können nicht nur einzelne Bewerber benachteiligt werden – es geht auch um die Chancengleichheit im öffentlichen Dienst und das Vertrauen der Bürger in die Stadtverwaltung.

So flammte jetzt die Debatte, ausgelöst durch das anonyme Schreiben, erneut auf. Denn die Zeitung kolporiert das Gerücht: Schindling soll auf dem Rathausflur erzählt haben, dass er eine Verwaltungskraft aus einer anderen Main-Taunus-Kommune ohne öffentliche Ausschreibung eingestellt habe – zu einem „fürstlichen Gehalt“. Vor Zeugen, so berichtet die Zeitung unter Berufung auf den anonymen Brief, habe Schindling zudem gesagt, dass eine seiner Verwaltungskräfte in eine andere Kommune wechseln werde – noch bevor das vorgeschriebene Bewerbungsverfahren in Hofheim begann.

Was ist dran an diesen Vorwürfen?

Hattersheims Bürgermeister weist sie in der Lokalzeitung vehement zurück: „Falsch und unbelegt“, lässt er sich zitieren. „Es handelt sich eindeutig um strafrechtlich relevante Verleumdungen. Hiergegen werde ich mich rechtlich zur Wehr setzen.“

Und was sagt man im Hofheimer Rathaus dazu?

Bürgermeister
Screenshot vom Instagram-Account von Willi Schultze: Beim Gruppenfoto einer Feier im Güterschuppen positioniert sich Schultze demonstrativ mit seiner Freundin in der ersten Reihe.

Wir konfrontierten Wilhelm Schultze mit dem Zeitungsbericht und dem Verdacht, dass beim Personalwechsel seiner Freundin in Hattersheim sowie bei der Einstellung seiner ehemaligen Hattersheimer Kollegin in Hofheim nicht alles rechtens gelaufen sein soll.

Schultze lässt seine Antwort von einem Rathaussprecher übermitteln. Sie wirkt sorgfältig formuliert – juristisch geprüft, nüchtern, ohne jede emotionale Regung. Keine Bestätigung, keine Entschuldigung, nur Worte, die vor allem eines signalisieren: Vorsicht und rechtliche Absicherung.

Erster Satz: „Zu Personalangelegenheiten anderer Kommunen nehmen wir grundsätzlich keine Stellung.“ Dazu hatten wir ihn auch nicht gefragt…

Dann geht es um Hofheim: „Bei der Stadt Hofheim gab es für die Stelle der Fachbereichsleitung Büro des Bürgermeisters und gleichzeitig Persönliche Referentin des Bürgermeisters eine öffentliche Ausschreibung mit der bekannten tariflichen Eingruppierung E14, auf die sich Frau Radovic beworben und unter mehreren Bewerberinnen und Bewerbern erfolgreich durchgesetzt hat. Die Auswahl erfolgte wie bei allen Bewerbungsverfahren durch ein mehrköpfiges Auswahlgremium.“ 

Und schließlich der entscheidende Satz: „Den in der Berichterstattung erweckten Eindruck möglicherweise rechtswidrigen Handelns sowie die Andeutungen einer Verknüpfung von Personalangelegenheiten der Städte Hofheim und Hattersheim weisen wir entschieden zurück.“

Spätestens hier darf man skeptisch sein: Die Lebensgefährtin des Bürgermeisters wechselt zügig von Hofheim nach Hattersheim – kurz darauf holt dieser Bürgermeister eine frühere Kollegin aus Hattersheim als Persönliche Referentin nach Hofheim. Zu sagen, es gebe keinerlei Zusammenhang, ist formal möglich. Glauben muss man es nicht zwingend.

Abschließend teilt die Rathaus-Pressestelle im Namen des Bürgermeisters noch mit: „Zu seiner Partnerschaft äußert sich Herr Bürgermeister Schultze nicht öffentlich und hat dies auch in den sozialen Medien, anders als in Ihrer Fragestellung suggeriert, nie namentlich getan. Von einer namentlichen Nennung seiner Partnerin bitten wir daher abzusehen.“

Dem kommen wir nach und verzichten auf eine Namensnennung – als freundliche Geste. Verstehen muss man den Wunsch des Bürgermeisters nicht: Was soll die Geheimnistuerei? Hat Schultze nicht selbst auf Instagram öffentlich gemacht, dass ihn das vergangene Jahr glücklich gemacht habe – weil er eine „alte Liebe“ wiederentdeckt hat?

Dazu postete er Fotos von sich mit seiner Freundin. Eine offene Selbstinszenierung, die im krassen Gegensatz zur nun offiziell eingeforderten Zurückhaltung steht.

Aber vielleicht hat Willi Schultze auch erkannt, dass die Personalrochade und die damit verbundenen rechtlichen Fragen nicht einfach mehr mit ein paar Worten weggewischt werden können.


Unser Bild oben zeigt einen Screenshot vom Instagram-Account des Hofheimer Bürgermeisters: Bei einer Feier legt seine Freundin Schultze liebevoll den Arm um ihn – aufgenommen von hinten.


HN/TR

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